"Die Politiker halten uns für Idioten"

In Südafrika kämpfen Obdachlose um das Wohnrecht auf ungenutztem Boden. Ein Gespräch mit Peter Adams, Ibrahim Abrahams und Colin Graham *


Peter Adams, Ibrahim Abrahams und Colin Graham sind drei von offiziell rund 5000 Wohnsitzlosen in Kapstadt. Mit anderen haben sie ein Grundstück im Stadtteil Tafelsig besetzt.

Seit wann leben Sie als Feldbesetzer auf dieser freistehenden Fläche in Kapstadt-Tafelsig?

Ibrahim Abrahams: Wir sind am 13. Mai hierhergekommen. Auf diesem Feld wurde mein Baby geboren. Zuvor haben wir uns ein Haus in einem Hinterhof mit fünf weiteren arbeitslosen Personen geteilt. Auch wenn wir hier kein Dach über dem Kopf haben, ist es auf dem Feld leichter für mich und meine Familie. Ich muß nicht länger andere bitten, sondern kann mein Leben selbst in die Hand nehmen. Auf diesem Feld habe ich meine Freiheit wiedergewonnen. Wir wollen nur, daß die Stadt uns das Feld überläßt und wir uns hier ein Zuhause schaffen können. Seit dem 14. Mai kommt die Polizei zweimal am Tag hierher. Sie kommen, um uns oder unsere Sachen mitzunehmen. Aber wir kommen wieder zum Feld zurück, und wir werden hier bleiben.

Wie ist das Leben auf diesem Feld, was ist seit dem 13. Mai geschehen?

Peter Adams: Am Anfang lebten auf diesem Feld Tausende Menschen. Viele sind mittlerweile gegangen, weil sie Angst vor polizeilicher Repression haben. Ich hatte mir hier auf dem Feld eine schöne Holzhütte gebaut, das Material hat mir ein Freund gegeben. Die Polizei und die Antilandbesetzungseinheit der Stadt kamen und haben mein Zuhause mitgenommen. Nun muß ich wieder auf dem Boden in der Kälte schlafen und werde krank.

Das einzige, was wir wollen, ist ein Platz, den wir unser Zuhause nennen können. Wir sind hilflos und wir können uns nicht wehren. Wir können nur versuchen, mit der Polizei zu reden und sagen, daß wir diesen Platz brauchen, daß wir nirgendwo hingehen können. Aber sie kommen mit Macht und Gewalt und ziehen ihre Waffen. Wer sind wir, daß sie einfach kommen und zuschlagen können? Auch wir gehören hierhin, nach Kapstadt. Ich bin schon 13 Jahre auf der Warteliste für ein Haus. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens gearbeitet, aber jetzt bekomme ich keine Hilfe, kein Einkommen. Ich stehe wieder ganz am Anfang.

Welche Hoffnungen haben Sie mit dem Ende der Apartheid verbunden?

Peter Adams: Bei den ersten demokratischen Wahlen habe ich Mandela gewählt. Ich habe nicht viel politische Bildung, aber zumindest wußte ich, wenn ein Schwarzer das Land regiert, wird es hier einen Wandel geben. Aber nun habe ich das Gefühl, daß die Regierung, die ich gewählt habe, uns im Stich läßt. Wie könnten wir wieder für sie stimmen? Am 27. Juli sind wir zum Gericht gegangen, von dem jetzt unser Wohnrecht hier abhängt. Am 30 August soll es entscheiden. Aber wenn sie uns von hier vertreiben, wo sollen wir hingehen?

Colin Graham: Am 27. Juli hat die Bürgermeisterin von Kapstadt, Patricia de Lille, das Baby in den Armen gehalten, das hier auf dem Feld geboren wurde. Sie hält es für die Presse, und wenig später schickt sie die Polizei, die das Zuhause des Babys niederreißt. Sie ist eine Lügnerin und eine Heuchlerin. Welches Mitgefühl hat dieser Staat, welches Mitgefühl hat sie? Für sie mag das hier wie Hütten aussehen, aber für Ibrahim ist es sein Zuhause, der Schutz für sein Baby. Alle Politiker machen Versprechungen, damit wir das Gefühl bekommen, daß sie etwas tun. Sie versprechen, daß sie das Land hier kaufen, versprechen Anwälte. Sie halten uns für Idioten. Sie denken, das wir ungebildet sind, weil wir kein Zuhause haben. Und sie gehen mit uns schlimmer um als mit Tieren, weil sie denken, daß wir keine Stimme haben. Aber wenn Wahlen vor der Tür stehen, dann haben wir plötzlich eine Stimme, und sie machen leere Versprechungen.

Nun versuchen Sie, sich selbst zu helfen. Wie sehen Sie Ihre Zukunftsaussichten?

Colin Graham: Ich kann nicht damit aufhören zu tun, was ich tue. Wenn die Polizei kommt, werde ich wieder hier stehen. Es ist keine Goldmine, die wir besetzen. Es ist ein seit Jahrzehnten leerer, verlassener Platz. Plötzlich, seit Menschen hier wohnen, heißt es: Die Stadt will hier Wohngebiete entwickeln. Wo ist die Entwicklung? Wer hat das Land gekauft, und wer wird es bekommen? Es wird ein schönes Bild von Südafrika gezeichnet, das der Regenbogennation. Aber die Welt soll erfahren, was hier wirklich passiert.

Interview: Carmen Ludwig, Kapstadt

* Aus: junge Welt, 9. August 2011


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