Zuma macht die WM zur Chefsache

Ein Sportereignis als nationaler Kitt für ein nach wie vor in Arm und Reich zerrissenes Land

Von Armin Osmanovic, Johannesburg *

Vor etwas mehr als einem Jahr, am 9. Mai 2009, leistete Jacob Zuma seinen Amtseid als südafrikanischer Staatspräsident. Eine erfolgreiche Fußballweltmeisterschaft und der Gewinn des Turniers durch Bafana-Bafana (Die Jungs), Südafrikas Fußballnationalmannschaft, soll sein erstes Jahr krönen.

Zuma hatte im Wahlkampf 2009 die Menschen überzeugen können, dass er, anders als sein Vorgänger Thabo Mbeki, ihre Probleme ernst nehmen werde. Drei Monate nach Amtsantritt machte er einen Blitzbesuch im Township Balfour in Mpumalanga. Direkt von den Bewohnern, die heftig protestiert hatten, wollte er die Nöte erfahren. Sie beklagten sich über die hohe Arbeitslosigkeit, die schlechte Wohnungssituation, mangelhafte Versorgung mit Strom und Wasser sowie die Sicherheitslage.

Öffentliche Anerkennung erfuhr Zuma auch für eine Rede, in der er Südafrikas Buren – die weiße Bevölkerung – als wichtig für die Entwicklung des Landes bezeichnete. Sechs Monate nach seinem Amtsantritt zeigten sich nach Angaben des südafrikanischen Meinungsforschungsinstituts Ipsos Markinor dann auch erstaunliche 77 Prozent der Befragten mit Zuma zufrieden. Das waren 20 Prozent mehr als im April, bevor er ins Amt des Präsidenten gewählt wurde. Jugendlicher Heißsporn heizt die Stimmung an

Ende des vergangenen Jahres verlor Zuma jedoch an Sympathie. Der 29-jährige Präsident der ANC-Jugendliga, Julius Malema, und nicht Zuma bestimmte immer mehr die politische Diskussion im Lande. Malemas Forderung nach einer Nationalisierung der Bergbauunternehmen, die immer noch Südafrikas wirtschaftliches Rückgrat bilden, machte Furore. Dann verschärfte er den Ton gegenüber den weißen Südafrikanern, sprach von mangelnden Fortschritten für die schwarze Mehrheitsbevölkerung und sang auf Veranstaltungen das Lied »Shoot the Boer« – »Erschießt den Buren«. Als am 3. April der südafrikanische Rechtsextremist Eugene Terre'- Blanche von zwei seiner Farmarbeiter ermordet wurde, kochte die Stimmung im Land kurz hoch. Vereinzelt wurde sogar von weißen Rechtsextremisten wahllos auf schwarze Südafrikaner geschossen. Wenige Tage vor dem Mord hatte ein südafrikanisches Gericht das Lied »Shoot the boer« als rassistisch verboten. Nach dem Tod Terre'Blanches entschloss sich die ANC-Führung, dieses alte Lied des Antiapartheidkampfes nicht mehr zu singen.

Zur gleichen Zeit reiste Malema nach Simbabwe, um, wie er erklärte, von dessen Präsident Robert Mugabe zu lernen, wie Landreform und Nationalisierung von Schlüsselindustrien gelingen könnten. In Simbabwe stimmte Malema wieder das Lied »Shoot the Boer« an, auch machte er sich über die Bewegung für den Demokratischen Wandel (MDC) von Ministerpräsident Morgan Tsvangirai lustig, die mit Mugabes ZANU-PF eine gemeinsame Regierung bildet. Die MDC sei eine »Mickey-Mouse«-Partei. Zuvor in Johannesburg hatte Malema noch einen BBC-Reporter auf einer Pressekonferenz als »Bastard« beschimpft und ihn rausschmeißen lassen. Der Journalist hatte ihn nach seinen Autos und Häusern gefragt, obwohl Malema nach eigenen Angaben nur etwa 2000 Euro pro Monat verdiene.

Die Opposition und die Medien fordern Zuma seit langem auf, Malema in die Schranken zu weisen. Zuma hatte immer wieder gesagt, dass Nationalisierungen nicht zur Politik der Regierung aus Afrikanischem Nationalkongress (ANC), Südafrikanischer Kommunistischer Partei (SACP) und Gewerkschaftsdachverband gehören.

Ende Januar wurde erneut eine Affäre Zumas mit einer jungen Frau und einem daraus hervorgegangenen Kind bekannt. Vor allem die städtische Bevölkerung Südafrikas sah darin einen politischen Skandal. Selbst Traditionalisten stießen sich daran, dass der Vater der Frau jünger war als Zuma. Dieser Fehltritt und Malemas öffentliche Auftritte ließen Zuma als »Lame Duck«, als »Lahme Ente«, erscheinen. Eine Nachfolgediskussion setzte ein.

