Zwischen Wunder und Realität

Gewalt im Post-Apartheid Südafrika

Von Barbara Susanna Sturn*

I. PROLOG

Als ich nach Südafrika flog, hatte ich bereits ein umfangreiches Vorwissen über das Land. Wir hatten im Seminar zahlreiche Texte historischer und politikwissenschaftlicher Natur gelesen. Wir wussten um die Schrecken der Apartheid und wir wussten, dass diese nun vorüber waren. Es war ein Wunder geschehen! Von diesem südafrikanischen Wunder aus dem Jahre 1994 berichten zahlreiche Bücher. Das Wunder ließ ein neues Südafrika entstehen, seither sind Wahrheit und Versöhnung allgegenwärtig.

Der Schein trügt. Das neue Südafrika war fast so schrecklich, wie ich mir das alte Südafrika vorgestellt hatte. Das Wunder musste ein kleines gewesen sein, dachte ich mir. Offenbar redete auch Nelson Mandela mehr von Wundern, als dass er sie wirkte.

Dass die Gräuel der Apartheid überwunden sind, darüber sind wir alle froh! Und auch ich, die ich in Österreich lebe, bin froh dass das aus der Welt ist. Und ich finde auch, man sollte an Wunder glauben! Aber man sollte nicht in Thaumatologie verfallen und vor lauter Wunder die Realität übersehen.

Südafrika befindet sich irgendwo dazwischen, zwischen Wunder und Realität.

II. ZUM THEORETISCHEN GELEIT

II.I. Themenstellung und Thesen

Forschungsgegenstand der Seminararbeit ist Gewalt im Post-Apartheid-Südafrika. Untersucht werden soll hier die Entwicklung Südafrikas ab 1994. Im Fokus des Forschungsinteresses steht das ungewöhnlich hohe Gewaltniveau Südafrikas und die Frage nach den möglichen Ursachen dieses Phänomens.

Die forschungsleitende Fragestellung lautet: Wie kann es sein, dass ein Land nach einer wundersamen gewaltlosen Transformation (ab 1994) ein derart hohes Gewaltniveau hat?

Folgende Thesen werden aufgestellt:
  • Sicherheit und Gewalt stehen notwendigerweise in einem kausalen Zusammenhang. Sicherheit kann durch verschiedene Arten von Gewalt bedroht werden. Gewaltsame Bedrohung der Sicherheit führt zu Formen der Gegengewalt. In Südafrika besteht ein eklatanter Mangel an Sicherheit, hervorgerufen durch verschiedene Arten von Gewalt.
  • Strukturelle Gewalt erzeugt Ungleichheit. Ungleichheit kann die Ursache von Gewalt sein. Strukturelle Ungleichheit ist in Südafrika ein Relikt aus der Apartheid, einem System institutionalisierter Ungleichheit, das Südafrika bis heute prägt.
  • Unterarten struktureller Gewalt sind etwa wirtschaftliche, institutionelle und kriminelle Gewalt. Kriminelle Gewalt, im Gegensatz zur legitimen staatlichen Gewalt, führt zu Unsicherheit. Wirtschaftliche Gewalt führt zu sozioökonomischer Unsicherheit, institutionelle Gewalt zu rechtlicher Unsicherheit. Südafrika befindet sich in einem Sog von Gewalt und Unsicherheit.
  • Daraus entsteht ein Gewaltkreislauf in Südafrika.
Die Vorgeschichte von Apartheid, Bürgerkrieg bis zum Regimewechsel 1994, wird hier größtenteils vorausgesetzt. Die Themeneinschränkung erfolgt bewusst auf das Post-Apartheid-Südafrika. Das ist ein sehr spannendes Forschungsterrain, das meines Erachtens nach ein wenig unterbeleuchtet ist. Es scheint fast so, als wäre Südafrika mit dem Ende der Apartheid auch aus dem wissenschaftlichen Gesichtsfeld verschwunden. Es ist nämlich gar nicht leicht, Literatur dazu zu finden. In den Bibliotheken türmen sich Bücher über Südafrika zur Zeit der Apartheid, aber was passierte dann...?

II.II. Begriffserläuterung

Der Begriff Gewalt ist komplex und erfordert eine breite Perspektive. Verwendet wird hier der Begriff Gewalt nach Galtung. Der Friedensforscher Johann Galtung weist darauf hin, dass Gewalt drei verschiedene Formen annehmen kann, diese voneinander abhängig sind und gemeinsam auftreten. In diesem Dreieck der Gewalt kann in jeder Ecke Gewalt ausbrechen und wird dann leicht auf die anderen Formen übertragen. Er unterscheidet verschiedene Arten von Gewalt. Etwa die direkte Gewalt, in der die Täterschaft und der Gewaltakt sichtbar sind, die strukturelle Gewalt, bei der niemand in Erscheinung tritt, der einem anderen direkt Schaden zufügt, Gewalt jedoch in das System eingebaut ist und sich in ungleichen Machtverhältnissen und lebensbedrohendem Abschneiden von materiellen und ideellen Ressourcen äußert. Schließlich die kulturelle Gewalt, womit jene Übereinkünfte und Tabus einer Kultur bezeichnet werden, mit deren Hilfe direkte oder strukturelle Gewalt legitimiert oder gar provoziert werden kann. (Glossar: Privatisierte Gewalt) Unterarten struktureller Gewalt sind etwa wirtschaftliche, institutionelle und kriminelle Gewalt.

Südafrikavokabeln:

Schwarz – Weiß – Farbig sind in Südafrika nach wie vor gebräuchliche Termini zur Bezeichnung der Bevölkerungsschichten unterschiedlicher Herkunft. Schwarz ist ein Sammelbegriff für alle afrikanischen Volksgruppen. Weiß ist die Kategorie für europäische Einwanderer. Farbig sind alle, die weder schwarz noch weiß sind. Während der Apartheid waren dies Exilanten aus dem niederländischen Ostindien, die Khoisan (Urbevölkerung, auch bekannt als Buschleute) und anderen ethischen Gruppierungen sowie Mischbevölkerungen. Diese „Rassenkategorien“ stammen aus der Apartheid, werden aber auch im Neuen Südafrika bedenkenlos zur Bezeichnung der Zugehörigkeit der Bürger verwendet.

Townships und Homelands sind jene Gebiete, in welche die afrikanische Bevölkerung unter der Apartheitd zwangsweise umgesiedelt wurde. Townships (Soweto, Kayelitsha) sind die Satellitenstädte nahe den großen Metropolen, in denen mehrere Millionen Afrikaner leben. Homelands sind die „Reservate“ für Schwarze auf dem Land.

