Apartheid – weit weg und doch so nah

Die Rassentrennung ist abgeschafft, trotzdem spaltet sie Südafrikas Gesellschaft noch

Von Armin Osmanovic, Johannesburg *

In Südafrika gibt es seit 20 Jahren keine Apartheidgesetze mehr. Zumindest auf dem Papier. Doch die frühere Rassentrennung bedingt bis heute große soziale Unterscheide im Land am Kap der Guten Hoffnung.

Vor 20 Jahren hob die weiße südafrikanische Regierung unter Präsident Frederik Willem De Klerk die verbliebenen Apartheidgesetze auf. Ein Jahr nach der Entlassung Nelson Mandelas aus der 27 Jahre andauernden Haft und der Legalisierung des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), der Kommunistischen Partei Südafrikas (SACP) und anderer Parteien und Organisationen machte die weiße Regierung am 1. Februar 1991 Schluss mit dem Gesetz über die Rassenklassifizierung und mit der Trennung der Wohngebiete.

Bis zu den ersten freien Wahlen im April 1994 war es noch ein langer Weg, der von viel Unsicherheit gekennzeichnet war. Gewalttätige Auseinandersetzungen mit Verletzten und Toten zwischen dem ANC und der Inkatha-Partei, der Vertretung vieler Zulus, drohten das Land in den Bürgerkrieg zu stürzen. Den politisch Verantwortlichen, schwarzen, weißen, farbigen und indischstämmigen Südafrikanern, gelang es, sich am Verhandlungstisch auf eine Übergangsregierung der nationalen Einheit zu einigen und das Land in eine friedliche Zukunft zu führen.

Nelson Mandela im Rugbytrikot

Mit dem Ende der Apartheidgesetzgebung hob auch die Europäische Gemeinschaft die Sanktionen gegen den Unrechtsstaat am Kap auf. Südafrika durfte wieder an internationalen Sportereignissen teilnehmen. Damals war es für die so sportbegeisterten Südafrikaner unvorstellbar, dass nur vier Jahre später Nelson Mandela als erster demokratisch gewählter Präsident aller Südafrikaner mit übergestreiftem Rugbytrikot der südafrikanischen Mannschaft, den Springbocks, zum Weltmeistertitel im eigenen Land gratulieren würde. Dass Südafrika in nicht ferner Zukunft eine Fußballweltmeisterschaft austragen würde, glaubte damals sicher auch niemand.

Für Jacob, 24 Jahre alt, aus der Nähe von Pretoria stammend, war die Fußballweltmeisterschaft die beste Zeit. »Ich habe 800 Rand (80 Euro) pro Tag verdient. Das Geld habe ich investiert: in eine Beerdigungs- und Krankenversicherung und ein Sparkonto.« Als Straßenverkäufer an einer der belebtesten Straßen Johannesburgs, der Jan Smuts Avenue, machte er mit dem Verkauf von Fahnen und anderen Fan-Utensilien während der Fußballweltmeisterschaft ein gutes Geschäft.

»Apartheid, Rassentrennung?« sagt er mit etwas ungläubigem Blick, als ob er nicht wüsste, was nun noch kommt. »Das ist Geschichte für mich, das ist weit weg. In meiner Familie erzählen nur die Alten davon, wie es früher so war, für mich hat das keine Bedeutung mehr.«

Das Leben als Straßenverkäufer ist nicht einfach. Jacob hat keine Verkaufserlaubnis, er muss die Polizei fürchten, die immer mal wieder auftaucht und den Straßenverkauf unterbindet, denn sollte Jacob an der Straßenkreuzung angefahren werden, muss die staatliche Unfallkasse für ihn aufkommen. Das ist teuer, das will der Staat vermeiden.

Problematisch ist auch die Konkurrenz. Neben ihm versuchen 20 andere Straßenverkäufer aus Südafrika und anderen afrikanischen Ländern, Speicher-Sticks, selbstgebastelte Tiere aus Perlen, Adapter für Handys, falsche Louis-Vuitton-Taschen und möglicherweise echte Ray-Ban-Brillen an die vor den Ampeln wartenden Autofahrer zu verkaufen.

Auf die Frage, ob er denn gar nicht denke, dass es wegen der Apartheid immer noch so ungerecht in Südafrika zugehe, dass so viele Schwarze deshalb immer noch so arm seien, weil sie früher benachteiligt waren, antwortet er nur kurz: »Nein, wieso, so viele reiche Schwarze kaufen bei mir ein, sogar Promis.«

Arm, reich, die großen sozialen Unterschiede im Land am Kap, die auch nach 20 Jahren der Aufhebung der Rassentrennung anhalten, haben für Jacob nichts mit der Vergangenheit zu tun. Jacob mit seinem herzlichen Lächeln will nicht ewig an der Straße verkaufen, er will einen Laden eröffnen, am liebsten ein Restaurant. »Ich werde das schaffen,« sagt er beim Weggehen, »ich will reich werden, denn ich habe zwei Kinder, und die Familie meiner Freundin will mich nicht, weil ich arm bin. In diesem Land braucht man Geld, sonst kriegt man keine Frau, Bossy.«

Für die Jugend ist Apartheid weit weg

Boss oder Baas, so wurden früher die weißen Herren in Südafrika von den Schwarzen angesprochen. Für Jacob und viele andere der jungen Generation ist Apartheid weit weg. Sie müssen hier und heute mit dem Leben in einem Land zurechtkommen, in dem die Jugendarbeitslosigkeit mit 40 Prozent horrend hoch ist. Die Probleme im Land, die große soziale Ungleichheit haben natürlich ihre Ursache in der Geschichte.

