USA: Freispruch für weißen Todesschützen, 16.07.2013 (Friedensratschlag)
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Freispruch für Todesschützen

Für US-Gericht war Ermordung eines unbewaffneten 17jährigen Schwarzen Notwehr *

Eine Jury im US-Bundesstaat Florida hat im Fall der Ermordung des 17jährigen Trayvon Martin den Todesschützen George Zimmerman für »nicht schuldig« befunden. Der 29jährige Zimmerman hätte im Falle eines Schuldspruchs zu lebenslanger Haft wegen schweren oder zu 30 Jahren wegen einfachen Totschlags verurteilt werden können. Am Abend des 26. Februar 2012 hatte Zimmerman, damals Mitglied einer Bürgerwehr in einem Wohngebiet von Sandford, den 17jährigen Martin erschossen, weil er diesen angeblich für einen Einbrecher hielt. Er habe in Notwehr gehandelt. Martin war jedoch nach Angaben seiner Familie und belegt durch die Beweisaufnahme auf dem Rückweg vom Einkauf in einer nahe gelegenen Tankstelle.

Allein die Tatsache, daß der unbewaffnete schwarze Teenager in einem Kapuzenpulli durch das von Zimmerman bestreifte Wohngebiet lief, hatte ihn für den Nachbarschaftswächter verdächtig gemacht. Daß es regnete und Martin sich deshalb die Kapuze übergezogen hatte und daß er sein Handy am Ohr hatte und mit seiner Freundin telefonierte, als Zimmerman seine Verfolgung aufnahm, ergab erst der Prozeß. Trotzdem sprach die aus sechs Frauen – fünf Weißen und einer Schwarzen – bestehende Jury Zimmerman nach nur 16stündiger Beratung am Samstag frei, weil sie »begründete Zweifel« an seiner Täterschaft hegte und sich außerstande sah, eine einstimmige Entscheidung zu fällen. Richterin Deborah Nelson bestätigte das Urteil und erklärte, Zimmerman könne den Gerichtssaal als freier Mann verlassen. Dazu händigte sie ihm seine beschlagnahmte 9mm-Pistole aus.

Die Frage, »ob Trayvon auch als 17jähriger Weißer« hätte sterben müssen, hatten Martins Eltern durch ihre Anwälte im Prozeß aufwerfen lassen. Das Gericht hatte zwar jedes rassistische Moment im Verfahren geleugnet, aber daß in den USA immer wieder schwarze Jugendliche Opfer von Polizeikugeln oder von schießwütigen Zivilisten werden, zog sich wie ein roter Faden durch die vierwöchige Verhandlung. Bereits nach der Ermordung Martins hatte es in den USA heftige Proteste gegeben. Jugendliche in Florida verließen aufgebracht ihre Schulen, weil die Polizei den Todesschützen, Sohn eines weißen Vaters und einer Mutter hispanischer Herkunft, hatte laufen lassen und ihn erst aufgrund öffentlichen Drucks in Haft nahm.

Im Vorfeld der Gerichtsentscheidung hatten die US-Sicherheitsbehörden erklärt, sie seien »auf Unruhen vorbereitet«. Unmittelbar nach der Urteilsverkündung kam es in Sandford zu den ersten zornigen, aber friedlichen Protesten. »Keine Gerechtigkeit, kein Friede!« skandierten am Wochenende auch Demonstranten in Los Angeles, San Francisco, Oakland, Chicago, Washington DC, Philadelphia und Harlem. Bürgerrechtsorganisationen forderten das Justizministerium auf, umgehend die Verletzung der Bürgerrechte Trayvon Martins zu untersuchen.

Jürgen Heiser

* Aus: junge Welt, Montag, 15. Juli 2013


Freispruch für Todesschützen in Florida

Debatte über Rassendiskriminierung im Fall Trayvon Martin flammt wieder auf **

Der Prozess um den Tod des afro-amerikanischen Teenagers Trayvon Martin ging am Sonnabend mit dem Freispruch für den Todesschützen George Zimmerman zu Ende.

