Schüsse in Mbombelas Townships

Im einstigen Nelspruit brachte der Stadionbau böses Blut, Gewinner, aber auch nicht wenige Verlierer mit sich

Von Armin Osmanovic, Mbombela *

Die Erwartungen an die Fußballweltmeisterschaft in Mbombela waren und sind hoch. Manche wurden schon enttäuscht. Der Stadionbau ging mit Landvertreibungen einher. Über dem Bau liegen auch Korruptionsvorwürfe bis hin zu einem ungeklärten Mord.

Mbombela, früher Nelspruit, liegt im Osten Südafrikas auf der Strecke zwischen dem 350 Kilometer entfernten Johannesburg und 250 Kilometer vor Maputo, der Hauptstadt Mosambiks. Diese hieß unter portugiesischer Kolonialherrschaft Lourenço Marques, war vor 100 Jahren der wichtigste Hafen der jungen Burenrepubliken, da Durban von den verhassten Engländern kontrolliert wurde.

Stählerne Giraffen und zebrafarbene Sitze

Durch Nelspruit führte deshalb eine der ersten Bahnlinien des Landes. Die Strecke zwischen Johannesburg und Maputo ist auf der Eisenbahn und der Straße stark frequentiert. Lange Güterzüge, unzählige schwer beladene Lastwagen, aber auch südafrikanische Ausflügler, die fürs Wochenende mit ihrem Boot ans Meer fahren, sind zu sehen.

Im Lowveld, der Gegend um Mbombela, wird es im Sommer über 30 Grad heiß. Sinkt die Quecksilbersäule im Winter auf 20 Grad, lamentieren die Menschen über die Kälte. In diesem Klima wachsen Mangos und Orangen. Neben der Landwirtschaft lebt die Stadt vom Handel und von der Industrie. Die selber wenig attraktive Stadt Mbombela, mit ihren 600 000 Einwohnern, liegt im von Hügeln umgebenden Tal des Crocodile Rivers vor den Toren des Kruger-Nationalparks, des Besuchermagneten Südafrikas.

Von der Fußballweltmeisterschaft 2010 erwartet man einen positiven Impuls für das Geschäft mit den Gästen. Mbombela ist WM-Austragungsort. Für die WM wurde ein Stadion, das 43 500 Besucher fasst und etwa 100 Millionen Euro kostete, fünf Kilometer vor der Stadt neu errichtet. Mbombelas Fußballarena vermittelt einen freundlichen Eindruck. Vincent Mabuza von der Stadtverwaltung, der uns über das Gelände führt, ist begeistert von den stählernen 18 Giraffen, die aus dem Stadion ringsherum herausragen, und den zebrafarbigen Sitzen im Innern des Stadions. Die Architektur soll die Nähe zur afrikanischen Savanne, zu Südafrikas Wildtieren im Kruger-Nationalpark aufnehmen. Freundlich wie eine Grundschule wirkt das Stadion in sattgrüner Umgebung, auch deshalb weil im Innern eine in den Farben Südafrikas bunt bemalte, leichte Betonstruktur vorherrscht.

Proteste hinterließen ihre Wirkung

Direkt an das Stadion grenzt das Township Mataffin, eine wilde Hüttensiedlung. Wo heute eine Straße rund um die Fußballarena zu den Park-and-Ride-Plätzen für die Besucher aus der Stadt führt, standen auch Hütten. Die Menschen wurden von ihrem Land vertrieben. Mit einem Almosen wollte sie der Staat abspeisen. Schüler zweier Schulen neben dem Stadion mussten ihre Klassen räumen. Die Schulen wurden als Unterkünfte für die Bauarbeiter gebraucht. Anwohner beschwerten sich über die Arbeiter, von denen viele von außerhalb kamen, da sie um die Sicherheit der jungen Mädchen fürchteten. Vergewaltigungen sind in Südafrika an der Tagesordnung. Der Stadionbau hat in Mataffin viel böses Blut mit sich gebracht.

Ein traditioneller Führer kontrolliert die Gegend um das Stadion. Fast überall im ländlichen Südafrika trifft man neben den gewählten Vertretern auf derartige Chiefs. Aufgrund der Proteste bewegte sich die Politik. Das Township bildete einen Trust, der nun 46 Millionen Rand (rund 4,6 Millionen Euro) vom Staat erhalten soll. Die Staubstraßen im Township sollen Asphalt erhalten.

Die versprochenen Ersatzschulen sind schon fast fertig. Neue Außen-Toiletten – es gibt kein fließendes Wasser in den Hütten – sind teilweise bereits da. Die Anwohner nennen diese Chemieklos in Betonhäuschen VIP-Toiletten, da jede von ihnen 41 000 Rand kostet (4100 Euro).

