Im Namen der Würde

Nach jahrzehntelanger Unterdrückung sind Wahlen für die meisten Südafrikaner weiterhin etwas ganz Besonderes. Eindrücke

Von Christian Selz, Port Elizabeth und Kapstadt *

Nach Nelson Mandela, Thabo Mbeki und Kgalema Motlanthe heißt Südafrikas vierter auf demokratischem Weg ins Amt gelangte Präsident Jacob Zuma. An diesem Wochenende wird er vereidigt. Die Basis dafür hat die Parlamentswahl vor zweieinhalb Wochen gelegt. Doch für die meisten Südafrikaner war dieser Urnengang deutlich mehr als nur eine Abstimmung für Parteien und Programme. Es ging um Würde, Gleichberechtigung, gelebte Demokratie und Hoffnung.

Der 22. April 2009 wird in die Geschichte Südafrikas als Tag der vierten freien und nicht rassistischen Wahlen des Landes eingehen. In Walmer-Township, einem der ärmsten Viertel der Hafenstadt Port Elizabeth, präsentierte er sich als für die Jahreszeit ungewöhnlich sonnig, wenn auch nicht allzu warm. Schließlich wird es gerade Winter am Kap. Deutsche Wahlforscher hätten sicherlich von »günstigem Wetter« für eine Abstimmung gesprochen. Doch die Menschen in Walmer richten sich nicht nach Niederschlagsmengen und Temperaturskalen. Unabhängig davon stehen die Ersten bereits um fünf Uhr morgens vor den noch geschlossenen Pollstations an. Wählen, das ist für die allermeisten Menschen eine Verpflichtung, eine Ehre, ein hohes Gut, für das sie und ihre Vorfahren lange und hart gekämpft haben. Wer das vergessen hat, wird von Freunden und Verwandten eindringlich daran erinnert.

Walmer-Township – allein der Name läßt vielen Weißen in Port Elizabeth Schweiß über den Rücken laufen. 50000 oder 100000 Menschen wohnen hier auf ungefähr vier Quadratkilometern. Wie viele genau es sind, weiß niemand. Die letzten offiziellen Zahlen stammen aus dem Jahr 2001 und sind längst hoffnungslos überholt. Wie der Alltag in den meisten südafrikanischen Townships ist der von Walmer heute geprägt von Armut, Alkoholmißbrauch und Kriminalität, auch wenn letztere in den vergangenen Jahren merklich zurückgegangen ist.

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, lange vor Einführung der offiziellen Apartheid, in direkter Nähe zu Hafen und Stadtzentrum gegründet, sollte das Viertel ab 1950 eigentlich dem Rassenwahn weichen. Nach dem Group Area Act, dem Gesetz, das vorschrieb, daß Menschen verschiedener ethnischer Gruppen nicht zusammen in einem Stadtteil leben durften, war die Gegend ausschließlich für Weiße bestimmt. Die Bewohner des Walmer-Townships wehrten sich gegen das Diktat der Weißen von der National Party und verteidigten ihr Gebiet – auch mit Granaten und Gewehrkugeln –, als die Staatsgewalt zur Räumung anrückte.

Geschichten vom Widerstand

Noch heute erzählen die Menschen in Gqebera, wie das Township in ihrer Muttersprache Xhosa heißt, die Geschichten und Legenden des Widerstandskampfes. Aus Rohren und Metallfedern bastelten sich die militanten Kämpfer Pistolen zur Verteidigung und setzten auf dem nahen Truppenübungsplatz gesammelte Gewehrkugeln ein. Inzwischen intervenierten auch die Weißen im anliegenden Viertel Walmer bei der Stadtverwaltung, weil sie das nahe Township als Pool billiger Arbeitskräfte und Hausdiener behalten wollten – doch das spielt im Rückblick weniger eine Rolle.

Während in den Geschichten aus Gqebera viel Stolz mitschwingt, sind jene, die außerhalb des Townships, wo schöne Häuser hinter hohen Mauern stehen, über den Stadtteil erzählt werden, eher von Furcht geprägt. Zwei Welten begegnen sich auf engstem Raum, die Kontraste sind riesig. Das fängt beim Lebensstil an, geht bei Gesundheitsversorgung und der Ausstattung der Schulen weiter und hört bei der Geschichtsbewältigung noch lange nicht auf.