II.III. Was vorher geschah…

In Südafrika tobte jahrelanger Bürgerkrieg. Unter dem damaligen, mittlerweile in aller Welt berüchtigten Apartheidregime, kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen der regierenden Minderheit und der unterdrückten Mehrheit. Nach vielen Jahren blutigen Bürgerkrieges und zigtausend Toten, geschah das „Wunder“ eines (relativ) friedlichen Machtwechsels, das heißt anstelle eines gewaltsamen Regimewechsels fand ein ausgehandelter statt. Das vermag tatsächlich auf den ersten Blick erstaunlich, vielleicht gar wundersam sein, bei näherem Betrachten der historischen Gegebenheiten kann man auch zu dem Schluss gelangen, dass die politische Verhandlungslösung aus der realen Situation eines Machtgleichgewichts entstanden ist. Im Laufe eines Jahrzehnts des Bürgerkrieges war es keiner der kämpfenden Parteien gelungen, die jeweils andere zu besiegen. Weder hatte es die Opposition geschafft, das Apartheidregime zu stürzen, noch konnte das herrschende Regime den Widerstand endgültig brechen. Das Apartheidregime hatte zwar die wichtigsten Führer der Widerstandsbewegung ins Gefängnis von Robbenisland hinter Gitter gesperrt, war jedoch gleichzeitig selber entscheidend geschwächt. Um die südafrikanische Wirtschaft war es seit der Ölkrise von 1973 schlecht bestellt, Rückforderungen von Krediten aus dem Ausland aufgrund des schlechten Rufes des Regimes brachten es in Zahlungsschwierigkeiten, hinzu kamen zahlreiche Streiks sowie Unruhen in den Townships. Die verfahrene innen- und wirtschaftspolitische Situation, sowie dramatische Veränderungen an den Außengrenzen des Landes seit Mitte der 70er Jahre trugen entscheidend zum Untergang der Apartheid bei, welcher sich bereits um die Jahreswende 1989 zu 1990 abzuzeichnen begann. (Hagemann 96)

So kam es, dass hinter den Kulissen der brutalen Auseinandersetzungen zwischen Schwarz und Weiß in den Townships, geheime Gespräche zwischen Angehörigen der weißen Elite und Führern des ANC (African National Congress) stattfanden. Schließlich begann ein Umwälzungsprozess, der sich über mehrere Jahre hinzog. Im Jahre 1994 geschah dann das „Wunder“.

III. WUNDER HABEN KURZE BEINE – VON DER GEWALTLOSEN TRANSFORMATION ZUR GEWALTSAMEN FREIHEIT

Das Wunder geschah in Südafrika Anfang der 90er Jahre. Im Laufe der Jahre 1993 bis 1994 vollzog sich ein „gewaltloser“ Machtwechsel vom Apartheidregime zu einer demokratisch gewählten Regierung. Südafrika ist das einzige afrikanische Land, in dem der Machtwechsel von der herrschenden weißen Minderheit zu einer demokratisch gewählten schwarzen Mehrheitsregierung unblutig erfolgte. Dieses südafrikanische Wunder ist in aller Munde. Wahrheit und Versöhnung sind die Schlagwörter der Post-Apartheid-Ära.

Alexander Neville findet eine weniger märchenhafte Erklärung für das vermeintliche Wunder von Südafrika in einer historisch einmaligen Pattsituation. Er meint, dass das Gleichgewicht der Kräfte sowohl für die Heftigkeit des Konflikts – gemeint ist der vorangegangene Bürgerkrieg – als auch dafür verantwortlich war, dass dieser Konflikt schließlich in relativ friedliche Bahnen gelenkt werden konnte.

„Das Wunder, das heute in aller Welt gerühmt wird, ist nicht zuletzt auf jenes Gleichgewicht der Kräfte und die resultierende politische und militärische Pattsituation zurückzuführen. Die einmalige Konstellation, in der ein von Menschen vor allem europäischer Herkunft bewohnter moderner Industriestaat, in dem einige Sektoren der Wirtschaft und der Gesellschaft mit einer erstklassigen Infrastruktur ausgestattet waren, mit einem Land der Dritten und schließlich der Vierten Welt koexistierte, ergab sich eben nur in Südafrika, was das Land zu einer Art Mikrokosmos der modernen Welt machte.“ (Neville 161f)

Der entscheidende Faktor dabei ist das interne System der Wanderarbeit, das diese Elemente zu komplementären und voneinander abhängigen Teilen eines größeren gesellschaftlichen Systems machte. Die daraus resultierenden demographischen, ökonomischen und politischen (Macht-) Verhältnisse stellen eine miniaturisierte Version der Nord-Süd-Beziehungen dar. (Neville 162)

Obwohl Südafrika zwar in allen gesellschaftlichen Lebenssphären durch und durch geteilt war, waren diese Teile aber dennoch innerhalb eines gemeinsamen Systems voneinander abhängig. So lebten Schwarze und Weiße zwar geographisch und gesellschaftlich völlig getrennt, die Wirtschaft in den florierenden Städten aber hätte ohne die Arbeiter aus den schwarzen Satellitenstädten nicht überleben können. Diese basierte auf der Ausbeutung der schwarzen oder farbigen Bevölkerungsteile. Umgekehrt waren auch die Menschen, die in den Townships lebten, auf Arbeit angewiesen.

In Südafrika, so führt Neville weiter aus, fänden sich einige Faktoren, „strukturelle“ Elemente, die die Suche nach Kompromissen und friedlichen Lösungen ohne revolutionären Bruch befördern.

„An erster Stelle steht hier die Tatsache, dass der moderne industrielle Sektor sowohl ungelernte, als auch hochqualifizierte Arbeiter benötigt, um sich als profitables System zu reproduzieren. Dass die Verteilung dieser Qualifikationen in der Geschichte weitgehend von der „Rassenzugehörigkeit“ bestimmt wurde, ist das entscheidende Charakteristikum dieses, von südafrikanischen Soziologen und Historikern als „Rassenkapitalismus“ bezeichneten, Systems.“ (Neville 162)

III.I. Vom Rassenkapitalismus zum Klassenkapitalismus

Das kapitalistische System ist die historische Kontinuität von der Apartheid zur Post-Apartheid-Ära. Das Apartheid Regime war ein Rassenkapitalismus, das heißt, die gesellschaftliche Spaltung verlief entlang von „Rassenzugehörigkeit“. Durch die Transformation verwandelte sich das Regime in einen Klassenkapitalismus. Bei dem so genannten „südafrikanischen Wunder“ handelt es sich daher nicht um eine Systemtransformation, sondern um einen Regimewechsel. Das Neue Südafrika wurde auf dem Fundament des alten erbaut.

