"World Cup ist eine verpaßte Gelegenheit"

Fußball-WM: Der ökonomische Nutzen für Südafrika ist geringer als erhofft und kaum nachhaltig. Ein Gespräch mit Terry Bell

Terry Bell ist Sozialist, Gewerkschaftskolumnist verschiedener südafrikanischer Zeitungen und Veteran des Antiapartheidkampfes. Er lebt in der Nähe von Kapstadt



Die am Freitag (11. Juni) begonnene Fußball-Weltmeisterschaft sollte nach den Plänen der ANC-Regierung Südafrika zu mehr Wohlstand verhelfen. Werden sich diese Hoffnungen erfüllen?


Aus beschäftigungspolitischer Sicht und allgemein vom ökonomischen Nutzen her wird der World Cup von Gewerkschaftern zunehmend als verpaßte Gelegenheit betrachtet. Während Milliarden Rand für den Bau hochmoderner Stadien ausgegeben wurden und damit in den Statistiken formelles Wirtschaftswachstum erzielt wurde, gingen in der legalen Wirtschaft 900000 Arbeitsplätze verloren. Eine erhebliche Anzahl dieser Jobs wurde im Bausektor vernichtet. Viele der entlassenen Arbeiter hatten vorher am Stadionbau mitgewirkt. Die Nachhaltigkeit der Maßnahme war also gleich null. Aus Sicht der Lohnabhängigen können Arbeitsplatzverluste in solchem Umfang– um von der unveränderten Massenarbeitslosigkeit gar nicht zu reden – nicht gerade als Indikator für wirtschaftlichen Wohlstand betrachtet werden. Die Arbeiter tragen vielmehr erneut die Hauptlast der Krise.

Führt das zu Protesten?


Es gab Gerüchte, daß es während der Weltmeisterschaft zu Demonstrationen insbesondere der entlassenen Bauarbeiter kommen könnte. Diese Drohung scheint nun dadurch abgewendet, daß jeder von ihnen zwei Freikarten zu verschiedenen Spielen erhalten hat. Eine gewisse Unzufriedenheit bleibt allerdings bestehen. Ausdruck davon sind Kommentare wie: »Tickets kann man nicht essen!« Viele von diesen Arbeitern sind inzwischen sehr ernüchtert. Sie haben gemerkt, daß sie nach dem Ende des Turniers wieder ohne Job dastehen werden. Egal, wer gewinnt, sie gehören nicht zu den Siegern.

Was ist schief gelaufen?


Zum Beispiel die gesamte Marketingschiene. Erst jetzt wird die Frage gestellt, warum im Jahr 2004 bei der Entscheidung, die WM hier abzuhalten, keine Vereinbarungen über die Herstellung der entsprechenden Fan-Artikel vor Ort getroffen wurden. Fußballtrikots, Fahnen und viele andere Devotionalien, die es jetzt so reichlich in Sportgeschäften, Supermärkten und auf den Straßen zu kaufen gibt, hätten hier in Südafrika produziert werden können. Damit wären Jobs und Lebensunterhalt zumindest etwas länger gesichert gewesen. Einer Untersuchung der Textilarbeitergewerkschaft SACTWU zufolge wurden viele der Artikel jedoch erst in letzter Minute bestellt und konnten in so kurzer Frist nur von den Multis produziert werden. Als Ergebnis wurden die meisten Markenartikel der FIFA und ihres Hauptsponsors Adidas in Ländern wie China, Pakistan, der Türkei und Taiwan hergestellt. Die Profite machen neben der FIFA vor allem ausländische Großkonzerne.

Beschränkt sich die Reaktion der südafrikanischen Gewerkschaften auf verbale Kritik und Gegrummel, oder gibt es auch praktische Aktionen?


In einem Rückzugsgefecht hat der Gewerkschaftsdachverband COSATU besonders in den Zentren der Bekleidungsindustrie seine fragwürdige Kampagne »Buy South Africa!« (»Kauft südafrikanisch!«) wiederbelebt. Im privaten Gespräch räumen Funktionäre allerdings ein, daß der Preis der entscheidende Faktor ist und die lokalen Produkte im allgemeinen mit Importen nicht konkurrieren können. Außerdem hat der größte Gewerkschaftsbund des Landes mit der FIFA einen Streikverzichtsdeal geschlossen und dafür das Zugeständnis bekommen, daß WM-Erinnerungsartikel in Südafrika produziert werden. Aber so fragte ein SACTWU-Sekretär zu recht: »Wie viele Leute werden teure ›Ich war dabei‹-Shirts haben wollen?«

Unternimmt die Regierung Zuma irgend etwas?


Nachdem die Kritik immer lauter wurde, hat sie auf den allerletzten Drücker die Mehrwertsteuer auf hier produzierte Fanartikel gesenkt. Diese Subvention ist allerdings erst vor einem Monat in Kraft getreten.

Profitiert Südafrika denn wenigstens von der Vermarktung seiner eigenen Nationalmannschaft?


Nein, nicht mal das. 40 Prozent der »Bafana Bafana«-Fanartikel werden im Ausland produziert, weil die zum Adidas gehörende Schweizer Firma Sarragan die Rechte daran besitzt. Nach SACTWU-Angaben kommen aber auch die meisten der offiziell als »südafrikanisch« deklarierten Produkte aus Lesotho. Ausgebildete Maschinenschlosser verdienen in dem Königreich kaum mehr als tausend Rand (107 Euro) im Monat. Das ist die ungefähr Hälfte dessen, was die unterste Lohngruppe bei uns bekommt.

Interview: Raoul Rigault


* Aus: junge Welt, 14. Juni 2010


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