Nur ein Beispiel: Steve Biko, der charismatische Anführer der südafrikanischen Black-Consciousness-Bewegung, in der sich in neuem Selbstbewußtsein Schwarze aller Ethnien zusammenschlossen, wurde auf einer Wache keine zwei Kilometer vom Township entfernt schwer gefoltert und starb schließlich auf der Ladefläche eines Polizeiwagens. Nach wie vor wird das Gebäude als Polizeistation genutzt. In der Zelle von damals erinnert heute ein einfaches Wandbild an ihn. Jahreszahlen, geschweige denn eine erklärende Texttafel sucht man jedoch vergeblich. Besucher, die um den historischen Charakter der Wache wissen, müssen schon bei den Behörden nachfragen, um den Ort gezeigt zu bekommen, an dem Biko halb totgeschlagen wurde. Im öffentlich zugänglichen Teil der Wache erinnert nichts an ihn, keine Tafel, keine Plakette.

In Walmer hat man ihn freilich nicht vergessen. Sein Geist lebt, sagt man hier. »Wir müssen lernen, auf unsere eigene Kultur stolz zu sein. Das heißt nicht, daß ich etwas gegen Weiße hätte, aber wir müssen unser Selbstbewußtsein als Schwarze schärfen«, sagt Thobani Noqoli, der sein Geld unter anderem mit Führungen von Touristen verdient. Im Zentrum des Townships ist eine der besten und wichtigsten Straßen nach Biko benannt, sie liegt ganz in der Nähe der Chris-Hani-Straße, die jenen populären Generalsekretär der Kommunistischen Partei Südafrikas ehrt, der 1993 von einem Rassisten vor seinem Wohnhaus in Soweto erschossen wurde – eventuelle Auftraggeber bis heute unbekannt. Ungefähr in der Mitte zwischen diesen beiden Straßen steht die Grundschule, in der das Wahllokal eingerichtet war. Wer hier abstimmt, der weiß, wem er das Recht dazu zu verdanken hat und wen er mit dessen Wahrnehmung ehrt.

Hohe Beteiligung

Dieses Gefühl ist längst nicht auf Walmer-Township beschränkt. Landesweit war die Beteiligung mit 77 Prozent der registrierten Wähler sehr hoch, wie immer seit dem ersten freien Urnengang 1994. Dabei ist es nicht die abgöttische Verehrung einer Partei, die die Menschen in die Abstimmungslokale treibt. »Ich weiß nicht, wen ich wählen soll«, sagt beispielsweise Hannah Hussey aus Kapstadts gehobenem Mittelschichtstadtteil Claremont. Die Medizinstudentin befürwortet zwar das sozial ausgerichtete Programm des ANC, kann aber mit dem inzwischen gewählten Präsidenten Jacob Zuma »wegen dessen umstrittener Vergangenheit« wenig anfangen. Deshalb der Wahl fernzubleiben, kam für die 23jährige aber nicht in Frage: »Menschen haben im jahrzehntelangen Kampf ihr Leben geopfert, um gegen die Apartheid – und damit auch für das Wahlrecht – zu kämpfen. Wie respektlos wäre es da, nicht wählen zu gehen?«

Das Wahlrecht wird in Südafrika zur geschichtlich und moralisch begründeten Wahlpflicht. Und die wird zelebriert. Lubabalo Valisa aus Walmer-Township hat sich um 6.30 Uhr in die Schlange vor dem Wahllokal in der Grundschule eingereiht, obwohl es erst um sieben öffnete. Gegen elf Uhr steht er immer noch weit vor dem Schultor, insgesamt wird er sechs Stunden warten müssen. Er scherzt mit den Leuten neben sich, sie erzählen und lachen viel. Während die Menschen in den Vororten oft nach einer halben Stunde abgestimmt haben, gibt es für Walmer-Township gerade mal drei Wahllokale – und damit entsprechende Wartezeiten.