Durch diese Kontinuität vom alten zum Neuen Südafrika entsteht eine ambivalente Situation. Das neue Südafrika hat einerseits eine fantastische Verfassung, die alle politischen und sozialen Rechte wie Freiheiten garantiert. Andererseits lässt eben diese schöne Verfassung die Eigentumsverhältnisse aus Apartheidzeiten unangetastet. Beispielsweise garantiert sie den weißen Grundbesitzern Eigentumsrechte, die im Landgesetz von 1913 verankert sind. Das heißt, dass auch heute 85 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche von weißen Farmern bewirtschaftet wird. (Pilger 299f) So lebt das alte System, insbesondere in der ökonomischen Dimension, unverändert weiter. An den wirtschaftlichen Machtverhältnissen hat sich seither kaum etwas geändert. „Die traurige Wahrheit ist, dass die politische Verhandlungslösung von 1993/94, was die grundlegenden ökonomischen Verhältnisse angeht, auf die Bewahrung des Status quo ante (…) gegründet war.“(Neville 168)

Dieser „historische Kompromiss“ sicherte – beziehungsweise sichert – einer weißen Unternehmerelite den Erhalt der wirtschaftlichen Macht.

„Fünf Gesellschaften, angeführt von der weit verzweigten Anglo-American Corporation, hielten damals drei Viertel des an der Johannesburger Börse notierten Aktienkapitals, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Geändert hat sich nur insofern etwas, als ein paar wenige Schwarze in die exklusive Freimaurerloge aufgenommen wurden (…).“ (Pilger 297)

Diese Wenigen dienen ausländischen und südafrikanischen Konzernen als Vorzeigeschwarze, mit deren Hilfe sie sich auch Zugang zur neuen politischen Führung verschafften. Für die weiße Elite hatte das Wunder also kaum finanzielle Konsequenzen. Der Journalist John Pilger bringt es auf den Punkt, er schreibt: „Der erste Präsident und seine Partei haben nicht an ihren Privilegien gerührt, und so leben die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit unter dem Deckmantel der politischen „Versöhnung“ fort.“ (Pilger 299)

Im Klartext heißt das, dass „das Wunder“ zwar das rassische Kastensystem aus der Welt schaffte, aber die südafrikanische Gesellschaft nach wie vor in Arm und Reich gespalten ist, und dass diese Trennung nach wie vor praktisch gleichbedeutend ist mit Schwarz und Weiß.

III.II. Ungleichheit als Ursache von Gewalt

Das kapitalistische System basiert auf einer Klassengesellschaft. Die Klassengesellschaft basiert auf Ungleichheit, bedingt, produziert, reproduziert und fördert Ungleichheit. Parallel gibt es eine Vielzahl von horziontalen Ungleichheiten. Die Ungleichheiten betreffen unterschiedliche Lebensbereiche, wie etwa die politische Partizipation (in der Regierung oder in der Armee/Polizei), die Wirtschaft (Vermögen und Beschäftigung), sowie die soziale Lage und den gesellschaftlichen Zugang (Bildung, Gesundheit, Wohnen). (Steward 130) Frances Steward sieht in diesen Ungleichheiten die Ursache von Gewalt und gewaltsamen Konflikten.

In Südafrika ist eben dieser kausale Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Gewalt ersichtlich. Die Transformation hat verfassungsrechtlich garantierte Gleichheit für alle gebracht und somit die politische Ungleichheit aus der Zeit der Apartheid überwunden. Die Gleichheit beschränkt sich jedoch auf das demokratische Wahlrecht und die Menschenrechtskonvention. Das bedeutet, sie existiert formal, ist aber real durch strukturelle Ungleichheit eingeschränkt.

Die Bereiche, in welchen die Ungleichheit in Südafrika besonders markant ist, sind die extrem ungleiche Verteilung von Privatkapital, Einkommen, sowie Arbeitslosigkeit und Armut. (Steward 130)

Südafrika ist laut dem Gini Koeffizient der Weltbank die drittungleichste Gesellschaft der Welt. (Gini Koeffizient gibt das Level der Einkommensungleichheit innerhalb einer Bevölkerung an. Vgl Marais 205) Über 18 Millionen Bürger, knapp 50 Prozent der Bevölkerung, leben unter der Armutsgrenze. Insbesondere in ländlichen Gegenden steigt der Anteil der Bevölkerung, die in Armut lebt auf über 50 Prozent. Etwas mehr als die Hälfte der Südafrikaner wohnen in formellen Unterkünften, der Rest lebt in informellen Siedlungen. Die absolute Armut konzentriert sich unter der afrikanischen/schwarzen Bevölkerung. Südafrika leidet noch an den Ungleichheiten der Apartheid. Während 2,1 Prozent der weißen Bevölkerung unter der Schwelle der Armut liegen, sind es bei der schwarzen Bevölkerung 57,2 Prozent. Die ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung sind mit überwältigender Mehrheit afrikanisch, weiblich und ländlich. (Marais 193)

Die Transformation ins neue Südafrika brachte Freiheit, doch das Gefühl der Enttäuschung nagt heute an Millionen von Südafrikanern. Und es macht sich zunehmend Verzweiflung breit. Eine Verzweiflung, die die ganze Freiheit und Würde, die das neue politische System versprochen hat, entwertet. In einem Interview der Cape Times spricht ein schwarzer Familienvater exemplarisch für Millionen von Südafrikanern: „Ich kann wohl sagen, dass der ANC seine Versprechen nicht gehalten hat. Ich kann wohl sagen, dass die Dinge jetzt viel schlechter sind, als sie es je zuvor waren. (...) Was bedeutet es schon, frei zu sein, wenn man kein Geld hat?“ (Cape Times: „One City, Many Cultures“ vom 26.02.1999; zit.n. Neville 167)

„Angesichts des fortdauernden Gefälles zwischen Reich und Arm – grob gesprochen zwischen Weiß und Schwarz – ist die Frage (des Verfassungsrichters Albie Sachs) berechtigt, ob das neue Südafrika mehr tut, als die Ungleichheit zu legitimieren.“(Neville 166)

III.III. Schattenwelt

Die Armut ist der Nährboden für Kriminalität und Gewalt. Die häufigsten Formen der Armutskriminalität (Raub, Einbruch, Diebstahl) haben von 1994 zu 1998 zugenommen. Die Delikte werden wiederum vermehrt von Gewalt begleitet, das heißt, bewaffnet durchgeführt. Marais sieht in der Armut die Fabrik der Kriminalität. Diese ist nicht lediglich eine Überlebensstrategie, sondern gleichsam ein Zugang zu den geschlossenen Kreisen des Konsumkapitalismus. Die Exklusion eines überwiegenden Anteils der Bevölkerung von der regulären Ökonomie führt zur Entstehung einer Schattenwirtschaft. (Marais 195f)

Es entstehen Parallelökonomien auf der informellen und der kriminellen Ebene. Auf diesem Level bestehen für jene Schichten der Bevölkerung, die von der regulären Sphäre ausgeschlossen sind und keinerlei Einstiegs- beziehungsweise Aufstiegsmöglichkeiten haben, die Chancen „Unternehmen“ zu gründen, „Karriere“ zu machen und zu Geld und Luxusgütern zu kommen. Schattenwirtschaften lassen Lebenswelten jenseits von Staatlichkeit entstehen, stehen aber immer mit der regulären Wirtschaft in Verbindung. „Die Masse der „Ausgetretenen“ bildet dynamische Netzwerke des Überlebens und die Schattenwirtschaft jenseits staatlicher Regulation kann leistungs- und konkurrenzfähig sein.“(Lock in: Kurtenbach/Lock 42) Die Wirtschaft hat drei Sphären, die reguläre, die informelle und die kriminelle Ökonomie, die miteinander interagieren.