Die sechs Mitglieder der Jury des Gerichts in Sanford (Florida) urteilten einstimmig, Zimmerman sei »nicht schuldig«. Das Verfahren hatte in den USA eine Debatte über Rassendiskriminierung, Vorurteile und das Rechtssystem entfacht. Nach Angaben der Tageszeitung »Orlando Sentinel« protestierten am Sonnabend mehr als hundert Aktivisten vor dem Gericht gegen das Urteil mit Rufen »keine Gerechtigkeit, kein Frieden«.

Der 29-jährige »Nachbarschaftswächter« Zimmerman hatte Trayvon Martin am 26. Februar 2012 in einer Wohnanlage in Sanford erschossen. Zimmerman war Martin am frühen Abend gefolgt, wohl weil er ihm verdächtig vorkam. Es kam zu einer Konfrontation zwischen den beiden. Zimmerman war bewaffnet, Martin nicht. Zimmerman schoss. Martin starb wenige Minuten später.

Verteidigung und Anklage hatten sich widersprechende Versionen von dem Geschehen präsentiert. Laut Anklage suchte Zimmerman die Konfrontation. Die Verteidigung behauptete, Martin habe Zimmerman angegriffen, der in Notwehr gehandelt habe. Für den Todesschuss gab es keine Augenzeugen. Die Eltern beider Beteiligter sagten aus, sie könnten einen aufgezeichneten Hilferuf als Schrei ihres Sohnes erkennen.

Nach Martins Tod gingen Zehntausende Bürgerrechtler auf die Straße. Der Teenager sei wegen seiner Rasse und verbreiteter Vorurteile gegen junge Afroamerikaner erschossen worden, hieß es. Die Polizei habe unzureichend ermittelt und Zimmerman nicht sofort verhaftet.

Experten warnten bereits vor dem Urteil, die Staatsanwaltschaft habe offenbar Schwierigkeiten bei ihrer Beweisführung. Benjamin Crump, der Anwalt der Eltern Martins, erklärte nach dem Urteil, »alle Amerikaner« müssten »tief in ihrem Herzen prüfen ..., wie wir als eine Gesellschaft etwas von dieser Tragödie lernen können«. Ein »unbewaffneter 17-jähriger Junge ist getötet worden«.

Die Bürgerrechtsorganisation NAACP appellierte nach dem Urteil an das Justizministerium, gegen Zimmerman Anklage zu erheben. Er habe Martins Bürgerrechte verletzt.

** Aus: neues deutschland, Montag, 15. Juli 2013


White Supremacy Acquits George Zimmerman

by Aura Bogado ***

A jury has found George Zimmerman not guilty of all charges in connection to death of 17-year-old Trayvon Martin. But while the verdict came as a surprise to some people, it makes perfect sense to others. This verdict is a crystal-clear illustration of the way white supremacy operates in America.

Throughout the trial, the media repeatedly referred to an “all-woman jury” in that Seminole County courtroom, adding that most of them were mothers. That is true—but so is that five of the six jurors were white, and that is profoundly significant for cases like this one. We also know that the lone juror of color was seen apparently wiping a tear during the prosecution’s rebuttal yesterday. But that tear didn’t ultimately convince her or the white people on that jury that Zimmerman was guilty of anything. Not guilty. Not after stalking, shooting and killing a black child, a child that the defense insultingly argued was “armed with concrete.”

In the last few days, Latinos in particular have spoken up again about Zimmerman’s race, and the “white Hispanic” label especially, largely responding to social media users and mass media pundits who employed the term. Watching Zimmerman in the defense seat, his sister in the courtroom, and his mother on the stand, one can’t deny the skin color that informs their experience. They are not white. Yet Zimmerman’s apparent ideology—one that is suspicious of black men in his neighborhood, the “assholes who always get away—” is one that adheres to white supremacy. It was replicated in the courtroom by his defense, whose team tore away at Rachel Jeantel, questioning the young woman as if she was taking a Jim Crow–era literacy test. A defense that, during closing, cited slave-owning rapist Thomas Jefferson, played an animation for the jury based on erroneous assumptions, made racially coded accusations about Trayvon Martin emerging “out of the darkness,” and had the audacity to compare the case of the killing of an unarmed black teenager to siblings arguing over which one stole a cookie.