Ein erneuter Sieg

Wer allerdings eine gereizte Stimmung oder sogar Proteste dagegen erwartet, daß die Townships auch in diesem Punkt mal wieder am schlechtesten versorgt sind, der irrt. Friedlich, gelassen, fast volksfestartig ist die Atmosphäre. Der 26jährige Lubabalo erzählt, daß eine Freundin von ihm in einem der anderen beiden Wahllokale arbeite. Er könnte dort wohl innerhalb von fünf Minuten wählen, aber er möchte sich gar keinen Vorteil verschaffen. »Ich will dieses Gefühl des Wählengehens voll aufsaugen«, sagt er. Mit pathetischen Worten zur Begründung hält er sich zurück. Die Sonne scheint, die Stimmung ist gut, das ist es, was gerade zählt. Dennoch merkt jeder, daß mehr dahintersteckt als ein kleines Sonnenbad im Freien. Spätestens, als abends die Schlange immer noch sehr lang ist, es zwischenzeitlich angefangen hat, stark zu regnen und dann noch die Wahlzettel zeitweise ausgehen, aber die Menschen immer noch ausharren, um ihre Stimme abzugeben, dürfte das jeder verstanden haben. Es ist so etwas wie ein erneuter Sieg über die Apartheid.

Gewonnen hat an diesem Tag gleichzeitig auch die Demokratie in Südafrika. Am Straßenrand vor den Wahllokalen in Walmer-Township sind Informationsstände des ANC, der ehemaligen Befreiungsbewegung Afrikanischer Nationalkongreß, und dessen Abspaltung COPE (Volkskongreß) aufgebaut. Die Aktiven gehen im Endspurt noch einmal auf Stimmenfang, man grüßt sich, ist freundlich. Von dem im Vorfeld herbeigeschriebenen Gewaltexzessen, den bürgerkriegsähnlichen Zuständen, der einsatzbereiten Armee – von all dem ist nichts zu sehen und zu spüren. Die Südafrikaner liefern an diesem Tag Anschauungsunterricht für die unverbesserlich arroganten Skeptiker, die es Afrikanern nie zutrauen, politisch tolerant nebeneinander zu agieren. Der ruhige Ablauf der Wahl, die übrigens von nationalen und internationalen Beobachtern ohne Einschränkung als frei und fair bezeichnet wurde, zeigt, auf welch gutem Weg das Land sich befindet.

»Wir werden den ANC verteidigen… – in der Wahlkabine!«: Den Spruch haben sich einige Anhänger der Regierung auf die Heckpartien ihrer Autos geklebt – eine ironische Anspielung auch auf die Übertreibungen der überwiegend konservativen Printmedien im Land, die jedes übermütige Wort des als unsäglich empfundenen Vorsitzenden der ANC-Jugendliga, Julius Malema, zu skandalträchtigen Gewaltdrohungen hochgeschrieben haben. Recht hatten am Ende die Wähler. Der ANC wurde mit 65,9 Prozent klar verteidigt – per Stimmzettel.

Hoffnung in Townships

Nun ist die Hoffnung allenthalben groß, daß neben der Demokratie auch die Wähler gewinnen. Denn die haben sich eindeutig für das stark sozial geprägte, vom Gewerkschaftsbund COSATU und der Kommunistischen Partei deutlich beeinflußte Programm des ANC entschieden. Die erneut hohe Wahlbeteiligung ist nämlich auch Teil eines Umschwungs. Zwar regiert weiter und ungebrochen der ANC, doch die Linie und das Personal sind längst nicht mehr identisch mit der vor fünf Jahren gewählten Vorgänger-Regierung unter Thabo Mbeki. Der ANC ist auf dem Papier deutlich nach links gerückt, hat dafür in der neoliberalen Mitte eine Partei wie COPE entstehen lassen, aber trotzdem die klare Mehrheit erhalten. Nun geht es um die Umsetzung des Programms.

