Thailands unruhiger Süden

Bangkoks Politik mit Zuckerbrot und Peitsche - Widerstand gegen Kulturchauvinismus und Unterentwicklung

Von Thomas Berger*

Der unsichtbare Feind

Die Auseinandersetzungen im Süden Thailands halten weiter an. Mehr als 560 Menschen sind allein im Jahr 2004 der Gewaltwelle zum Opfer gefallen. Doch während die Regierung in Bangkok dem Problem mit der Strategie von Zuckerbrot und Peitsche – massive Aufstockung der Militärpräsenz auf der einen und neuerdings verstärkte finanzielle Unterstützung der drei betroffenen Provinzen auf der anderen Seite – beizukommen versucht, bleibt weitgehend im dunkeln, wer für die Bomben- und Brandanschläge verantwortlich ist. Zwar haben sich Premierminister Thaksin, seine Minister und die Armeeführung schon längst von der zunächst kolportierten These verabschieden müssen, es handle sich lediglich um »Banditen« ohne jeden politischen Hintergrund. Mittlerweile ist aber in allen Stellungnahmen von einer separatistisch-islamistischen Bewegung die Rede. Dennoch bleibt für die meisten unklar, welche Gruppen konkret Gegenspieler für die inzwischen 12000 Mann starke Militärstreitmacht des Staates in der Region sind.

Vor wenigen Wochen haben die thailändischen Parlamentswahlen den seinerzeit von der Wirtschaft in die Politik gewechselten Thaksin Shinawatra für weitere vier Jahre im Amt des Regierungschefs bestätigt. Die von ihm als Sammlungsbewegung ohne konkretes Programm gegründete Partei Thai Rak Thai (TRT) holte 374 der 500 Sitze, womit der Premier eine in der Geschichte des demokratischen Thailand bislang nicht gesehene Macht besitzt und der Opposition weitgehend die Hände gebunden sind. Die TRT siegte in allen Landesteilen – mit Ausnahme eben der drei südlichsten Provinzen, wo sie nicht ein einziges Mandat errang. Zwar sind Narathiwat, Yala und Pattani im Grenzgebiet zu Malaysia seit 1975 traditionell eine Hochburg der Demokratischen Partei (DP). Doch angesichts des haushohen Sieges der TRT auf nationaler Ebene fiel das Blanko-Ergebnis in der Unruheregion ganz besonders auf. Das Verhältnis der dort dominierenden Muslime gegenüber der sonst buddhistischen Bevölkerungsmehrheit und dem politischen Führungspersonal in der Hauptstadt hat sich weiter zugespitzt, so die Botschaft.

Schuld ist vor allem das Agieren der Armee, die als Ordnungshüter mehr Truppenkontingente als je zuvor in der Region unterhält. Das Unverständnis vieler Offiziere und Soldaten gegenüber den lokalen Eigenheiten führt dazu, daß vor allem junge Muslime faktisch unter Generalverdacht, mit den Militanten zu kooperieren, gestellt und entsprechend behandelt werden. Der Finger sitzt vielen Militärs locker am Abzug der Waffe, und so mancher Zwischenfall, bei dem nachweisbar Unschuldige niedergeschossen wurden, in den letzten 14 Monaten ist darauf zurückzuführen. Jeder dieser Vorfälle sorgt dafür, daß der weitverbreitete Haß gegenüber den »Besatzungstruppen« nur noch weiter geschürt wird. Umgekehrt zehrt es an den Nerven selbst der geschulten Offiziere, daß sie nicht genau wissen, gegen wen sie eigentlich »kämpfen«.

Für Regierungskreise in den USA und einige Verbündete in Südostasien ist sonnenklar: Die Unruhen in Südthailand reihen sich ein in die wachsende Präsenz des islamischen Terrorismus in der ganzen Region. Nur zu schnell sind selbsternannte Experten mit scheinbar schlüssigen Thesen bei der Hand, die eine Verbindung vom Al-Qaida-Netzwerk Osama bin Ladens über die Jemaah Islamiyah (JI) bis zu den islamistischen Gruppen Thailands ziehen. Als Beweis wird vor allem die Festnahme des Top-Terrorist Hambali im vergangenen August ins Feld geführt, der quasi als Bindeglied zwischen JI und Al Qaida firmiert heben soll. Einige der Vorbereitungen für den verheerenden Anschlag von Bali, der im Oktober 2002 auf der indonesischen Ferieninsel 202 Menschen (darunter allein 88 australische Urlauber) tötete, sollen durch ihn und Helfershelfer im Süden Thailands vorgenommen worden sein. Einer kritischen Prüfung halten solche einfachen Erklärungsversuche allerdings nicht stand, zumal die JI selbst auch noch eine sehr diffuse Vereinigung bleibt, deren Existenz nicht einmal endgültig bewiesen ist und von der erst recht niemand auch nur annähernd sagen kann, welche Personalstärke sie hat. Aussagen, wonach sie im Kern etwa 60 bis 100 Aktive in Indonesien, Malaysia sowie darüber hinaus Thailand, Kambodscha, Singapur, den Philippinen und Australien aufweise, sind reine Spekulation.

