Gleiches Spiel

Korruption in Südafrika: Für die Armen spielt es keine Rolle, wer in den Chefsesseln sitzt

Von Christian Selz, Port Elizabeth *

Die Nachricht schaffte es nicht einmal auf die Titelseiten der meisten südafrikanischen Zeitungen: Umgerechnet 4,5 Millionen Euro aus dem Gesundheitsetat der Provinz Eastern Cape sind durch Vetternwirtschaft und Selbstbereicherung »verlorengegangen«. Das ergab eine Untersuchung, die das Gesundheitsministerium der Heimatprovinz Nelson Mandelas in Auftrag gegeben hatte. Für den regionalen Gesundheitsminister Phumulo Masualle nur ein weiterer Schlag ins Kontor, er muß derzeit auch den Tod von 181 Säuglingen im nach Mandela benannten Krankenhaus von Umthatha erklären. Während das Geld in den Taschen der Verwaltungsoberen versackt, drohen die Krankenschwestern mit Kündigung – kein Skandal, sondern traurige Normalität in Südafrika.

Es vergeht kaum eine Woche am Kap, in der die politischen Medien des Landes nicht wenigstens einen hochrangigen Politiker des regierenden ANC unlauterer Geschäftspraktiken im Umgang mit Vettern aus der Wirtschaftselite beschuldigen. Einfluß auf das Tagesgeschehen schienen die ewig wiederkehrenden Skandale um Begünstigungen, Korruption und Vorteilsnahme jedoch bisher nicht zu haben. Bis die führende Wochenzeitung Mail & Guardian jetzt ganzseitig mit einer rechnerischen Kleinigkeit aufmachte: Duduzane Zuma, Sohn des Staatspräsidenten Jacob Zuma, hat gemeinsam mit der indisch-stämmigen Wirtschaftsfamilie Gupta über vier Ecken 0,3 Prozent der Anteile an Kapstadts weltberühmter Hafenpromenade erworben.

Man muß schon farbenblind sein, um nicht zu erkennen, welche Bevölkerungsgruppe auch 17 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch immer in den Machtzentren der Wirtschaft sitzt. Die Zeitung schien sich auch gar nicht dafür zu interessieren, wer die restlichen 99,7 Prozent der Anteile hielt, und dennoch folgte der Nachricht ein Aufschrei durch alle Gesellschaftsschichten. Selbst die Linke griff die Recherchen des liberalen Blattes auf.

Von »ZEE – Zuma Economic Empowerment« sprach der Vorsitzende der Jugendliga der Kommunistischen Partei Südafrikas, David Masondo, in Anlehnung an das staatliche Programm BEE, das die Teilhabe der ehemals unterdrückten Bevölkerungsgruppen am Wirtschaftsleben nach der Apartheid fördern soll. Und Masondo, der Präsident Zuma vorwarf, das Programm auf seine eigene Clique einzugrenzen, steht nicht allein. Auch der Gewerkschaftsbund COSATU forderte umgehend Untersuchungen der Geschäftsbeziehungen der Zuma-Familie mit den Guptas. Die Presse tat das mit Vergnügen und wurde fündig: Eine Milliarden-Kooperation mit dem Stahlriesen Arcelor Mittal hier und ein lukrativer Auftrag zum Ausbau des südafrikanischen Schienennetzes da – alles natürlich völlig unabhängig von der persönlichen Freundschaft zu den Zumas, wie die Unternehmer-Familie schnell beteuerte.

Dem Wohl der arbeitenden Bevölkerung helfen die neuen Geschäftsmodelle freilich nicht. Wie wenig sich die Ausbeutungstechniken der aufstrebenden Eliten von denen der alten Herren unterscheiden, veranschaulicht das Beispiel der Goldmine Aurora. Die einflußreichen Mitbesitzer der Mine sind Präsidenten-Neffe Khulubuse Zuma und Zondwa Mandela, Enkel des Befreiungshelden. Würde Zuma nur drei seiner 19 Luxuswagen verkaufen, so hat es eine Gewerkschaft ausgerechnet, könnte er seinen Arbeitern den Lohn für ein ganzes Jahr auszahlen – genau so lange haben die Bergleute nämlich kein Gehalt mehr bekommen. Nach der Plünderung der Bodenschätze ist die Mine nun bankrott, bekam gestern aber ein weiteres Jahr Zeit, um einen Investor aufzutreiben. Die Arbeiter glauben trotzdem nicht mehr an eine Wende und graben immer wieder auf eigene Faust nach Gold, um ihre Familien zu ernähren. Etliche wurden dabei schon von Sicherheitsleuten erschossen. In den südafrikanischen Medien ist das dann eine weitere Meldung.

* Aus: junge Welt, 9. März 2011


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