Wikileaks: Risiko Tayyip Erdogan, 01.12.2010 (Friedensratschlag)
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Das Risiko Tayyip Erdogan

Mancher Mythos in Ankara muss zu den Akten

Von Jan Keetman, Istanbul *

Zu den Mythen, die die Regierung Erdogan und seine Partei seit Jahren verfolgen, gehört die Geschichte, man sei von den USA als Teil eines großen Experimentes geschaffen worden, mit dem die laizistische Türkei in einen gemäßigten islamischen Staat verwandelt werden sollte, um anderen islamischen Ländern als politisches Vorbild zu dienen. Nicht wenige Türken glauben daran. Die von Wikileaks veröffentlichten Kabel der Botschaft in Ankara enthüllen nun, dass die US-amerikanischen Diplomaten die Partei ihres angeblichen Zöglings seit Jahren eher als potenzielles Risiko einschätzen.

Wenn die Zahl der nun veröffentlichten Berichte irgendetwas mit dem gesamten Umfang der in Washington eingegangenen Berichte zu tun hat, so wären die Diplomaten in Ankara die fleißigsten Schreiber – was wiederum dafür spräche, dass man in Washington mit Blick auf die Türkei die meisten Fragezeichen hatte. Wobei Ministerpräsident Tayyip Erdogan in den Berichten gar nicht gut wegkommt. Er sei »dickköpfig, perfektionistisch und hyperaktiv«, heißt es da Er habe ein übertriebenes Selbstvertrauen und glaube, er sei von Gott erwählt. Außerdem habe er eine autoritäre Neigung und würde Frauen nicht vertrauen.

Erdogan informiere sich nur aus islamischen Zeitungen und sei von »kriecherischen und arroganten« Beratern umgeben. Kritisch wird auch angemerkt, dass der Regierungschef versucht habe, islamische Bankiers in wichtige Positionen zu bringen. Noch mehr Probleme als mit Erdogan haben die US-Diplomaten aber mit seinem Außenminister Ahmet Davutoglu. Während der Erfinder der neuen türkischen Außenpolitik sonst von Diplomaten in den höchsten Tönen gelobt wird, fallen die internen Berichte der US-amerikanischen Diplomaten weit ungünstiger aus.

Ihm wird Selbstüberschätzung vorgeworfen. »Die Türkei ist erpicht auf einen Rolls Royce, hat aber nur die Möglichkeiten eines Rovers«, lautet ein Vergleich. Bei dem Versuch, zwischen Syrien und Israel zu vermitteln, sei Ankara durch die Prüfung gefallen. Bezüglich der Außenpolitik enthalten die Depeschen der Diplomaten auch ein ironisch gemeintes Zitat eines Mitgliedes der Regierungspartei: »Die Türkei will Andalusien zurückbekommen und sich für die Niederlage vor Wien rächen.«

Aus der Zeit, als Davutoglu noch nicht selbst Außenminister, sondern nur einflussreicher Berater war, stammt eine Einschätzung des damaligen Washingtoner Botschafters Eric Edelman, wonach Davutoglu »sehr gefährlich« sei. Er habe einen negativen Einfluss auf Erdogan und sei »der Architekt seiner neo-osmanischen Fantasien«. Insgesamt stufen die Berichte aber die Gefahr, Erdogan könne eines Tages das islamische Scharia-Recht in der Türkei einführen, als gering ein.

Die nicht dementierten Berichte geben sicher ein ungeschminktes und farbiges Bild davon, wie die Diplomaten die türkische Regierung sehen, man sollte sie aber auch nicht zu hoch hängen. Auch Diplomaten können sich in ihren Beobachtungen und noch mehr in ihren Einschätzungen irren. Als nach der Besetzung der USA-Botschaft von Teheran 1979 die Unterlagen der Vertretung veröffentlicht wurden, stellte sich heraus, dass die Diplomaten zuerst die Stabilität des Schah-Regimes völlig überschätzt hatten und dann die Richtung, die die islamische Revolution nehmen würde, ebenfalls realitätsfern betrachteten. Auch in der Türkei haben sie nicht alles richtig gesehen. So wurde vor einigen Jahren eine Spaltung der AK-Partei Erdogans prophezeit, die dann aber nicht eintrat.

Andererseits könnten die Veröffentlichungen dazu beitragen, Erdogan noch weiter von den USA zu entfernen. Auch intern könnten sie zu gewissen Problemen führen, denn sie enthüllen, was vielfach vermutet, aber nie bewiesen wurde, nämlich Spannungen zwischen Erdogan und seinem alten Weggefährten, dem jetzigen Staatspräsidenten Abdullah Gül. Diese liegen schon etwas zurück, könnten aber wieder aktuell werden, denn Erdogan möchte in naher Zukunft selbst Präsident werden. Gül ist aber keineswegs amtsmüde.

* Aus: Neues Deutschland, 30. November 2010


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