Die Machtkrankheit

Ein zentrales Werk Abdullah Öcalans ist auf deutsch erschienen

Von Nick Brauns *

Der seit seiner Verschleppung im Februar 1999 auf der Gefängnisinsel Imrali inhaftierte Abdullah Öcalan ist auch heute noch der einflußreichste kurdische Politiker in der Türkei. Meldungen über eine Verschlechterung seiner Haftsituation führten mehrfach zu wochenlangen Unruhen in den kurdischen Landesteilen, während auf seine Anregung hin Waffenstillstände der Arbeiterpartei Kurdistans PKK ausgerufen wurden. Ohne eine Einbeziehung Öcalans wird es keine Lösung der kurdischen Frage geben. Das mußte auch die türkische Regierung zur Kenntnis nehmen, die im September dieses Jahres erstmals zugab, daß Geheimdienstvertreter in einen Dialog mit Öcalan getreten seien. Dank der »Internationalen Initiative Freiheit für Abdullah Öcalan - Frieden in Kurdistan« liegt jetzt unter dem Titel »Jenseits von Staat, Macht und Gewalt« ein zentrales Grundlagenwerk Öcalans sorgfältig ediert in deutscher Sprache vor. »Dieses Buch ist die bisher ausführlichste Darstellung von Philosophie und Politik der PKK und der kurdischen Befreiungsbewegung aus der Feder ihres wichtigsten politischen Repräsentanten«, versprechen die Herausgeber.

Konföderalismus

Um das bereits 2004 verfaßte mehr als 550-seitige Werk an der Militärzensur vorbei aus der Gefängniszelle zu bringen, wurde es offiziell als Eingabe an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte formuliert. Doch vor allem wollte Öcalan der kurdischen Befreiungsbewegung eine neue emanzipatorische Orientierung geben, als sich unter dem Eindruck der Etablierung der kurdischen Autonomieregion im Nordirak eine rechte Gruppe um seinen Bruder Osman von der PKK getrennt hatte, um mit der US-Besatzungsmacht zu kollaborieren. »Nationalismus, Religion und Etatismus lasten auf der mittelöstlichen Gesellschaft schwerer als irgendwo sonst und schnüren ihr die Luft ab« - aus dieser Feststellung leitet Öcalan das Projekt eines »demokratischen Konföderalismus« durch Selbstorganisation der kurdischen Nation im Rahmen einer »demokratischen Autonomie« innerhalb der bestehenden Staatsgrenzen ab. Einer nationalstaatlichen Lösung durch Separation erteilt er dagegen eine entschiedene Absage.

Bei seiner Argumentation greift Öcalan weit bis in die Epoche der Urgesellschaft zurück. Er untersucht die Entstehung von Hierarchien und Machtstrukturen und zeigt dabei die jeweiligen Gegenbewegungen in der Geschichte auf - beim Widerstand von Stämmen gegen die Eroberung durch Staaten, bei religiösen Minderheiten, die ihre Eigenständigkeit gegen die dominanten Glaubensgemeinschaften verteidigen, und insbesondere bei den Frauen, die er zu allen Zeiten in einer Oppositionshaltung zu den patriarchalen Strukturen sieht.

Vollständige Demokratie

Kern der Argumentation Öcalans, die an anarchistische Staatskritik erinnert, ist der von ihm behauptete Gegensatz »etatistische Gesellschaft« versus egalitär organisierter »natürlicher Gesellschaft«. »Sozialismus erfordert sozialistische Instrumente. Diese sind vollständige Demokratie auf allen Ebenen, die Umweltbewegung, die Frauenbewegung, die Menschenrechte und die Selbstverteidigungsmechanismen der Gesellschaft«, fordert Öcalan, der dem Marxismus zwar »große historische Erfahrung im Kampf für Freiheit und Gleichheit« zugesteht, doch gleichzeitig »grundsätzliche Mängel« insbesondere durch die Nutzung des Instruments »Staatsmacht« ausmacht, die in der Praxis wieder zum Kapitalismus geführt hätten. Da die materiellen und geschichtlichen Bedingungen, unter denen es zu Deformationen kam, nicht hinterfragt werden, bleibt diese Kritik am Realsozialismus allerdings an der Oberfläche.

