James A. Thurber: "Barack Obama wird gewinnen", 26.09.2012 (Friedensratschlag)
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"Barack Obama wird gewinnen"

Der Politologe Prof. James A. Thurber über die Präsidentenwahlen in den USA


Prof. James A. Thurber (Jg. 1943) stammt aus Oregon und ist Gründungsdirektor des Zentrums für Kongress- und Präsidentenangelegenheiten an der American University in Washington, D.C. Er arbeitete u.a. mit den Senatoren Hubert Humphrey, William Brock, Adlai Stevenson III sowie dem damaligen Senator und heutigen Präsidenten Obama zusammen. 2011 erschien sein jüngstes Buch »Obama in Office«. Mit ihm sprach für »nd« Reiner Oschmann.


nd: Kenner sagen, wenn Barack Obama nur gegen seinen Republikaner-Herausforderer Romney antreten müsste, wäre ihm der Sieg sicher. Doch da er gegen hohe Arbeitslosigkeit antritt, sei der Ausgang am 6. November offen. Was sagt Insider Thurber?

Thurber: Obama steht in einem engen Rennen, aber er wird es gewinnen. Gemessen an der Wirtschaftslage ist das erstaunlich, da mit Ausnahme von Franklin D. Roosevelt 1936 kein US-Präsident mit einer Arbeitslosigkeit wie heute wiedergewählt wurde. Der Hauptgrund, weshalb ich dennoch mit Obamas Sieg rechne, ist sein Gegner. Mitt Romney hat sich so viele Schnitzer geleistet, ist so hölzern und sieht sich an der Basis einer so überlegenen Organisation Obamas gegenüber, dass ich den Republikanern keine Chance gebe, diesen »Bodenkrieg« zu gewinnen.

Trotz ihres Geldvorteils?

Geld spielt im Wahlkampf eine immer größere Rolle. Ich erwarte, dass 2012 insgesamt rund sechs Milliarden Dollar eingesetzt werden, nach viereinhalb Milliarden 2008. Ja, die Republikaner haben mehr Geld als Obamas Demokraten, aber der Präsident hat seines – im Fernsehen und den wenigen entscheidenden »Battleground States«, den Bundesstaaten mit keiner klaren Neigung zu Republikanern oder Demokraten – cleverer eingesetzt. Gehen Sie davon aus, dass die Wahl in den sieben Staaten Ohio, Florida, Virginia, Colorado, Iowa, Nevada und New Hampshire entschieden wird. Geld kann den Unterschied bewirken, trotzdem brauchen Sie einen guten Kandidaten, und Obama liegt bislang in allen »Battleground States« vorn.

Kann sich Romney vom jüngsten Fehltritt erholen, als er 47 Prozent der Wähler als Schmarotzer bezeichnete?

Theoretisch ja, etwa wenn er sich bei der ersten der drei Fernsehdebatten am 3. Oktober als Kommunikator im Stil eines Bill Clinton präsentiert. Daran glaube ich nicht.

War der umjubelte Auftritt des Expräsidenten auf dem Parteitag der Demokraten nur die willkommene Späthilfe für Obama oder ein frühes Signal für die Präsidentschaftskandidatur seiner Frau und Außenministerin Hillary 2016?

Das Verhältnis Obamas zu den Clintons ist hoch komplex, nachdem ersterer die damalige Konkurrentin Hillary bei den Vorwahlen 2008 attackiert und sie wie ihr Mann Gegenangriffe gefahren hatten. Bill kalkuliert heute, dass es seiner Frau, die Präsidentin werden will, zugutekommt, wenn er Obama unterstützt. Im Moment wird viel davon geredet, wie erschöpft Hillary von ihrem aufreibenden Job als Außenministerin sei und deshalb aufhören wolle. Doch in ein paar Jahren werden verschiedenste Seiten der Demokraten und ihr Gatte Hillary aufs Heftigste bedrängen, erneut fürs Präsidentenamt zu kandidieren. Sie wird genau das tun!

Das würde Obama nicht anfechten, weil er nicht ein drittes Mal kandidieren könnte.

Genau. Clinton berät Obama in wichtigen Wahlkampf- und inhaltlichen Fragen, im Gegenzug hört Obama auf Bill. Das ist der Deal. Er wird Hillarys langfristigem Ziel enorm helfen. Im Fall von Obamas Wiederwahl wird sie sofort als nächste Präsidentschaftskandidatin gehandelt werden ...

Was waren die drei wichtigsten Erfolge Obamas?

Als Erstes das wirtschaftliche Ankurbelungsprogramm gleich nach Amtsantritt. Dann das Paket zur nationalen Gesundheitsreform, das Kosten, Qualität der Versorgung, Finanzierung und persönlichen Zugang regelt. Drittens Reformschritte zur Begrenzung des Zockens im Finanzsektor.

Und die Top Drei von Obamas Fehlleistungen?

Die Erste war eine gewisse Naivität, wie Washington funktioniert. Er wollte den Politbetrieb weniger parteiisch, zivilisierter gestalten und den Einfluss mächtiger Lobbygruppen zurückdrängen. Nichts davon geschah, die Lage ist heute noch schlimmer.

War er nur naiv oder nicht auch feige?

Nein. Er hat viel versucht. Ich habe mit ihm in den Punkten Lobbyismus und Reform der politischen Ethik zusammengearbeitet. Er wollte Washingtons Charakter verändern, durch lösungsorientierte Verständigung mit den Republikanern. Doch die haben ihn immer abblitzen lassen. Das bringt mich zu seinem zweiten Versager: Er hat keine Freunde im Kongress und mag die Einrichtung nicht. Seine dritte Schwäche: Er macht keinen Gebrauch von der Beratungskraft seines Kabinetts.

Wird das in den USA produzierte Mohammed-Schmähvideo die Wahl beeinflussen?

Sofern die Chose nicht noch künstlich aufgeblasen wird, schließe ich das aus. Wenn überhaupt, wird sie Wähler eher veranlassen, sich um den Präsidenten zu scharen.

Warum stirbt heute der sprichwörtliche amerikanische Optimismus?

Die Realität der Arbeitslosigkeit, die Realität der Regierungskrise, die Realität harter, schmerzhafter Entscheidungen, die Präsidenten treffen müssen, dazu die Wirklichkeit großer Defizite und Schulden – der Reiz des Neuen und Hellen, der Obama anfangs umgab, die mit ihm verbundene Hoffnung auf Wandel, all das ist von der Wirklichkeit zurechtgestutzt worden, welt- wie innenpolitisch.

* Aus: neues deutschland, Dienstag, 25. September 2012


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