Usbekistan: Stadt ohne Sprache

Wer in Andischan recherchieren will, stösst auf Angst und einen allgegenwärtigen Sicherheitsapparat

Von Ulrich Heyden, Andischan*

Der Tag nach dem Fastenmonat ist auch im ostusbekischen Andischan ein Feiertag. Wochenlang durfte tagsüber nichts gegessen werden; auch Rauchen in der Öffentlichkeit war untersagt. Nun kehren die Menschen wieder zu ihrem normalen Rhythmus zurück. Am Tag nach der Fastenzeit strömen die Männer zur Moschee. Das Gotteshaus ist überfüllt, viele knien deshalb direkt auf der Strasse in langen Reihen, Schulter an Schulter auf mitgebrachten Teppichen. Ein Lautsprecher überträgt das singende Gebet des Mullahs. Nach der Andacht gehen die Männer mit ihren Familien auf die Friedhöfe. Dort knien sie an den Gräbern der Angehörigen, die im letzten Jahr gestorben sind. Zärtlich streicht eine Frau über den sandigen Grabhügel. Sie weint und murmelt leise ein Gebet. Das Grab auf einem der grossen Friedhöfe von Andischan hat nur eine Nummer. Nur die Frau weiss, wer hier begraben ist.

Hunderte sind bei dem Aufstand am vergangenen 13. Mai in Andischan getötet worden. Regierungstruppen schossen wahllos auf eine Menschenmenge, die auf dem Baburplatz vor dem Hokimiat - der Regionalverwaltung - demonstrierte und ihrer Unzufriedenheit mit den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen Ausdruck verlieh. Entzündet hatte sich der Protest an einem Prozess gegen 23 Geschäftsleute, die angeklagt waren, Mitglieder der terroristischen Vereinigung «Akramija» zu sein. Für den 13. Mai war die Urteilsverkündung geplant. Doch dazu sollte es nicht kommen. In der Nacht zuvor stürmte eine unbekannte Gruppe von fünfzig bis hundert Männern das örtliche Gefängnis und befreite die Gefangenen. Danach verschanzten sich die Angreifer im Hokimiat, vor dem am Morgen die Kundgebung begann.

Der Menschenrechtler Abdusalom Ergaschow schätzt, dass bei den Unruhen tausend Menschen getötet wurden. Die Regierung spricht von 187 Toten. Eine unabhängige Untersuchungskommission hat die Regierung in Taschkent bisher nicht zugelassen. Auch die Sanktionen der EU führten bisher nicht zu einem Einlenken. Ein grosser Teil der Leichen sei mit Flugzeugen in andere Landesteile gebracht worden, sagt Ergaschow, der dem Menschenrechtskomitee im Bezirk Fergana vorsteht. «Die Machthaber befürchteten, dass die Kundgebung in Andischan zum Auslöser für einen Aufstand in ganz Usbekistan würde. Im ganzen Land herrschen Arbeitslosigkeit und Armut.»

Viele Menschen wissen nicht, wo ihre Angehörigen beerdigt wurden. Nach ihnen zu suchen, ist gefährlich. «Wer zu graben anfängt, wird sofort verhaftet», sagt der Taxifahrer Rafschan. Der Mann, der eines dieser typischen viereckigen usbekischen Käppchen trägt, kann seine Wut nicht mehr beherrschen. Als wir den Tscholpon-Prospekt hinunterfahren, eine der Hauptstrassen von Andischan, macht Rafschan eine ausholende Armbewegung: «Hier war alles voll mit Toten.» Dann zeigt er auf die Einschusslöcher an den Laternenmasten. Am einen Ende der Strasse habe ein Schützenpanzer gestanden, erzählt Rafschan. Dessen Besatzung habe die Flüchtenden einfach niedergeschossen. Der Taxifahrer schimpft auf die Regierung und die örtliche Verwaltung. Die sei völlig korrupt. «Wie viele Tote es gab? Fünfhundert? Nein, über tausend. Die ganze Strasse war von Leichen übersät.» Auf das Ausland ist er sauer. «Wo waren Sie im Mai?», fragt er aufgeregt. «Die Welt hat uns vergessen. Nicht einmal Kofi Annan ist zu uns gekommen.»

