"Eskalation könnte sich selbst erfüllende Prophezeiung sein"

In Südafrika sind nach der Fußballweltmeisterschaft wieder blutige Übergriffe zu erwarten. Ein Gespräch mit Loren Landau

Loren Landau ist Professor an der Johannesburger Witwatersrand University in Südafrika und Leiter der Hilfsorganisation »Forced Migration Studies Programme«.



Ist die Fußballweltmeisterschaft, die zur Zeit in Südafrika ausgetragen wird, tatsächlich das große panafrikanische Ereignis, als das es verkauft wird?

Ich glaube, daß es in erster Linie die Einwohner Südafrikas als ihr Turnier betrachten, womit sie vielleicht gar nicht mal Unrecht haben. Immerhin waren es die Steuerzahler dieses Landes, die den Bau so beeindruckender Stadien möglich gemacht haben.

Haben die Übergriffe auf Einwanderer aus anderen Staaten des Kontinents, die es in Südafrika immer wieder gegeben hat, aufgehört? Oder wurden sie durch die WM nur in den Hintergrund gedrängt?

Die Gewalt hat sich nie nur gegen Ausländer gerichtet. Bei den Übergriffen 2008 besaß ein Drittel der Getöteten die südafrikanische Staatsbürgerschaft. Es entstand fälschlicherweise der Eindruck, daß es sich um eine Angelegenheit handele, die mit der Einwanderung zusammenhing. Wir sollten aber eher davon ausgehen, daß es sich um Aktionen der verschiedenen Communities zum »Schutz« ihrer Interessen gegen externe Gruppen handelte - egal ob es nun Simbabwer oder Südafrikaner waren.

Wie ist die Lage heute?

Die Wahrheit ist, daß die Attacken nie aufgehört haben. Seit 2008 wurden Dutzende Menschen bei sogenannten fremdenfeindlichen Übergriffen getötet. Und fast jede Woche gibt es neue Zwischenfälle, die den Medien eine Meldung wert sind. Die Regierung hat 2008 eine bedeutende Gelegenheit verpaßt, um der landesweiten Diskussion zum Thema »Fremde« eine andere Richtung zu geben.

Inwiefern?

Nach den Übergriffen gab es Momente der Trauer, aber die offiziellen Äußerungen blieben immer auf so etwas wie pflichtgemäßem Mitgefühl beschränkt. Anstatt die Ausländer und andere Außenseiter einfach als Gruppe unter vielen zu betrachten, hat die Regierung wiederholt von unserer Verpflichtung zur Hilfe gesprochen, von unserer Verantwortung gegenüber den Armen und davon, daß wir den Bürgern der Nachbarstaaten wegen ihrer Unterstützung während der Apartheid einiges schulden. Diese Töne anzuschlagen ist so, als ob die Südafrikaner diesen Leuten nur deswegen einen Gefallen tun, um eine alte Schuld abzutragen. Das verstärkt nicht nur den Eindruck, daß sie sich von uns unterscheiden, sondern auch, daß sie uns etwas wegnehmen.

Nicht wenige Beobachter warnen vor der Gefahr neuer Gewaltausbrüche nach dem Ende der WM. Wie sehen Sie das?

Es ist sehr wahrscheinlich, daß es bald zu einer Eskalation kommt. Das hat allerdings zum Teil damit zu tun, daß alle genau davon reden. Deshalb könnte es am Ende eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sein. Ich vermute jedoch, daß die Gewalt bei den Kommunalwahlen im kommenden Jahr ausbrechen wird, wenn die rivalisierenden politischen Führer auf die Straße gehen und ihre Leute mobilisieren.

Was sind Gründe für die Gewalt?

Die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen sowie die meisten politischen Voraussetzungen, die zu den Massakern von 2008 führten, sind nach wie vor vorhanden. Es wurde wenig unternommen, um die Urheber zu bestrafen und die Armut zu verringern, daher haben sich bestimmte Verhaltensweisen auch nicht verändert. Es gab einige positive Signale, teilweise wurde eine vernünftigere Politik gegenüber den Migranten praktiziert.

Die »Sims«, das heißt die Simbabwer, werden zum Beispiel nicht mehr abgeschoben. Außerdem wurde ein Team geschaffen, das Vertreter der Zivilgesellschaft, Polizei und eine neue ressortübergreifende Arbeitsgruppe verschiedener Ministerien vereint, um Vorbeugung zu betreiben. Bei den Reformen herrscht allerdings zum größten Teil wieder Stillstand. Und die Beschränkungen nehmen zu: Die Asylbewerber werden in Sammellagern interniert, einige Arbeitsrechte gestrichen und die Grenzkontrollen verstärkt.

Hätte die WM dabei irgendwie helfen können?

Mir wurde gesagt, daß prominente Fußballspieler öffentlich gegen Fremdenfeindlichkeit Stellung beziehen würden. Das wäre eine gute Sache gewesen, aber ich habe nicht den Eindruck, daß das passiert.

Interview: Raoul Rigault

* Aus: junge Welt, 28. Juni 2010


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