Jacob Zuma, Präsident Südafrikas, hat aber auch Recht, wenn er für seine Regierung klarlegt, dass man im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und bei der Bereitstellung von staatlichen Diensten und Häusern keine Ausreden mehr gebrauchen will. Apartheid sei nicht länger dafür verantwortlich zu machen, dass immer noch so viele schwarze Südafrikaner schlechtere Lebenschancen haben. Die Regierung müsse endlich besser und gezielter agieren, meint er.

Vor 20 Jahren hat mit der Aufhebung wichtiger Apartheidgesetze das System der Rassentrennung zu bestehen aufgehört. Verlässt man den Schmelztiegel Johannesburg, wo Schwarze und Weiße wie wohl sonst nirgendwo mit- und nebeneinander, ob als Arbeitnehmer oder Nachbarn, leben und wo man mittlerweile, wenn auch nicht häufig, sogar schwarz-weiß gemischte Paare sehen kann, stößt man noch auf sehr viel Trennung.

Das System der Apartheid entzweit die Menschen bis heute. Weiße Farmer leben weiter getrennt von den vielen Schwarzen in den Nachbardörfern, die einst Teil der Homelands waren. Man trifft sich im ländlichen Südafrika häufig nur als weißer Boss und schwarze Arbeitskraft. Orte der Begegnung sind teilweise die Schulen. Doch durch das System der Privatschulen bleibt man häufig weiter getrennt. Mehr aber noch als das Geld trennt das Beharren der Weißen auf ihrer Sprache, dem Afrikaans, und das Verlangen der schwarzen Eltern, ihre Kinder in englischsprachige Schulen zu schicken, die Kinder voneinander.

Trennung gibt es aber auch mitten in der Großstadt Johannesburg. Wir suchen ein neues Haus. Die Besitzerin führt uns herum. Sie wohnt hier allein mit ihren drei Hunden in einem Haus mit fünf Zimmern und großem Garten. Natürlich ist sie nicht ganz allein. Es gibt den »Boy«, der sich um Garten und Hunde kümmert. Wo er wohnt? Am anderen Ende des Hauses versteckt, zeigt sie uns eine verschlagartige dunkle Unterkunft mit einem viel zu kurzen Bett für einen ausgewachsenen Mann.

»Hier kann ihre Maid wohnen«, erklärt sie uns. Beschämt von diesem Anblick, sagen wir nur schnell, dass zu uns nur einmal die Woche jemand kommt, dass wir die Unterkunft nicht nutzen werden, sollten wir das Haus mieten.

Die Trennung wird man so schnell nicht los

Trennung über Jahrzehnte wird eine Gesellschaft so schnell nicht los. Manches verschwindet mit der Zeit, manches besteht aber auch lange, viel zu lange fort und wandelt sich unter neuen Bedingungen.

Die große Zahl an Arbeitsuchenden in Südafrika macht es leicht, sich um anständige Arbeits- und Wohnbedingungen von Angestellten keinen großen Kopf zu machen. Arbeitskraft, die nicht funktioniert, ist schnell ausgetauscht. Ausbeutung ist kein Problem. Dass diese Praktiken so leicht von der Hand gehen, hat auch mit der Apartheid zu tun. Man begegnete sich – noch – nicht als gleich. Hausangestellte oder Farmarbeiter werden weiter als Menschen zweiter Klasse behandelt. Scham angesichts der Misere der anderen, direkt nebenan, empfindet man daher nicht.

Für Jacob, den Straßenverkäufer macht die Hautfarbe heute in Südafrika überhaupt keinen Unterschied mehr. »Es gibt weiße und schwarze Kunden, die nett und gut, reich und arm sind und solche, die man besser nicht trifft.«

Joy, unsere Hilfe im Haushalt, sitzt heute besorgt mit uns am Mittagstisch. Wir fragen sie, was los ist. »Ich verliere einen meiner Jobs, bei einer Frau, einer Politikerin.« Joy erzählt uns, dass sie nicht mehr gebraucht wird, weil sie neben Putzen auch Kochen sollte, und das kann sie nicht. So ist sie eben ganz fix Job und Einkommen los.

* Aus: Neues Deutschland, 1. Februar 2011


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