Das usbekische Regime hält an seiner Version der Ereignisse vom 13. Mai fest: Demzufolge hat die islamistische Gruppe «Akramija» versucht, einen Aufstand anzuzetteln. Die Kämpfer seien auf Anweisung der USA im benachbarten Kirgisistan auf Militärbasen von Tschetschenen ausgebildet worden. Sie hätten die inhaftierten Geschäftsleute befreit und dann ein paar hundert Menschen zur Abhaltung einer Protestkundgebung gezwungen. Die Staatsanwaltschaft wiederholte während des Schauprozesses gegen die angeblichen Rädelsführer des Aufstandes vor dem Obersten Gericht in Taschkent diese Version. Die fünfzehn Angeklagten bestätigten sie. Schon am ersten Tag bekannten sie sich vollständig schuldig, was nach Ansicht von MenschenrechtlerInnen auf Folter hinweist. Einige der Angeklagten forderten gar die Todesstrafe für sich.

Das sechs Wochen dauernde Verfahren war gut vorbereitet. Nur einmal - am 14. Oktober - verlor die Staatsanwaltschaft die Kontrolle über die Verhandlung. Die 33-jährige Zeugin Machhuba Sokirowa, eine Mutter von vier Kindern, schilderte, wie die Sicherheitskräfte das Feuer auf die Menschen eröffneten. Sie sei dann mit ihren Kindern zur kirgisischen Grenze geflüchtet. Dort schossen die usbekischen Sicherheitskräfte erneut auf die Flüchtenden. Einer der flüchtenden Männer habe eines ihrer Kinder mit seinem Körper geschützt und sei von einer Kugel in die Stirn getroffen und getötet worden. «Ich spreche hier für die mutigen Menschen. Ich bin ihnen dankbar», sagte die Zeugin vor Gericht. «Sie haben kein Recht, so zu denken», entgegnete ihr der Staatsanwalt. Die Zeitungen in Taschkent behaupteten daraufhin, Frau Sokirowa habe Verwandte unter den Akramisten, denen sie verpflichtet sei.

Die fünfzehn Angeklagten wurden letzte Woche zu Haftstrafen von vierzehn bis zwanzig Jahren verurteilt. Immerhin verhängte das Gericht keine Todesstrafen. Präsident Islam Karimow hat angekündigt, die Todesstrafe ab 2008 ganz abzuschaffen. Über hundert weitere Angeklagte, die in Zusammenhang mit den Unruhen in Untersuchungshaft sitzen, warten noch auf ihren Prozess.

Nicht weit vom Hokimiat verkaufen drei russische Rentnerinnen alte Bücher, Blumentöpfe, alte Spritzen und Geschirr. So bessern sie ihre Rente von 30 000 Sum (umgerechnet rund dreissig Franken) im Monat auf. Im Untergrund gärt es, meinen die alten Damen im Flüsterton. «Es ist noch nicht ruhig in Andischan. Wir haben Angst. Wir wissen nicht, was kommt.» Angst vor neuen Unruhen wegen der angespannten sozialen Situation haben auch die Polizisten. Willkürliche Strassenkontrollen hätten nachgelassen, sagt Taxifahrer Rafschan.

Rafik ist ein junger Mann, der auf dem Markt von Andischan mit chinesischen Fernsehern handelt. Er berichtet, die Zollbeamten hätten ihre Kontrollen gelockert. Jetzt könne er Fernseher aus China gegen ein kleines Schmiergeld über die Grenze bringen. «Die Polizei hat Angst vor einer Verschärfung der Situation. Das Volk ist wütend», sagt der Menschenrechtler Abdusalom Ergaschow.

