"Oftmals essen wir nur einmal die Woche"

Akute Nahrungskrise in Tschad gefährdet vor allem die Kinder

Von Kristin Palitza, Mao *

In der Sahelzone hungern Millionen Menschen. Besonders betroffen ist Tschad. Laut UNICEF sind dort 22 Prozent der Kinder von Unterernährung betroffen, Zehntausende akut vom Hungertod bedroht.

Halime Djime (29) sitzt schwermütig auf einer dünnen, verschlissenen Matratze auf dem staubigen Steinfußboden eines unmöblierten Krankenhauszimmers. Besorgt hält sie ihre fünfjährige Tochter Fatime im Arm – ein kleines Bündel aus Haut und Knochen, gerade mal 7,5 Kilo schwer. Vor drei Monaten litt das chronisch unterernährte Kind an Durchfall und begann, rapide an Gewicht zu verlieren.

Es dauerte fünf lange Tage, bis Halime Hilfe für ihre Tochter fand. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern als Nomaden in der Nähe von Faya, einem kleinen Ort in der Mitte der Sahelwüste. Als die Mutter sah, dass ihr Kind kurz vor dem Tod stand, trampte sie mit ihm 700 Kilometer auf den Dächern von Lastwagen, um das nächste Krankenhaus zu erreichen. Fatime litt an Kwaschiorkor, einer schweren Form des Proteinmangels, Vitamin A Mangel, Hautentzündungen, Anämie und hohem Fieber. »Fatime ist hier gerade noch rechtzeitig angekommen«, sagt Maina Abakar Sedik, ein Krankenpfleger, der die Ernährungsklinik des Krankenhauses leitet.

Fatimes Genesung ist eine Ausnahme. Nur ein Bruchteil aller akut unterernährten Kinder erhält lebensnotwendige Hilfe in Tschad, einem der ärmsten Länder der Welt, dessen Bevölkerung immer wieder unter Hungerkatastrophen leidet. Laut Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) leben 62 Prozent der Bevölkerung, hauptsächlich Kleinbauern und Viehhändler, unterhalb der Armutsgrenze. Der UNDP Human Development Index listete Tschad dieses Jahr auf Platz 163 unter 169 Ländern.

»Nur ein Bruchteil der Kinder, die dringend Hilfe brauchen, hat Zugang zu medizinischer Versorgung. Die meisten sterben zu Hause und tauchen daher in offiziellen Statistiken nicht auf«, sagt Sedik mit Hinweis darauf, dass die Todesrate von unterernährten Kindern viel höher sei, als bekannt.

Laut der UN-Kinderstiftung UNICEF sterben 225 000 Kinder jährlich in den fünf Sahelländern Tschad, Burkina Faso, Mali, Mauretanien und Niger. Mehr als 1,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren leiden an akuter Unterernährung, während weitere 4,3 Millionen chronisch unterernährt sind. Die Situation in Tschad ist besonders prekär: 100 000 Kinder – oder 22 Prozent – sind akut unterernährt.

Internationale Hilfsorganisationen wie UNICEF haben seit Anfang des Jahres versucht einzugreifen, doch die Bilanz ist bislang dünn. Zwischen Januar und Oktober wurden 45 000 Kinder in den 204 von UNICEF geförderten therapeutischen Ernährungszentren behandelt – knapp die Hälfte jener, die dringend Hilfe brauchen.

Das Leben in Tschad dreht sich um den Kampf gegen die Elemente. Temperaturen können 50 Grad Celsius erreichen, und die Trockenzeit dauert volle neun Monate, von Oktober bis Juni. Während dieser Zeit fällt kein einziger Regentropfen. Nur die Hälfte der Menschen hat Zugang zu sauberem Trinkwasser.

In den letzten zwei Jahren hat das Ausbleiben von Regenfällen beträchtliche Ernteausfälle verursacht. 2009 hat es in der Kanem-Provinz im Westen Tschads 52 Prozent weniger geregnet als 2007. Die Getreideernte lag nur bei 83 Prozent, Tausende von Zuchttieren gingen zugrunde. Mindestens zwei Millionen Menschen hungern. »Die Lage in Tschad ist dramatisch. Wir müssen so schnell wie möglich handeln«, drängt der UNICEF-Repräsentant in Tschad, Marzio Babille. Obwohl die diesjährige Trockenzeit erst vor zweieinhalb Monaten begann, haben die meisten Menschen ihre Vorräte bereits aufgebraucht. Die Gesundheit von Kindern leidet als erstes.

»Unsere Situation verschlechtert sich jedes Jahr, weil der Regen ausbleibt«, lamentiert Harmata Ahmad, eine junge Mutter, die ihre 19 Monate alte unterernährte Tochter zur brüchigen Klinik in Mampal, 25 Kilometer außerhalb Maos, gebracht hat. Das Mädchen wurde bereits vor einem halben Jahr wegen Unterernährung behandelt, erzählt die 25jährige Mutter: »Für eine Weile ging es besser, aber jetzt wieder schlecht.« Auch ihre anderen beiden Kinder sind chronisch unterernährt, doch Harmata kann nur eine Mahlzeit pro Tag auf den Tisch bringen. Die besteht aus einem Getreidebrei. Gemüse oder Milch kann sich die Familie nicht leisten. »Oftmals essen wir aber auch nur einmal die Woche«, seufzt die Mutter.

Harmata hat ein kleines Hirsefeld, aber dieses Jahr brachte es aufgrund des ausbleibenden Regens kaum Erträge. Am Ende der Trockenzeit wird die Familie noch weniger zu essen haben.

* Aus: Neues Deutschland, 20. Dezember 2010


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