Mataffins Township-Bewohner sind auf dem Weg, sich mit der WM zu versöhnen. Die Arbeiter, die länger als drei Monate auf der WM-Baustelle beschäftigt waren, erhalten kostenlos zwei Eintrittskarten.

Die Korruptionsvorwürfe, die den Bau begleiteten, schwelen aber weiter. Am 4. Januar 2009 wurde Jimmy Mohlala, 44, ANC-Mitglied und Sprecher im Gemeinderat, vor seinem Haus in KaNymanzane, einem Township 25 km außerhalb Mbombelas, erschossen. Am Tag darauf sollte er in einem Verfahren gegen Jacob Dladla, einen früheren Manager der Stadtverwaltung, aussagen. Dladla wurde beschuldigt, im Zusammenhang mit dem Stadionbau Geld veruntreut zu haben. Ein Jahr später am 8. Januar 2010 wurde der Sprecher des Sport- und Kulturministers der Provinz Mpumalanga, Samuel Mpatlanyane, in seinem Haus in Mbombela erschossen.

Vusi Shongwe, sein Minister, sah die gleichen Leute am Werk, wie beim Tod Mohlalas. Die angesehene südafrikanische Wochenzeitung »Mail & Guardian« berichtete von einer Todesliste und sprach mit dem Auftragskiller, der sich in Mosambik versteckt halte.

Ein Richter am Pretoria High Court, dessen Name nicht genannt wird, traf sich Ende April an der Grenze zu Swaziland mit dem Auftragsmörder, bekannt als »Josh«. Nach seinen Angaben seien ein hochrangiger Politiker der Provinz Mpumalanga, ein Fußballboss und zwei Geschäftsleute am Mord an Mohlala beteiligt.

Vielleicht erfährt man nach der WM Genaueres über die Beteiligten und die Hintergründe der Morde. Klar ist: Die WM, für die nicht nur ein komplett neues Stadion errichtet wurde, sondern auch ein Fußballtrainingsgelände im Township, ein Fan-Park in der Bergvlam-High-School und mehrere Straßenbauprojekte, ist ein riesiges Geschäft, so groß und verlockend, dass selbst vor Mord nicht zurückgeschreckt wird.

In meinem Hotel in Mbombela tragen alle Mitarbeiter die gelben Fußballtrikots der südafrikanischen Nationalmannschaft Bafana Bafana. Shirley an der Hotelrezeption erzählt uns, dass sie immer am Fußball-Freitag ihre gelben Trikots überstreifen.

Der Tag wird im ganzen Land begangen, im Fernsehen tragen die Kommentatoren ebenfalls Fußballtrikots, auch von den WM-Gastmannschaften, die vorgestellt werden. Freitagnachmittags übt die Hotelbelegschaft zusammen mit interessierten Gästen den Diski Dance. Der Tanz kommt aus den Townships Südafrikas und wurde extra für die WM kreiert. Er beinhaltet Bewegungen, die das Jonglieren mit dem Ball am Fuß nachahmen. Shirley freut sich auf die WM und die Gäste, die in die Stadt kommen werden. »Leider finden nur zwei Spiele in Mbombela statt. Hier ist sonst nichts los«, meint sie und ärgert sich, dass so viele Spiele in Johannesburg stattfinden. »Wir haben doch ein schönes Stadion.«

»Endlich kommt die Welt in unsere Stadt«

Im Mbombela-WM-Stadion werden nicht zwei, wie Shirley meint, sondern vier Spiele stattfinden. Chile gegen Honduras am 16. Juni macht den Anfang.

Was nach der Meisterschaft mit dem Stadion geschieht? Ein Rugby-Club könnte dort spielen, sonst weiß man noch nicht, wozu das Stadion nützen könnte. Den Fan-Park, ein kleines Stadion in der Nähe des Stadtzentrums, wo es Public Viewing geben wird, wird die Bergvlam-Schule als Sportplatz verwenden, und das Trainingsgelände im Township werden der dortige Fußballklub und die Schulen in Beschlag nehmen.

Die neu gebauten Straßen kann man angesichts des ständig steigenden Verkehrsaufkommens auch gebrauchen. Vielleicht wichtiger als der direkte Nutzen durch die WM ist die Begeisterung, die von dem Ereignis ausgelöst wird. Shirley kann es kaum erwarten: »Endlich kommt die Welt in unsere Stadt, wir können den Gästen zeigen, was wir können und mit ihnen feiern, trotz aller Probleme.« Gerade hier in Mbombela.

* Aus: Neues Deutschland, 12. Juni 2010


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