Apartheid-Opfer kommen zu kurz

Vor zehn Jahren wurde in Südafrika der Bericht der Wahrheitskommission übergeben

Von Anja Schade, Johannesburg *

Vor genau zehn Jahren wurden in Südafrika die vorläufigen Ergebnisse der Wahrheits- und Versöhnungskommission an den damaligen Präsidenten Nelson Mandela übergeben. Was ist seither geschehen?

Die Medien widmen der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) zum Jubiläum recht wenig Raum, obwohl ihre Arbeit für nicht wenige Südafrikaner von Bedeutung war. Inzwischen haben jedoch die Alltagssorgen die Aufarbeitung der Vergangenheit in der Hintergrund gedrängt. »Die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) war gut, um sich zu öffnen und um einen Weg zu finden, mit der Vergangenheit umzugehen. Das Wichtigste war zu zeigen, dass wir alle gleichwertig sind. Doch jetzt gibt es wichtigere Dinge zu bewältigen«, sagt Adrian aus Kleinkrantz, einer Gemeinde am Indischen Ozean.

Adrian wohnt in einem kleinen Wohnwagen auf dem Gelände einer Verwandten. Er hält das Haus in Stand und zahlt dafür nur wenig Miete. Wie die meisten hier hat er kein regelmäßiges Einkommen; die Arbeitslosenquote ist hoch, einige leben in Wellblechhütten. Direkt am Strand entstehen teure Einfamilienhäuser und treiben die Grundstückspreise in die Höhe. Die Kontraste zwischen Arm und Reich treffen hier schonungslos aufeinander. Marjorie Jobson, die Direktorin der Khulumani Support Group, verwundert es nicht, dass viele aus der Bevölkerung von ihren Alltagssorgen eingeholt werden. »Aber für die Opfer und Überlebenden von Gewalt und Menschenrechtsverstößen ist es daher um so wichtiger, dass sie Unterstützung erhalten und nicht allein gelassen werden.«

Khulumani bedeutet auf isiZulu »Sprich es aus!« Die Organisation ist ein Zusammenschluss von Opfern der Apartheid, die sich nun für ihre eigenen Rechte stark machen. Von der Regierung erwartet Marjorie Jobsen wenig. Von der 1995 ins Leben gerufenen TRC-Unit, die dem Justizdepartment untersteht und für die Überwachung und Umsetzung der TRC-Empfehlungen zuständig ist, ist sie enttäuscht. »Es gibt noch immer Menschen, die vor der Wahrheitskommission ausgesagt haben und nicht wissen, ob sie Anspruch auf eine Entschädigung haben oder nicht.« Nicht zu sprechen von denjenigen, die gar nicht gehört wurden. Mit Hilfe der vielen Freiwilligen bei Khulumani konnten innerhalb von drei Jahren Anträge und Aussagen von mehr als 15 000 Opfern gesammelt werden. Es bleibt abzuwarten, wie viele von ihnen Geld aus dem für Apartheidopfer bereitgestellten und noch immer 700 Millionen Rand (rund 49 Millionen Euro) umfassenden »President's Fund« bekommen werden.

Knapp 20 000 von etwa 90 000 Antragstellern wurden von der Wahrheitskommission als Opfer anerkannt. Die Erwartungen waren hoch. Eine Frau aus Crossroads, einer Armensiedlung in Kapstadt, berichtet, dass drei Familienangehörige in den 80er Jahren Opfer der südafrikanischen Polizei wurden, bei Unruhen in Crossroads wurde auch ihr Haus in Brand gesetzt. »Ich habe nie eine Entschädigung erwartet. Doch die TRC hat unsere Hoffnungen wachsen lassen. Sie haben uns gefragt, was wir uns von ihnen wünschen würden. Sie haben versprochen, mir ein Haus zu bauen. Aber nun lebe ich noch immer in einer Hütte. Sie gaben uns Geld, aber was ist mit den anderen Dingen?« Sie hat 30 000 Rand (2100 Euro) erhalten, die sie für Arztkosten und die Wiederanschaffung von Mobiliar ausgab. »Aber sind unsere Verluste mit 30 000 Rand zu begleichen?«

Die Frage nach einer angemessenen Entschädigung ist schwer zu beantworten. Erzbischof Desmond Tutu, der ehemalige Vorsitzende der Wahrheitskommission, äußerte sich enttäuscht über die Zuwendungspolitik: »Die TRC hat eine Kompensation von 100 000 Rand für jedes Opfer der Apartheid empfohlen, aber die Regierung hat den Betrag auf lediglich 30 000 Rand festgesetzt.«

Das Ringen um die Aufarbeitung der Vergangenheit ist längst nicht abgeschlossen. Straßen, Krankenhäuser, Townships und Universitäten tragen nun die Namen von Oliver Tambo, Chris Hani oder Nelson Mandela. Gegenüber dem burischen Voortrekker-Mahnmal in Tshvane (Pretoria) wurde letztes Jahr der Freedom-Park eingeweiht – zur Erinnerung an diejenigen, die seit der Kolonialisierung ihr Leben für die Freiheit gelassen haben. Doch wer zählt zu den Opfern? Und wer entscheidet? Die Aufarbeitung von Unrechtssystemen ist überall ein schwieriges und langwieriges Unterfangen. Südafrika bildet da keine Ausnahme.

* Aus: Neues Deutschland, 4. Oktober 2008


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