Soziale Abkopplung

In Thailand wie in der gesamten südostasiatischen Region hat der Islam während der vergangenen fünf bis zehn Jahre eine deutliche Wandlung erfahren. War in Südostasien bislang in der Regel die tolerante, weltoffene und vergleichsweise liberale Form des Sufismus verbreitet, die eine starke metaphysische Komponente hat, hielt in der jüngsten Vergangenheit vermehrt der aus Arabien stammende, radikalere Wahabismus Einzug. Saudische Kreise haben in islamische Bildungszentren investiert, rund 500 religiöse Bildungseinrichtungen in der Region gibt es. Madrassen (Koranschulen) schießen aus dem Boden, deren Lehrer ihre Ausbildung in arabischen Ländern, vor allem Pakistan und Afghanistan, erhalten haben und dabei mit fundamentalistischen Kreisen in Kontakt gekommen sind.

Dies allein erklärt allerdings nicht, warum der Süden insbesondere seit jenem folgenschweren 4. Januar 2004 nicht mehr zur Ruhe kommt. Damals hatten der Sturm von etwa 60 mutmaßlichen Separatisten auf ein Militärcamp in Narathiwat, bei dem die Angreifer mehrere Soldaten töteten, und Überfälle auf 21 Schulen den Anfang der neuen Aufstandswelle im Süden Thailands markiert. Hilfreich ist es hingegen, einen Blick sowohl auf die sozio-ökonomischen Verhältnisse wie auch auf die geschichtliche Entwicklung des betroffenen Landstrichs zu werfen. Bis 1786 waren die heutigen drei Provinzen Yala, Pattani und Narathiwat ein malaiisch-islamisches Sultanat, das vom siamesischen Königreich in seinen Staatsverband einverleibt wurde. Als die Herrscher in den Jahren um 1880 Reformen auf den Weg brachten, die unter anderem eine zentrale Verwaltung nach sich zogen, flammten erste größere Konflikte auf. Der Vertrag mit den Briten, der das frühere Sultanat nun faktisch zum Puffer zwischen Thailand und der britischen Kolonie Malaya machte, festigte diese neue Ordnung, die der lokalen muslimischen Bevölkerung buddhistische Thais als Verwaltungsbeamte vor die Nase setzte. Und als der autokratisch regierende Premier Phibun in den 1940er Jahren auch noch einen stark nationalistischen Kurs fuhr, der auf die Historie des buddhistischen Siam setzte, bildeten sich erste Widerstandsgruppen.

Doch im Grunde erst in den 60er Jahren erwuchs aus diesen Wurzeln eine nennenswerte separatistische Bewegung, die die thailändische Regierung in Bedrängnis brachte. 1960 gründete sich die Barisan Revolusi Nasional (BRN), die heutzutage in drei zerstrittene Fraktionen gespalten ist, 1963 folgte die BNPP/BIPP (Nationale Befreiungsfront Pattanis/Nationale Islamische Front), die radikaler auftrat und explizit ein neues islamisches Sultanat zum Ziel hatte. Die Vereinigte Befreiungsfront Pattanis (PULO) kam als säkulare Gruppierung 1968 dazu, seit 1995 folgten Organisationen mit teilweise radikalislamischer Ausrichtung. Dazu gehört vor allem die GMIP (Gerakan Mujahideen Islam Pattani), eine aus ehemaligen Afghanistan-Kämpfern rekrutierte Vereinigung. Es sind es solche Gruppen, die offenbar hinter den seit einem Jahr massiv zunehmenden Anschlägen stehen.

Wer die aktuelle Konfliktlage verstehen will, darf aber auch die soziale, ökonomische und kulturelle Komponente nicht aus dem Auge lassen. Thailands Süden, noch in den frühen 60er Jahren ein wichtiger Wirtschaftsstandort, bringt es bei Entwicklungsstand und Einkommen heute nur auf rund 80 Prozent des Landesdurchschnitts, wobei Narathiwat von den drei Provinzen am schlechtesten abschneidet. Vor fünf Jahren lag das Bruttosozialprodukt dort bei lediglich 30 000 Baht (Thailand gesamt: 70 000). Ein Privathaushalt hatte in Narathiwat 8 000 Baht (knapp 200 Euro) pro Monat zur Verfügung, während Thais sonst mit 12 000 Baht rechnen können. Was die Muslime noch schlimmer trifft als die jahrelange Vernachlässigung bei Investitionen in die Infrastruktur, ist allerdings die kulturelle Bevormundung. Mehr denn je stellt sich Thailand heute faktisch als rein buddhistischer Staat dar, der die kulturellen und geistigen Einflüsse des Islam im Süden ebenso negiert wie die zum Teil animistisch-schamanistischen Traditionen bei den Bergvölkern des Nordens. Solcherlei Kulturchauvinismus verstärkt wiederum das Mißtrauen gegenüber der Zentralmacht.

* Dieser Beitrag wurde in zwei Teilen in der "jungen Welt" vom 17. und 18. März 2005 veröffentlicht.


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