Auch die PKK, die Öcalan durch Bandenwesen auf der einen und Beamtentum auf der anderen Seite korrumpiert sah, wird einer radikalen Kritik unterzogen. »Ihr Führungsstil bestand darin, die wertvollsten Genossen hinterrücks zu erschießen, als seien sie lästige Fliegen«, schreibt er über PKK-Kommandanten, die der »Krankheit der Macht« erlegen waren. Seine eigene als »serok Apo« (Führer Apo) jenseits aller Institutionen angesiedelte Stellung innerhalb der Befreiungsbewegung hinterfragt der von vielen Kurden als eine prophetenähnliche Gestalt verehrte Öcalan dabei nicht grundsätzlich.

Deutlich wird, daß sich Öcalan, der den Sozialismus in der Türkei Anfang der 70er Jahre lediglich in einer vom Maoismus, Guevarismus und Kemalismus beeinflußten dogmatischen Variante kennengelernt hatte, niemals intensiv mit der marxistischen Theorie auseinandergesetzt hat. Wie eine von seinen Rechtsanwälten zusammengestellte Bücherliste im Anhang zeigt, hatte der Autor die Werke von Marx, Engels und Lenin bei der Abfassung seines Buches nicht zur Verfügung.

Um so intensiver setzte er sich mit den Ideen des US-amerikanischen Vordenkers eines Öko-Anarchismus, Murray Bookchin, des postmarxistischen Soziologen Immanuel Wallerstein sowie des Philosophen Michel Foucault auseinander, die ihn bei seinem Entwurf einer »demokratisch-ökologischen Gesellschaft« beeinflußten. Kaum eine Rolle im Denken Öcalans spielt die Ökonomie. Wieweit sich der demokratische Konföderalismus auch auf die Wirtschaft beziehen soll - etwa durch den Aufbau von Kooperativen - bleibt offen.

Selbstorganisation

Öcalans Plädoyer zum Aufbau einer starken und komplexen selbstorganisierten Zivilgesellschaft, ohne gegen den Staat direkt vorzugehen, ähnelt dem Zapatismus in Chiapas. Voraussetzung ist allerdings, daß der bestehende Staat eine solche Selbstorganisation zulässt. In der Türkei ist dies bislang nicht der Fall. Während der letzten eineinhalb Jahre wurden rund 1700 Aktivisten der kurdischen Basisbewegung verhaftet.

Sollte die türkische Führung keine Änderung ihrer Kurdenpolitik durchführen, könnten sich am Ende auch die Kurden in der Türkei in einer Koalition mit dem US-Imperialismus wiederfinden, warnt Öcalan vor einer Entwicklung wie im Irak. Sollte es allerdings eine demokratische Lösung der kurdischen Frage geben, könne die Türkei eine Führungsrolle im Mittleren Osten übernehmen, wirbt er für eine strategische türkisch-kurdische Allianz.

Nicht jede zivilisationsgeschichtliche These Öcalans wird sich wissenschaftlich belegen lassen, und seine Kritik am Marxismus erscheint vielfach ungerecht. Allerdings entstand dieses Buch in Isolationshaft ohne Möglichkeit der Diskussion. Erinnert sei schließlich an Karl Marx' Erkenntnis: »Eine Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift.« Und Abdullah Öcalans Botschaft hat die Massen in Kurdistan ergriffen.

Abdullah Öcalan: Jenseits von Staat, Macht und Gewalt - Verteidigungsschriften. Mezopotamien Verlag, Köln 2010, 573 Seiten, 15 Euro * ISBN: 978-3-941012-20-2

* Aus: junge Welt, 18. Oktober 2010


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