When Zimmerman was acquitted today, it wasn’t because he’s a so-called white Hispanic. He’s not. It’s because he abides by the logic of white supremacy, and was supported by a defense team—and a swath of society—that supports the lingering idea that some black men must occasionally be killed with impunity in order to keep society-at-large safe.

Media on the left, right and center have been fanning the flames of fear-mongering, speculating that people—and black people especially—will take to the streets. That fear-mongering represents a deep white anxiety about black bodies on the streets, and echoes Zimmerman’s fears: that black bodies on the street pose a public threat. But the real violence in those speculations, regardless of whether they prove to be true, is that it silences black anxiety. The anxiety that black men feel every time they walk outside the door—and the anxiety their loved ones feel for them as well. That white anxiety serves to conceal the real public threat: that a black man is killed every twenty-eight hours by a cop or vigilante.

People will take to the streets, and with good reason. They’ll be there because they know that, yes, some people do always get away—and it tends to be those strapped with guns and the logic of white supremacy at their side.

*** The Nation, July 14, 2013; http://www.thenation.com


Zimmerman and the Hunting of Black Folks

by Bill Fletcher, Jr. ****

I received the news when i was getting ready to eat.

I was prepared, intellectually, for a not-guilty verdict. I was not ready in my gut.

As a radical i am quite aware of the injustices that regularly and historically have happened to people of color and to the poor. I am aware of how the system regularly justifies the murder of black people.

Yet i am nothing but sickened. And sitting here listening to these so-called defense attorneys gloat over their victory and place the blame for Trayvon Martin’s death on Trayvon is actually more than i can take.

This verdict is a verdict in favor of white fear. We should all be clear about that. This is a verdict that says that white people have every right to fear any and every black person and, if the law permits it, to act upon such fear. I do not care whether Zimmerman is part Latino, he acted as a white man and that is certainly how he will be remembered. Zimmerman looked at Trayvon through the eyes of a white man and assumed danger when no danger existed.

I just heard the attorneys asked what would have happened had the roles been reversed and one of the defense attorneys suggested that this would have never gone to trial and that this trial was manufactured by civil rights advocates. Well, i will give you a very different answer. Were an African American to shoot and kill a white youth who s/he believed was a threat there is little question but that such a person would be found guilty of something, assuming that they were not first lynched. The right of self-defense is not a right that Black people have ever had respected by white authorities, but when it is whites, or people acting as white, who claim self-defense against Blacks, any use of force is considered acceptable because, after all, Black people are scary people.

Once again we are reminded that there are zones that we cannot safely enter.

July 14, 2013

**** Bill Fletcher Jr has been an activist since his teen years. Upon graduating from college he went to work as a welder in a shipyard, thereby entering the labor movement. Over the years he has been active in workplace and community struggles as well as electoral campaigns. He has worked for several labor unions in addition to serving as a senior staffperson in the national AFL-CIO.
Fletcher is the immediate past president of TransAfrica Forum; a Senior Scholar with the Institute for Policy Studies; an editorial board member of BlackCommentator.com; and in the leadership of several other projects. Fletcher is the co-author (with Peter Agard) of “The Indispensable Ally: Black Workers and the Formation of the Congress of Industrial Organizations, 1934-1941″; the co-author (with Dr. Fernando Gapasin) of “Solidarity Divided: The crisis in organized labor and a new path toward social justice“; and the author of “‘They’re Bankrupting Us’ – And Twenty other myths about unions.” Fletcher is a syndicated columnist and a regular media commentator on television, radio and the Web.

Source: http://billfletcherjr.com/



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