Was die Menschen sich am dringlichsten erhoffen, erfährt, wer an einem weniger festlichen Tag mal etwas weiter durch Walmer-Township schlendert. Zwar ist der Siedlungskern inzwischen mit kleinen, aber doch stabilen Steinhäusern bebaut, die Straßen hier sind asphaltiert, es gibt Strom und sauberes, fließendes Wasser. Aber die »Extensions«, die nicht geplanten Erweiterungen der Townships, bestehen noch immer aus einer riesigen Ansammlung von Wellblechhütten. Hier holen die Menschen ihr Trinkwasser an einer Zapfstelle, von denen es eine pro Schotterstraße gibt, der Strom wird mit abenteuerlichen Kabelkonstruktionen irgendwo »organisiert«. Häufig kommt es so zu Unfällen; beispielsweise, wenn Kinder mit den fahrlässig isolierten Kabeln spielen.

Feste Häuser müssen her, die ein würdevolles Leben ermöglichen. Und genau die hat der ANC auch versprochen und dazu eine Perspektive für die Menschen, die darin leben sollen. Mehr als jeder Zweite in Walmer-Township ist arbeitslos, und auch wenn es darüber keine gesicherten repräsentativen Statistiken gibt, wird die Zahl der HIV-Positiven und Aids-kranken mit 40 Prozent fast genauso hoch eingeschätzt. In der 1,3-Millionen-Einwohner-Stadt Port Elizabeth gibt es gleichzeitig nicht ein einziges prominent plaziertes Plakat, das auf die Gefahren der Immunschwächekrankheit aufmerksam macht.

Medizinstudentin Hannah setzt in dieser Frage Hoffnungen in die neue Regierung. Das mag komisch klingen, schließlich machten die Berichte vom Skandal um Jacob Zuma einst Schlagzeilen. Und im Wahlkampf wurde von gegnerischer Seite daran erinnert: Demnach hatte der nun gewählte neue Präsident den Geschlechtsverkehr mit einer Frau, von der er nach eigener Aussage wußte, daß sie HIV-positiv war, damit gerechtfertigt, daß er hinterher »heiß geduscht« habe. Doch was in den aktuellen Artikeln meist nicht erwähnt wurde: Diese Aussage vor Gericht liegt mehr als drei Jahre zurück, Zuma hat sich inzwischen ausdrücklich dafür entschuldigt, und seitdem der ANC von ihm geführt wird, hat das Land eine Gesundheitsministerin, die sich wirklich für die Verteilung von lebenserhaltenden Medikamenten einsetzt.

Das sieht auch Hannah so. »Thabo Mbeki war ein Aids-Leugner«, sagt die angehende Ärztin, die sich in der Nichtregierungsorganisation »Treatment Action Campaign« für die medikamentöse Versorgung der Infizierten einsetzt. »Es kann also nur besser werden.« Und in der Tat: Während Mbeki, ein studierter Mann, die internationale Fachwelt auf einer Konferenz zum Thema allen Ernstes mit seiner These brüskierte, zwischen HIV und Aids könne es keinen Zusammenhang geben, die medizinische Forschung in Südafrika permanent aktiv behinderte und seine damalige Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang den Menschen weiszumachen versuchte, daß Rote Beete und Knoblauch gegen Aids helfen, ist Südafrika mit 5,2 Millionen Infizierten zum Land mit den nach Indien meisten HIV-Positiven geworden.

»Kleine Schritte«

Mehrere hunderttausend Südafrikaner sterben jährlich an der Immunschwächekrankheit. Große Unternehmen unterhalten inzwischen eigene Krankenhäuser, um ausgebildete Arbeiter länger berufsfähig zu halten. Neben der humanitären Katastrophe durch die Seuche sind auch die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft dramatisch. Hinzu kommt die globale Finanzkrise, die um das Land keinen Bogen macht.

Es wird daher nicht leicht sein, die Hoffnungen auf Veränderung und Besserung zu erfüllen, aber es ist extrem wichtig. Gerade die Armen haben auf Zuma gesetzt und ihn gewählt, weil er für eine sozialere ANC-Politik steht. Ob die Zeiten nach den Wahlen ähnlich hoffnungsfroh, gut gelaunt und zuversichtlich ausfallen werden wie der Wahltag selbst, wird sich erst in den nächsten Monate und Jahren zeigen. »Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern«, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Für die Vorbedingungen haben die Menschen in den endlosen Schlangen vor den Wahllokalen gesorgt. Bleibt jetzt zu hoffen, daß sich die Weisheit des Sprichworts erfüllt.

*Aus: junge Welt, 9. Mai 2009


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