Pyrrhussieg

Nach der brutalen militärischen Räumung des besetzten Geschäftsviertels in Bangkok droht nun ein Flächenbrand

Von Thomas Berger *

Eine Schlacht gewonnen, aber längst noch nicht den Krieg: So stellt sich die Situation für Thailands Regierung von Premier Abhisit Vejjajiva dar. Zwar hat die Armee am Mittwoch (19. Mai) mit ihrer Offensive die wochenlange Belagerung des zentralen Geschäftsviertels durch die oppositionellen Rothemden zunächst beendet, aber zu einem denkbar hohen Preis. Tag eins nach den dramatischen Geschehnissen offenbarte für manchen erst das Ausmaß der Schäden. Central World war nicht einfach nur ein Kaufhaus, sondern Symbol der auf Konsumrausch nach westlichem Vorbild setzenden Mittel- und Oberschicht Bangkoks. Das riesige Einkaufszentrum liegt nun ebenso in qualmenden Trümmern wie die Börse und weitere Gebäude. Insgesamt 34 waren allein in Bangkok in Brand gesetzt worden, darunter ein zweites Shoppingzentrum, wo 1000 Beschäftigte von 300 Läden arbeitslos wurden, und 13 Bankfilialen. Ein attackierter Fernsehkanal mußte seinen Betrieb einstellen, Metro und Skytrain fahren weiterhin nicht.

Der eine Alptraum der Hauptstädter, die Beeinträchtigungen durch wochenlange Massenkundgebungen und schließlich ein Verschanzen der sogenannten Rothemden ausgerechnet in dem Gebiet, wo unzählige Oberklassehotels, große Geschäfte und ausländische Botschaften liegen, ist damit durch einen anderen ersetzt worden. Entgegen dem Mantra von Armeechef General Paojinda, er werde seine Truppen nicht gegen die Oppositionellen in Marsch setzen, hat nun doch das Militär auf seine Weise ein »Ende« des Machtkampfes in den Straßen herbeigeführt.

Die innenpolitischen Konfrontationen haben allerdings längst eine Eigendynamik entwickelt. Der Appell von sieben Anführern der Rothemden, die sich festnehmen ließen, an ihre Getreuen zu Rückzug und Aufgabe verhallte bei einigen ungehört. Der Schock über die Niederlage entlud sich bei den besonders radikalen Vertretern der Bewegung oder auch Trittbrettfahrern ihrerseits in nackter Zerstörungswut. Möglich auch, daß dieser 19. Mai erst einen richtigen Flächenbrand ausgelöst hat. Bisher hatte sich alles auf Bangkok konzentriert, doch sobald sich die Neuigkeiten von dort verbreiteten, gingen auch in diversen Provinzstädten staatliche Gebäude in Flammen auf. In Khon Kaen, mit einer Viertelmillion Einwohnern die größte Metropole im armen Isaan, dem Nordosten, setzten rund 2000 Rothemden das Rathaus in Brand und hinderten die Feuerwehr daran, zum Löschen vorzurücken. Ähnliches ereignete sich in Udon Thani etwas weiter nördlich, wo 600 Protestierer randalierten und den Verwaltungssitz niederbrannten. In Chiang Mai im Norden des Landes traf es das Gebäude eines hohen Provinzbeamten.

Gerade der Norden und der Nordosten bilden die Hochburg der Vereinten Front für Demokratie gegen Diktatur (UDD), wie die Rothemden offiziell heißen. Dort hat auch der aus Chiang Mai stammende Expremier Thaksin Shinawatra den größten Rückhalt. Einige Medien unterstellten dem 2006 beim Militärputsch Gestürzten und seither mit Unterbrechung im Exil Lebenden, die Randale gelenkt zu haben und sogar einen Untergrundkampf der Rothemden vorzubereiten. Beweisen lassen sich solche Behauptungen nicht einmal ansatzweise, auch wenn Thaksin aus dem Ausland immer wieder seine Getreuen bestärkt hat.

Eine umfassende Ausbreitung des Konfliktes auf die Provinzen wäre eine Katastrophe für die Regierung. Schon jetzt ist der wirtschaftliche Schaden enorm. Daß westliche Außenmini­sterien ihren Bürgern inzwischen ganz von Thailand-Reisen abraten, könnte dem so wichtigen Tourismus noch mehr schaden – mit 120 Milliarden Baht (2,55 Milliarden Euro) an Steuerausfällen wird schon jetzt für 2010 gerechnet.

Unabsehbar sind auch die Folgen für das Image des Landes in der internationalen Politik. Von einer der Stützen der ASEAN ist Thailand zum aktuell größten Problemfall innerhalb des Staatenbundes geworden. Insgesamt haben Regierung und Armee einen Pyrrhussieg errungen. Die Armeeführung hat einmal mehr ein Versprechen gebrochen, Abhisit und sein engster Kreis mit ihrer Sturheit das traurige Finale maßgeblich mit herbeiführt. Den Räumungsbefehl für das Geschäftsviertel zu geben, nachdem die Gegenseite am Vortag Gesprächsbereitschaft signalisiert hatte, war ein bewußtes Inkaufnehmen der jetzt eingetretenen Folgen.

* Aus: junge Welt, 21. Mai 2010


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