Im Sektor der kriminellen Ökonomie ist ebenfalls die Gewalt der wichtigste Faktor zur Regulation. Während in der regulären Sphäre das staatliche Monopol legitimer Gewalt die Sicherheit des wirtschaftlichen Handels garantiert, tritt in der informellen Sphäre die gewaltkriminelle Regulation in Konkurrenz mit der rechtstaatlichen. (Kurtenbach/Lock in: Kurtenbach/Lock 23)

III.IV. Gewaltoligopol

Diese Entwicklung hat dreierlei Konsequenzen in Bezug auf das Phänomen der Gewalt. Erstens wird das staatliche Gewaltmonopol untergraben und geschwächt. Dadurch entstehen Zwischenräume, in denen die staatliche Gewalt fehlt oder versagt, und das führt zur Entstehung anderer Formen von Gewalt. Wo die staatliche Gewalt schwindet, wuchert nichtstaatliche Gewalt. Diese ist in den weitläufigen Gebieten der informellen Überlebenswelten Südafrikas krimineller Natur. Im Gegenzug sprießt auf den Lichtungen des Wohlstands, im Urwald von Armut und Kriminalität, die (legale) privatisierte Gewalt. Die wiederum untergräbt ihrerseits das staatliche Gewaltmonopol, wodurch sich ein Kreislauf ergibt.

III.V. Low Intensity Warfare?

Statistiken des NationMaster, der sich auf Daten der UN stützt, zufolge ist Südafrika in der Kategorie Kriminalität bei nahezu allen gewaltsamen Verbrechen unter den Spitzenreitern. So rangiert Südafrika in der Mordstatistik bei weltweitem Vergleich auf Platz vier, hinter Indien, Russland und Kolumbien. Nach der Pro-Kopf-Berechnung ist Südafrika auf Platz zwei, hinter Kolumbien. Ebenso in den Kategorien Totschlag, Angriffe gegen Leib und Leben und Vergewaltigung ist Südafrika stets unter den ersten Zweien der weltweiten Rangliste. (alle Statistiken wurden berechnet auf Basis der: “Seventh United Nations Survey of Crime Trends and Operations of Criminal Justice Systems“, beziehen sich auf die Periode 1998 - 2000 (United Nations Office on Drugs and Crime, Centre for International Crime Prevention); siehe http://www.nationmaster.com/sources.php)

Südafrika besetzt Rang eins beim internationalen Vergleich der Gesamtzahl in der Periode 1998-2000 aufgenommenen, vorsätzlichen Morde mit Feuerwaffen! Diesen Platz bestreitet Südafrika vor Kolumbien, einem Land in dem seit Jahrzehnten ein blutiger Bürgerkrieg wütet. Das heißt, statistisch gesehen liegt das Gewaltniveau in dieser Kriminalitätssparte in Südafrika weit höher als in Kolumbien, wo ein so genannter Low Intensity War (Krieg niederer Intensität) tobt.

IV. STAATLICHE GEWALT

IV.I. Das Erbe der Apartheid

Die Polizei ist schwer belastet aus der Vergangenheit. Das Apartheidregime erzeugte Gewalt und Kriminalität. Die Polizisten fungierten als die ausführenden Agenten des Staates, die Kriminalität schufen durch ihr Anliegen, moralische, ökonomische und politische Grenzen zwischen den gesetzlich definierten Rassen zu errichten. (Shaw 1) Die südafrikanische Polizei unter der Apartheid setzte illegitime Gesetze mit extremer Brutalität durch. Jetzt, in der Post-Apartheid Ära hat Südafrika mit dem Erbe dieser Zeit zu kämpfen. Das betrifft insbesondere auch die staatliche Gewalt. Die SAP (South African Police) hat einen schlechten Ruf geerbt und genießt das ausgeprägte Misstrauen der Bevölkerung. Trotz der groß angelegten und lang andauernden Polizeiimage-Kampagne hat sich die Meinung in der Bevölkerung kaum geändert. Die Gründe hierfür sind zwar einerseits in der Vergangenheit zu suchen, da der Gewaltapparat noch aus der Apartheid vorbelastet ist, andererseits bietet die Polizei auch gegenwärtig noch ausreichend Skandale und Korruptionsvorfälle, um das Misstrauen der Bevölkerung weiter zu schüren. Das fehlende Vertrauen der Bevölkerung zur Polizei ist nicht bloß ein Apartheidtrauma. Es gibt immer noch Vorfälle von Folter in Polizeigewahrsam, es gibt immer noch Todesfälle im Gefängnis.

„Seit Südafrika eine Demokratie ist, sind die Ausgaben des Staates für Polizeiapparat und Gefängnisse um ein Viertel gestiegen, und das in einem Land, das auch vorher schon über eines der weltweit umfangreichsten Systeme zur Überwachung der inneren Sicherheit verfügte. Seit 1995 hat sich die Zahl der Todesfälle in Polizeigewahrsam verdoppelt.“ (Mail & Guardian, Johannesburg, 23.Mai 1997, zit.n. Pilger 299)

Das Problem der südafrikanischen Exekutive ergibt sich aus historischen Komponenten und gegenwärtigen Entwicklungstendenzen. Ein ausschlaggebender Faktor ist, dass der Gewaltapparat eben aus einer Epoche gewaltsamer Unterdrückung, staatlichem Terror und menschenrechtsloser Repression stammt, und es bei der personellen Besetzung keine maßgeblichen Änderungen gab. Außerdem ist insbesondere die Führungsschicht der Polizei noch nahezu identisch mit der personellen Besetzung aus der Apartheid.

„Etwa 98% der jetzigen Polizisten sind vor der Demokratisierung ausgebildet worden und haben deswegen eine Einstellung zu Polizeiarbeit, die noch von der Apartheid geformt wurde, wo Polizeiarbeit ganz anders gesehen wurde als jetzt. Mit Menschenrechten hatte das damals nichts zu tun, die Untersuchungsmethoden waren oft mit Gewalt und Folter verbunden. Heute ist das ein Teil des riesigen Problems, die Leute für ein demokratisches Polizeisystems auszubilden, in dem ganz andere Maßstäbe herrschen sollen. (...) Probleme bestehen etwa mit Rassismus in der Polizei. Die Führungsschicht ist immer noch hauptsächlich weiß und besteht aus Leuten, die auch in der Apartheid im Management waren. Ein weiteres Problem ist, daß es etwa fünfzehn- bis zwanzigtausend Polizisten gibt, die praktisch Analphabeten sind. Das ist auch ein Überbleibsel des ehemaligen Systems. In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre wurden die sogenannten Kitskonstables rekrutiert und in Schnellkursen trainiert, und die kamen nach 1994 in die Polizei mit hinein.“ (Gastrow)

Die Polizei arbeitet an ihrem Image. Eine Großkampagne wurde gestartet, um der Polizei ein neues Image zu verpassen, das sich mit den Werten des neuen Südafrika vereinbaren lässt.