Die Suche nach Augenzeugen der Unruhen in Andischan ist schwierig. Die Machthaber hüten die Wahrheit über das Blutbad wie ein Staatsgeheimnis. Die Telefonanschlüsse der MenschenrechtlerInnen sind blockiert, gestört oder werden abgehört. Als ich in Asaka, einem Vorort von Andischan, den Menschenrechtler Abdugapur Dadabojew anrufe, meldet sich am anderen Ende der Leitung eine männliche Stimme. «Ich bin sein Sohn. Wissen Sie nicht, dass er verhaftet worden ist?» Wir verabreden uns am Busbahnhof der Stadt. Als ich dort eintreffe, spricht mich ein junger Mann in einem modischen Jackett an. «How are you? Do you like it here?» Dann zieht er seinen Dienstausweis aus der Tasche und fordert mich auf, mit zur Polizeizentrale zu fahren. Er bringt mich in einen riesigen Saal, das Dienstzimmer des stellvertretenden Polizeichefs. Dort haben sich zahlreiche Beamte versammelt. Die Neugier ist gross. Deutsche sind in Asaka selten. Das Verhör zieht sich über eine Stunde hin, unterbrochen von hektischem Telefonieren und Beratungen auf dem Flur. Die Fragen stellen der stellvertretende Polizeichef der Stadt, der Leiter des Geheimdienstes und einige niedrige Dienstränge. «Warum kamen Sie gerade nach Asaka?» - «Haben Sie Dadabojew angerufen?» - «Was ist das Ziel Ihrer Reise?» Ausweichende Antworten beantwortet der Polizeichef mit hochmütigem Lächeln.

Dann erklärt der Leiter der Registrierungsstelle für Ausländer, worum es eigentlich geht. Die ausländischen Korrespondenten würden «ganz falsch» berichten. Er legt die Fernbedienung des Fernsehers wie einen Pfeil vor sich auf den Tisch. «Sehen Sie, es ist wie mit einem Stück Pizza. Sie können die Information so verabreichen, oder ...», der Beamte drehte die Fernbedienung um neunzig Grad, «so.» Natürlich schiebt man sich das Pizzastück nicht quer in den Mund. Das muss auch einem Korrespondenten aus dem Westen einsichtig sein. Nach dem Verhör wird mir mitgeteilt, ich müsse Andischan innerhalb von 24 Stunden verlassen, sonst könne man nicht für meine Sicherheit garantieren. Welche Gefahr mir in der gut bewachten Stadt droht, wollte man nicht verraten.

Die totale Kontrolle und die täglich neuen Verhaftungen könnten genau das Gegenteil von dem bewirken, was die Machthaber wollten, sagt der Menschenrechtler Ergaschow. Wenn es jetzt im Winter wegen der ausbleibenden Gasversorgung wieder zu Protesten komme, könne die Situation schnell ausser Kontrolle geraten. Die Regierung habe keine Ansprechpartner mehr, weder unter den islamischen Organisationen, den Menschenrechtlern noch den kriminellen Autoritäten, die in Usbekistan ebenfalls über Einfluss verfügen. Ein Aufstand könne deshalb in Chaos ausarten.

Das Land ist vor Angst erstarrt. «Über Politik wird bei uns nicht geredet», sagt Kamil, ein junger Usbeke, den ich auf dem Rückflug vor der Passkontrolle im Moskauer Flughafen Domodjedowo treffe. «Ich rede erst über Politik, wenn ich einen russischen oder amerikanischen Pass habe.» Bedächtig wiegt Kamil das grüne Dokument mit den goldenen Buchstaben. Sein usbekischer Pass scheint ihm schwer in der Hand zu liegen, wie ein Stück Blei.

* Aus: Wochenzeitung WOZ (Schweiz), 24.11.2005


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