Der IT-Unternehmer traut Zuma nicht

Doch Ende April kam dann der Paukenschlag Zumas. Der Präsident forderte in einer eilig anberaumten Pressekonferenz, dass Malemas Verhalten Konsequenzen haben müsse. Eine Disziplinarkommission des ANC wurde einberufen, und Malema musste vor ihr antanzen. Der Präsident der ANC-Jugendliga wurde zu umgerechnet 1000 Euro Strafe und Kursen in politischem Verhalten verurteilt. Sollte er innerhalb der nächsten zwei Jahre wieder unangenehm auffallen, droht ihm der Verlust der ANC-Mitgliedschaft.

Trotzdem scheiden sich an Zuma in Südafrika weiterhin die Geister. Für Thabo Mohlala, 55-jähriger Angestellter im öffentlichen Dienst und ANC-Mitglied, der wie Zuma im sambischen Exil war, ist der gegenwärtige Präsident nach wie vor besser als sein Vorgänger Mbeki. »Er kann zuhören, und er überstürzt keine Entscheidungen. Ich unterstütze sein Bestreben, die öffentliche Verwaltung effizienter machen zu wollen«, meint Mohlala. »Was wir brauchen, sind beispielsweise Straßeninspektoren, die die Fortschritte im Straßenbau überprüfen. Zu viel Geld geht dort bislang verloren.«

Craig Leppan, 44, Unternehmer im IT-Sektor, hat ein ganz anderes Bild von seinem Präsidenten. »Er ist ein aggressiverer Typ als Mbeki, er kann Dinge besser durchsetzen. Aber ich traue ihm nicht. Er hat zu viele Verbindungen mit schlechten Menschen.« Was Leppan seinem Präsidenten vor allem ankreidet, ist die späte Reaktion auf Malemas Nationalisierungsforderung. »Ein Freund von mir«, erzählt er, »ist Bergbauingenieur, die großen Bergbauunternehmen hätten alle Investitionen in Südafrika gestoppt, meint er, denn sie machen sich Sorgen wegen Malema.«

Für Leppan persönlich laufen die Geschäfte gut. Er hat mit seinem IT-Unternehmen zu tun, doch er ärgert sich, dass wegen »Black Economic Empowerment«, der staatlichen Bevorzugung schwarzer Unternehmen, die Wirtschaft an Effizienz verliert. »Die schwarzen Unternehmer wollen nur absahnen. Wir Steuerzahler werden immer stärker zur Kasse gebeten«, jammert er. »Bald werden viele Menschen das Land verlassen, denn es wird zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Schwarzen kommen. »Jeder will ein immer noch größeres Stück vom Kuchen abhaben.«

Joy Lukeyende, 55-jährige Mutter dreier Kinder und Hausangestellte, wohnt im Johannesburger Township Alexandra. Sie hat einen ganz anderen Blick auf Zuma. »I love my Zuma«, sagt sie mit großem Lächeln auf ihrem Gesicht. »Probleme gibt es natürlich«, fährt sie fort. Ihre Schwester sucht seit Jahren nach einem Haus und bekommt es nicht. »Aber Südafrika ist heute ein viel besserer Ort als noch vor wenigen Jahren. Wir haben Strom, wir haben endlich schöne Häuser. Es geht vorwärts.« Auf Malema angesprochen sagt sie nur kurz, »er ist aufgeregt, eben jung.«

Rugby-Fans bei schwarzen Nachbarn

Zuma spricht von Malema nurmehr als »Kind«. Es scheint, als dass Zuma fürs erste Malema unter Kontrolle gebracht hat. Nun bricht wieder Ärger mit den Gewerkschaften aus. Der ANC will den Generalsekretär Zwelinzima Vavi vor eine Disziplinarkommission stellen, da er öffentlich die Minister beschuldigt habe, korrupt zu sein. Die Gewerkschaften und die SACP haben sich den Kampf gegen die Gier auf die Fahnen geschrieben. Und auch Zuma will die Moral in der Politik wieder zum Thema machen.

Die Weltmeisterschaft kommt für Zuma zur rechten Zeit. Denn was er dringend in diesem nach wie vor zwischen Schwarz und Weiß, Arm und Reich zerrissenen Land braucht, sind Menschen, die sich motiviert füreinander einsetzen. Vier Wochen WM-Stimmung und ein gemeinsames Erfolgserlebnis, eine gegen alle Unkenrufe gute WM ausgerichtet zu haben, könnten Zuma bis weit in das nächste Jahr stärken.

Am 28. Mai, als das Rugby-Team der Bulls in Soweto spielte, da ihr eigenes Stadion für die WM blockiert war, war zu erahnen, welche Kraft Sport entwickeln kann. Noch nie zuvor waren in Soweto so viele weiße Gesichter gesehen worden. Friedlich und fröhlich stellten sie ihren Braai (Grill) in der schwarzen Nachbarschaft auf. Schwarz und Weiß begegneten sich bei diesem immer noch »weißen« Sportspektakel und belebten den Geist der Regenbogennation, der mit immer größerem Abstand zum Ende der Apartheid an Kraft verloren hatte. Die Bedeutung des Sports für die Zukunft des Landes hat Zuma, wie Mandela vor ihm 1995 bei der Rugby-WM, als er das Shirt der in weiten Kreisen der schwarzen Südafrikaner verhassten Rugby-Mannschaft überstreifte, erkannt, deshalb ist die WM Chefsache.

* Aus: Neues Deutschland, 12. Juni 2010


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