IV.II. Erosion des staatlichen Gewaltmonopols

Neben dieser historischen Komponente, die negative Effekte auf die Beziehung zwischen Bevölkerung und Exekutive hat, gibt es gegenwärtige Entwicklungen, die eine Schwächung der staatlichen Gewalt bewirken.

In den letzten Jahrzehnten wurde auch Südafrika vom globalen Trend des Neoliberalismus erfasst. Dieses Phänomen der Globalisierung des neoliberalen Kapitalismus hat immense Auswirkungen auf Staatlichkeit an sich, im Besonderen jedoch auf das staatliche Gewaltmonopol. Charakteristische neoliberale Symptome sind unternehmerische Maximen wie Effizienzsteigerung, Outsourcing und Gewinnorientierung. Der Staat orientiert sich zunehmend an diesen neoliberalen Idealen. Staatsfunktionen werden nach und nach ausgelagert und privatisiert, sogar staatliche Kernbereiche wie die Ausübung des Gewaltmonopols. Das führt zu Entstaatlichung von Gewalt und Auslagerungen an private Unternehmer, etwa Sicherheitsdienste oder Privatarmeen, ebenso wie zu Kommerzialisierung von Sicherheit.

V. ARMED RESPONSE

Wandert man durch die reichen Stadtteile beliebiger südafrikanischer Großstädte, sieht man in allererster Linie hohe Mauern mit rollenweise Stacheldraht darauf, die sich gegebenenfalls mit Elektrozäunen abwechseln. Als nächstes würden etwa einem Europäer (abgesehen von der Tatsache dass er stets der einzige Spaziergänger ist), die großen gelben Schilder auffallen, die einheitlich an jedem Tor hängen. Auf diesen steht geschrieben: Armed Response oder „24 Stunden schussbereit – sie wurden gewarnt“. Darunter prangt der Name der beauftragten Sicherheitsfirma. Armed Response ist Englisch für „bewaffnete Antwort/Reaktion“ – soll heißen: etwaige Eindringlinge werden erschossen. Es handelt sich um ein elektronisches Sicherheitssystem, das die Wohnanlage mit der Zentrale der Privaten Sicherheitsunternehmen (PSU) verbindet. Wird der „Panikknopf“ betätigt, schickt die PSU bewaffnete Patrouille.

V.I. Gated Communities

Es handelt sich bei dem Phänomen der verbarrikadierten Armed-Response-Arreale um so genannte gated communities (Englisch für „geschlossene Wohnanlage“). Die vorwiegend weißen Vororte sind aus Sicherheitsgründen und Angst vor krimineller Gewalt beinahe hermetisch abgeriegelt. Im letzten Jahrzehnt ist die Anzahl gesperrter Straßen in manchen Gegenden Johannesburger Vororte auf mehr als die Hälfte gestiegen. In den wohlhabenden Stadtteilen nördlich von Johannesburg ist mittlerweile über die Hälfte der gesamten Fläche aller Liegenschaften in solchen geschlossenen Nachbarschaften verriegelt. In der Region östlich der Metropole, die von krimineller Gewalt schwer betroffen sind, werden im Laufe der kommenden Jahre ganze Vorstädte komplett vergittert sein. Die Anträge auf Verschließung von Straßen häufen sich in allen Vororten. Die Stadt Johannesburg hat bis dato 360 Straßen für umzäumte vorstädtische Sicherheitszonen gesperrt. (Landmann, Katharina: “Gated Communities in South Africa: A Vision of Safety and Security?”, zit.n. Shaw 94)

Die Tendenz ist steigend. Außerdem breitet sich dieses System der verriegelten Nachbarschaftsgemeinschaften von den Zentren rund um die Großstädte, in denen die Bedrohung durch Kriminalität am höchsten sei, mit rasantem Wachstum auch auf Kleinstädte in der Peripherie aus. Durch die Verriegelung ganzer Vorstädte entsteht eine neue Version der Teilung im Stadtbild, die geographisch zumeist identisch ist mit jener zu Apartheidszeiten. Diese neuen, geschlossenen, städtischen Nachbarschaftsareale kontrahieren private Sicherheitsunternehmen mit der Bewachung. In den Straßen patrouillieren die mit der bewaffneten Reaktion beauftragten Sicherheitsbediensteten.

V.II. Von der privatisierten Gewalt zur kommerzialisierten Sicherheit

Die Sicherheitsunternehmen sind in Südafrika deutlich präsenter als die öffentliche Polizei. Sie übernehmen zahlreiche Aufgabenbereiche, von der Installation elektronischer Alarmanlagen über Torhüter der verbarrikadierten Nachbarschaftsareale, zur Bewachung von Einkaufszentren, Produktionsanlagen, Bürogebäuden, Geldtransporten und öffentlicher Einrichtungen.

Die Sicherheitsindustrie in Südafrika boomt. Die erste große Wachstumsphase erlebte die Sicherheitsindustrie in den 1980er Jahren, als die Polizei mehr damit beschäftigt war, politische Proteste zu kontrollieren als Kriminalität. Die damalige Regierung förderte die Privaten Sicherheitsunternehmen (PSU), damit diese die Sicherheitslücke schließen. In vielen Fällen gab es direkte Kooperationen zwischen der Polizei und den Sicherheitsdiensten. Das Wachstum im letzten Jahrzehnt resultiert aus dem Gefühl der Unsicherheit angesichts des Ausmaßes der kriminellen Gewalt. Mittlerweile gibt es in Südafrika über 5000 registrierte, aktive Sicherheitsunternehmen mit über 166 000 registrierten Sicherheitswächtern. Schätzungen zufolge kommen so etwa auf jeden Streifenpolizisten der SAPS mehr als vier private Wachen. (Shaw 102) Das Ausmaß, das die Armed Response-Dienste und die Angst der Bewohner erreicht haben, illustrieren die Statistiken einer einzigen dieser Sicherheitsfirmen. Das PSU Sentry Security, welches in den reichen nördlichen Vorstadtgebieten von Johannesburg tätig ist, hat pro Monat etwa 400,000 Alarmsignale, wovon ungefähr 90 Prozent der Fälle Fehlalarme sind. Es befinden sich permanent 76 Armed Response-Einsatzfahrzeuge und 12 Beobachtungsfahrzeuge auf Patrouille. (Shaw 105)

Größe und Wachstum der Securitybranche verlagern das Gewicht von der öffentlichen Kontrolle zur privaten. Die Sicherheitsfirmen übernehmen gewichtige Aufgaben der Staatsgewalt, und zwar mit zunehmender Unabhängigkeit von der Exekutive. In vielen Fällen berichten die Firmen der Polizei nicht, lediglich in „schweren“ Fällen wird die Polizei kontaktiert oder informiert. Dass die Sicherheitsfirmen weitgehend selbstständig operieren, führt zu einer neuerlichen Kontroverse. Wenn die Sicherheitsindustrie unabhängig operiert, stellen diese Operationen (zum Schutz reicher Bürger) eine Bedrohung für die Bürger dar. Nicht, dass die Polizei stets darauf bedacht wäre, alle Menschen- und Bürgerrechte einzuhalten, aber sie ist zumindest an die Gesetze gebunden und kann von politischen Instanzen und von der Justiz kontrolliert werden. Während die private Sicherheitsindustrie – wie alle Konzerne – primär der Profitlogik und den Marktgesetzen folgt.

Ein berüchtigter Fall, der diese Problematik gut veranschaulicht, ist jener eines gewissen Synbrand ‚Louis’ van Schoor, Wachmann eines privaten Sicherheitsunternehmens und Expolizist, der im Laufe von ein paar Jahren im Eastern Cape 41 mutmaßliche Einbrecher erschossen hatte, ohne jemals angezeigt oder angeklagt zu werden. Nach jedem Vorfall hatten die Behörden befunden, er habe im Recht gehandelt. Ein privater Ermittler gibt an, gewalttätige Angriffe auf Leute zu verüben, wenn er der Meinung sei, dass dies nötig sei, um Gerechtigkeit zu wahren. Im Falle einer Anklage garantierten ihm seine Kontakte zur Polizei, dass diese vertuscht wird. (Shaw 108)

In den zu großen Konzernen heranwachsenden Sicherheitsunternehmen spiegelt sich wiederum die gesellschaftliche Realität: Weiße sind Manager, Schwarze und Hunde sind Wächter. (Shaw 105) In manchen kleinen Städten gibt es aber auch noch Einmannunternehmen, bestehend aus einem Expolizisten, seiner Pistole und seinem Auto.

So teilt sich die südafrikanische Gesellschaft einmal mehr in zwei Teile: in jene, die sich (private) Sicherheit leisten können, und jene, die sich keine Sicherheit kaufen können. Dies ist ein weiterer kausaler Faktor für die Untergrabung der Gleichheit. Sicherheit, beziehungsweise Unsicherheit, steht daher in kausalem Zusammenhang mit Gleichheit beziehungsweise Ungleichheit. Die Ungleichheit fördert wiederum, wie eingangs erörtert, die Ursachen von Unsicherheit.

VI. VIGILANTES

Schon während der Apartheid war das Level krimineller Gewalt ausgesprochen hoch. Damals war es Aufgabe der Polizei, die privilegierte weiße Minderheit davor zu schützen. Es wurde nicht versucht, die Ursachen von krimineller Gewalt zu beseitigen, beziehungsweise Kriminalität an sich zu verhindern, sondern lediglich, die Kriminalität in den schwarzen Gebieten zu isolieren. Die Polizeikräfte konzentrierten sich in den weißen Stadtteilen, um Schwarze – potenzielle Kriminelle – daran zu hindern, sich dort aufzuhalten. Die Polizei war zu jener Zeit sehr damit beschäftigt, Schwarze festzunehmen, die nicht im Besitz eines Passierscheines für weiße Regionen waren. Dagegen war der Großteil der Polizei niemals mit der kriminellen Gewalt in den Townships konfrontiert. (Shaw 1) Die Gewaltkriminalität konzentrierte sich dort.

Das Fehlen staatlicher Gewalt ließ die kriminelle Gewalt in den Townships wuchern. Aufgrund der Armut, die in diesen Gebieten vorherrscht, ist natürlich auch eine Anwendung der kommerzialisierten Sicherheit zum Schutz der Bevölkerung ausgeschlossen. Aus dieser Lage entstanden die so genannten Vigilantes. Dies sind Gruppen, die von Einwohnern gebildet werden, um sich gegen kriminelle Gewalt zu wehren, und um die fehlende staatliche Gewalt zu ersetzen. Es handelt sich um eine Art Bürgermiliz, die Selbstjustiz vollzieht und versucht, das Sicherheitsdefizit auszufüllen.

Die Vigilantes bergen das Potenzial, zu Machtzentren zu werden, die so stark werden können, dass sie die staatliche Gewalt herausfordern. Die gesetzlosen, gewaltoffenen Townships bieten derartigen Organisationen genügend Raum, um zu wachsen. Häufig werden die Vigilantes auch von der politischen Opposition unterstützt.

Der zweite problematische Gesichtspunkt ist, dass die Vigilantes allesamt nach und nach selbst einen Hang zu krimineller Gewalt entwickeln. Das rührt zum Einen daher, dass diese Gruppen selber auch Gewalt anwenden, um mutmaßliche Täter zu bestrafen und dass die Selbstjustiz eben nur ihren eigenen Gesetzen folgt. Durch exzessive Gewaltanwendung beim „Strafvollzug“ Verdächtigter überschreiten die Vigilantes die Grenzen zur kriminellen Gewalt. Die Nichtachtung der Menschenrechte, Exekution bei bloßem Verdacht und Schutzgelderpressung lassen die Konturen von Gangs und Bürgerwehr verschwimmen. (Shaw 96)

VI.I. People against Gangsterism and Drugs

Die prominenteste Selbstschutzorganisation ist People against Gangsterism and Drugs (PAGAD), die seit Mitte der Neunziger im Western Cape operierte. Diese Gruppe bekämpfte ursprünglich Drogendealer in den farbigen Townships an der Peripherie von Kapstadt. Der Werdegang dieser Bürgerwehr ist beispielhaft für die Problematik hinter solchen Organisationen. Zu Beginn übernahm die PAGAD die Aufgabe der Verbrechensbekämpfung in einer Region, wo die staatliche Gewalt diese Funktion nicht, beziehungsweise unzureichend, erfüllte. Sie wurde von einer Hand voll Bürger von Kapstadts muslimischer Gemeinschaft gegründet, die sich und ihr Leben durch die Aktivitäten von Gangs und Drogen bedroht sahen. Obwohl die schwarzen Townships von Banden und Drogen am meisten betroffen waren, gewannen diese auch in den farbigen Gegenden an Einfluss. Die Selbstschutzorganisation genoss aufgrund der zunehmenden Bedrohung durch diese Gangs eine breite Unterstützung in der Bevölkerung. Die PAGAD begann mit gewalttätigen Angriffen auf Drogendealer. Um diese zur Strecke zu bringen, griff sie in vielen Fällen zu ordinären, selbstgebastelten Bomben. Die Gruppe wurde nach und nach radikaler. Schließlich weiteten sich die Angriffsziele ebenfalls aus, und die Anschläge wanderten von der Peripherie ins Zentrum Kapstadts. Die Angriffe zielten schließlich auch auf staatliche Gebäude, insbesondere Polizeistationen, ebenso wie Touristenregionen und Restaurants. Anfänglich hatte die Polizei noch versucht, mit der PAGAD eine Kooperation auszuhandeln. Die PAGAD eignete sich jedoch konsequent Terrortaktiken an und wurde alsbald von der Polizei als terroristische Organisation eingestuft. Der Wandel der PAGAD vollzog sich auch im Zusammenhang mit der Spaltung der Politik im Western Cape. Die farbigen Mittelklasse-Regionen, wo PAGAD ihren Ursprung hatte, hatten Beziehungen zur National Party (NP), die im Western Cape regierte. Die NP gab der Zentralregierung unter dem ANC, die auch die Polizei befehligt, die Verantwortung für die Kriminalität und die Unsicherheit. Damit konnte sie vor allem bei der farbigen Mittelklasse politisches Kapital herausschlagen, die früher unter der Apartheid diskriminiert worden war und nun unter der Ungewissheit litt, was die Mehrheitsregierung für die Zukunft dieser Minderheit bringen würde. Dieses Gefühl der Ungewissheit der farbigen Gesellschaftsschicht wurde von der politischen Opposition des ANC schamlos ausgenützt und suggeriert, dass „Farbige nicht schwarz genug sind, um vom Regierungswechsel zu profitieren“. (Shaw 96ff) In Folge attackierte die PAGAD den Staat. Sie verwickelte sich selbst in illegale Aktivitäten, und die militante Führung wurde radikaler und gewalttätiger. Sie verlor schließlich ihren Rückhalt in der Bevölkerung.

VI.II. Ländliche Selbstschutzorganisationen

Ähnlich verhielt es sich auch bei einer Reihe von ländlichen Vigilantes. Beispielhaft ist hier die 1996 gegründete Allianz von Farmern und Geschäftsleuten Mopogo-a-Mathamaga (Der Leopard mit braunen Flecken). Geschäftsleute und Unternehmen zahlen einen monatlichen Mitgliedsbeitrag. Im Gegensatz zur PAGAD, welche präventiv gegen Kriminalität wirken wollte, machte es sich Mopogo zur Aufgabe, Verbrecher zu jagen und zur Strecke zu bringen (und mit ihnen anschließend zu verfahren wie ein Leopard mit seiner Beute). Das heißt, als Reaktion auf ein Vergehen zu handeln. Die Organisation geht schamlos gewalttätig vor, in der Überzeugung, dass die derart vollzogene Bestrafung abschreckend auf andere potentielle Täter wirkt. Im Jahr 2000 lagen bei der Polizei über 300 Anklagen gegen die Organisation vor. Diese beinhalten 139 Fälle von Körperverletzung, 82 Fälle schwerer Körperverletzung, 23 Fälle von Entführung, 19 Mordversuche und 13 Morde. (Nedbank ISS Crime Index: „Using Crime to Fight Crime? Tracking Vigilante Action”, zit.n. Shaw 100) Außerdem wird ihr auch Diebstahl und Raub vorgeworfen.

VI.III. Organisierte Kriminalität

Die organisierte Kriminalität hat ihre Wurzeln im letzten Jahrzehnt der Apartheid. Ihre volle Blüte erlebt sie allerdings erst zu Zeiten der Demokratie. Die Rezession der formalen Wirtschaft in den 1990er Jahren ging Hand in Hand mit einem exponentiellen Anstieg der Schattenwirtschaft. (Marais 103f) Schätzungen zufolge gibt es ungefähr 800 kriminelle Gruppen im Land. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie untereinander Kontakte pflegen und Handel treiben. Sie handeln mit Autos, Waffen und Drogen, sowie gestohlenen Konsumgütern. Die kriminelle Wirtschaftssphäre in Südafrika zeichnet sich des Weiteren dadurch aus, dass sie über gute Kontakte zur legalen Sphäre, das heißt zu korrupten Beamten, verfügt. Überdies sind die guten, grenzüberschreitenden Netzwerke von Bedeutung. Diese Faktoren machen die organisierte Kriminalität in Südafrika zu einem komplexeren System als die, in anderen Ländern vorherrschenden, hierarchisch geordneten und konkurrierenden Gruppen. (Shaw 65f)

VII. EPILOG & CONCLUSIO

In der Theorie heißt das, dass in Südafrika sämtliche Arten und Entartungen von Gewalt vorherrschen. Es existieren noch Relikte struktureller und gleichfalls kultureller Gewalt aus der Apartheidära. Die strukturellen Ungleichheiten werden durch die wirtschaftliche Gewalt verstärkt und reproduziert. Durch Chancenungleichheit in der gesellschaftlichen Struktur, sowie in der regulären Wirtschaft, wachsen die informellen und kriminellen Sphären.

Auf der institutionellen Ebene wird mittels diverser sozioökonomischer Programme, etwa die viel rezitierte affirmative action, versucht dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Die staatliche Gewalt wird reformiert, vermag es aber bislang nicht, die kriminelle Gewalt unter Kontrolle zu bringen. Die kriminelle Gewalt erzeugt eine Situation permanenter Unsicherheit.

Aus dieser Lage entstehen in den Zwischenräumen, in denen die staatliche Gewalt nicht präsent ist, Formen von nicht-staatlicher Gewalt zum Schutz vor krimineller Gewalt. Das ist einerseits die Selbstjustiz von Selbstschutzorganisationen, denen jedoch die Tendenz innewohnt, ihrerseits kriminelle Gewalt anzuwenden. Die andere Seite ist die privatisierte Gewalt von Sicherheitsunternehmen. Die Privatisierung von Gewalt zieht eine Kommerzialisierung von Sicherheit nach sich. Aus dieser resultiert eine neuerliche Trennung, sowohl im Stadtbild durch geschlossene Areale ganzer Vorstädte, als auch in der Gesellschaft.

Ich behaupte, dass sich Südafrika in einem Gewaltkreislauf befindet, den zu unterbrechen es eines großen Wunders bedarf. Dieses Wunder müsste eine Tiefenwirkung haben, um von der oberflächlichen Ebene der formalen Gleichheit zu einer realen Gleichstellung oder Chancengleichheit zu reichen.

Damit Wunder geschehen, muss der Mensch nicht bloß an sie glauben, sondern auch dafür kämpfen.

VII.I. Mandela hatte Recht

Nelson Mandela hat 1993, vor seiner Wahl zum Präsidenten, gesagt: „Wie oft haben die Freiheitsbewegungen Seite an Seite mit dem Volk gekämpft und es dann doch im Augenblick des Sieges betrogen? Die Welt kennt hierfür viele Beispiele. Wenn die Menschen nicht mehr wachsam sind, werden sie feststellen, dass ihre Opfer vergebens waren. Wenn der ANC seine Versprechen nicht hält, müssen die Leute das mit ihm machen, was der ANC mit dem Apartheidregime gemacht hat.“ (Rede von Nelson Mandela auf dem Kongress der COSATU, September 1993, zit.n. Pilger 304)

VIII. EXKURS: GLOBALE APARTHEID

Während Südafrika versucht, seine Post-Apartheid-Ära zu meistern, scheint der Rest der Welt seine Lehren aus dem grausamen Schicksal dieses Landes nicht gezogen zu haben. Die Welt(un)ordnung formiert sich zunehmend nach dem Vorbild eines entsetzlichen, unbegreiflichen, und für alle Zeiten überwunden geglaubten (gehofften) Regime, dem Apartheidregime. Einige Kritiker dieser globalen Konstellation sprechen gar bereits von einem globalen Apartheidregime. (Pilger) Heerscharen westlicher Denker und Wissenschafter, Kriegsberichterstatter und Kulturschaffender arbeiten an der Legitimation dessen. Die größte Berühmtheit erlangte das Werk „Kampf der Kulturen“ des Politologen Samuel Huntington vom Institut für Strategische Studien der Harvard Universität.

„Huntington behauptet darin, die westliche Kultur müsse sich gegen den Rest der Welt abgrenzen, um in „eine dritte, euroamerikanische Phase des wirtschaftlichen Wohlstands“ eintreten zu können. „Die Regierenden der westlichen Staaten“, schreibt er, „haben untereinander Normen des Vertrauens und der Kooperation geschaffen, die sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit den Regierenden aus anderen Kulturkreisen nicht haben.“ Die NATO bezeichnet er als „die Sicherheitsorganisation des westlichen Kulturkreises, deren oberstes Ziel es ist, diesen zu schützen und zu bewahren.“ (zit.n. Pilger 278f) „Huntington greift in seiner Sprache auf rassistische Klischees und einen verschleierten Sozialdarwinismus zurück, der dem Faschismus schon immer als Nährboden gedient hat. Was ihm vorschwebt, ist eine globale Apartheid. Und selbstverständlich fällt die Aufgabe, in dieser westlichen Wagenburg für Ordnung zu sorgen, „uneingeschränkt dem mächtigsten Staat des Westens, den Vereinigten Staaten, zu.“ (Pilger 278f)

Es wird an den Südafrikanern liegen, für eine gewaltlose Freiheit zu kämpfen. Wahrscheinlich befinden sie sich schon auf dem richtigen Weg. Wenn sie weiter für Freiheit und Gleichheit eintreten, wird vielleicht eines Tages das Wunder, von dem Südafrika schon so lange träumt, wahr werden.

Dagegen wird es an uns allen liegen, gegen ein globales Apartheidregime zu kämpfen. Wenn wir weiter zulassen, dass sich die Welt weiter in Richtung Rassentrennung und Ungleichheit bewegt, dann wird vielleicht irgendwann unser größter Alptraum von einer globalen Apartheid real werden. Wir sollten unsere Lehren ziehen aus den Geschehnissen in Südafrika. Und auch wir sollten nicht nur an Wunder glauben, sondern dafür kämpfen, dass sie wahr werden.

Literatur
  • Adam, Heribert/Zyl Slabbert, Frederik Van/Moodley, Koglia: “Comrades in Business – Post-Liberation Politics in South Africa”, International Books, Utrecht 1998
  • Bauer, Gretchen/Taylor, Scott D.: „Politics in Southern Africa – State and Society in Transition“, Lynne Rienner Publishers, Boulder 2005
  • Christie, Nils: „Wieviel Kriminalität braucht die Gesellschaft?“, C.H.Beck, München 2005
  • Christopher, A.J.: “The Atlas of Changing South Africa”, Routledge, London 1994
  • Hagemann, Albrecht: „Kleine Geschichte Südafrikas“, C.H.Beck, München 2001
  • Jean, Francois/Rufin, Jean-Christophe (Hg.): „Ökonomie der Bürgerkriege“, Hamburger Edition, Hamburg 1999
  • Kurtenbach, Sabine/Lock, Peter: „Kriege als (Über)Lebenswelten – Schattenglobalisierung, Kriegsökonomien und Inseln der Zivilität“, Dietz Verlag, Bonn 2004
  • Marais, Hein: “South Africa – Limits to Change. The Political Economy of Transition”, University of Cape Town Press, Cape Town 2001
  • Murray, Martin J.: “Revolution Deferred – The Painful Birth of Post-Apartheid South Africa”, Verso, London 1994
  • Neville, Alexander: „Südafrika – Der Weg von der Apartheid zur Demokratie“, in: „Krupp-Vorlesungen zu Geschichte und Politik am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (Bd.1)“, C.H.Beck, München 2001
  • Nordstrom, Carolyn: „Leben mit dem Krieg – Menschen, Gewalt und Geschäfte jenseits der Front“, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005
  • Pilger, John: „Die Welt aus der Sicht von Dimbaza”, in: „Verdeckte Ziele – Über den modernen Imperialismus“, Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2004
  • Reed, David: “Economic Change, Governance & Natural Ressource Wealth – The Political Economy of Change in Southern Africa”, Earthscan Publications, London 2001
  • Shaw, Mark: “Crime and Policing in Post-Apartheid South Africa – Transforming under Fire”, Hurst&Company, London 2002
  • Stewart, Frances: „Horizontale Ungleichheit als Ursache von Bürgerkriegen“, in: Kurtenbach, Sabine/Lock, Peter (Hg.): „Kriege als (Über)Lebenswelten – Schattenglobalisierung, Kriegsökonomien und Inseln der Zivilität“, Dietz Verlag, Bonn 2004
  • Tutu, Desmond: „Keine Zukunft ohne Versöhnung“, Patmos Verlag, Düsseldorf 2001
  • Wilson, Richard A.: “The Politics of Truth and Reconciliation in South Africa – Legitimizing the Post-Apartheid State”, Cambridge University Press, Cambridge 2001
Fachzeitschriften
  • Brink, Andre P.: „Wir sind realistischer geworden”, in: Indaba 45/05, Sadocc Magazin, Wien 2005
Elektronische Literatur
  • Glossar des Forschungsseminars: „Formen privatisierter Gewalt: Von mafiotischer Gewalt bis zu kommerzialisierter Sicherheit“ bei Kreisky, Eva unter: http://evakreisky.at/2005/fse05/glossar.php , Wien 2005
  • Southern Africa Documentation and Cooperation Centre, unter: http://www.sadocc.at/ Gastrow, Peter: „Polizeireform in Südafrika“, Indaba 25/00,
  • British Broadcasting Corporation, http://news.bbc.co.uk/1/hi/world/africa/1924142.stm#graph Carolyn Dempster
September 2005

* Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine Seminararbeit, die am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien entstanden ist. Das Seminar trug den Titel: "Politik in Südafrika" (SoSe 2005), Leiter: Dr. Peter GERLICH, Mag. Birgit KLAUSSER


Zurück zur Südafrika-Seite

Zurück zur Homepage