Kumpel müssen betteln

Südafrika: Angehörige Mandelas und Zumas sollen zwei Goldminen endgültig in den Ruin getrieben haben. Arbeiter stehen das dritte Mal vor schwarzer Weihnacht

Von Christian Selz, Port Elizabeth *

Die Liste der Ausreden ist lang: Zondwa Mandela berichtete von Dieben, die die vom Gericht verlangten Unterlagen aus seinem Wagen gestohlen hätten. Sein Geschäftspartner Khulubuse Zuma, der fließend Englisch spricht, ließ Anhörungstermine platzen, weil er lieber in Zulu aussagen wollte und kein Dolmetscher zugegen war. Ein anderes Mal fühlte er sich wegen seines offensichtlichen Übergewichts nicht im Stande, eine Befragung über sich ergehen zu lassen. Dabei wären Antworten dringend nötig. Mandela und Zuma wird vorgeworfen, mit zwei weiteren Geschäftsmännern und ihrer Firma Aurora Empowerment Systems die Goldminen Grootvlei und Orkney nahe der südafrikanischen Metropole Johannesburg ausgebeutet zu haben, die sie eigentlich im Auftrag eines Insolvenzverwalters managen sollten. 5300 Arbeitsplätze sind vernichtet, ein anliegendes Sumpfgebiet mit giftigen Bergbauabwässern verseucht worden.

Spende an den ANC

Der Fall Aurora ist der größte Bergbauskandal Südafrikas, zumal die prominenten Namen das öffentliche Interesse noch steigern. Mandela ist ein Enkel des ehemaligen Präsidenten Nelson Mandela. Daß der Name der einstigen Ikone im Kampf gegen die Apartheid nun im Zusammenhang mit rücksichtsloser Ausbeutung der Arbeiter genannt wird, schockiert die Südafrikaner. Zuma ist der Neffe des bereits vor seinem Amtsantritt von Korruptionsvorwürfen belasteten Präsidenten Jacob Zuma. In diesem Fall wiegt der Verdacht der Vetternwirtschaft noch schwerer, denn Jacob Zumas persönlicher Anwalt war als Geschäftsführer von Aurora eingetragen. Heute bestreitet der dies jemals gewesen zu sein. Noch offensichtlicher: Als Aurora längst als pleite galt, spendete der schwerreiche Geschäftsmann Zuma dem regierenden ANC, den sein Onkel ebenfalls als Präsident führt, eine Million südafrikanische Rand (95000 Euro).

Besonders schwer dürfte ihm das Geschenk allerdings nicht gefallen sein. Insgesamt 122 Millionen Rand (elf Millionen Euro), so rechnete Insolvenzverwalter Deon Botha dem Obersten Gerichtshof in Pretoria vor, hat Aurora seit der Übernahme der beiden Minen im Jahr 2009 aus Goldverkäufen generiert. Anders als im Übernahmevertrag vereinbart, beglich das Unternehmen daraus aber weder die laufenden Kosten noch ausstehende Löhne. Im Gegenteil, der Verkauf der technischen Ausrüstung, teilweise sogar als Metallschrott, soll weitere 48 Millionen Rand (4,5 Millionen Euro) in die Kassen gespült haben. Währenddessen gab Aurora für das Gros der Einnahmen Scheinleistungen bei Firmen von Familienangehörigen und Geschäftspartnern in Auftrag, darunter beispielsweise das Design der Firmen-Website für umgerechnet 400000 Euro.

Die arbeitslosen Kumpel warten seit drei Jahren auf ausstehenden Lohn. Die kleine Bergarbeitergewerkschaft Solidarity beziffert die Gehaltsschulden der inzwischen liquidierten Aurora Empowerment Systems auf umgerechnet rund 300000 Euro, andere Quellen sprechen gar von 1,2 Millionen Euro. Die im nationalen Gewerkschaftsbund COSATU organisierte Bergbaugewerkschaft NUM forderte bereits im Juni die Insolvenzverwaltung auf, sowohl zivilrechtliche als auch strafrechtliche Klagen gegen die Aurora-Geschäftsführung einzuleiten. Nach der Liquidierung der Firma im Oktober ist das zumindest wahrscheinlicher geworden. »Der Beschluß wird hoffentlich dazu führen, daß die Geschäftsführer von Aurora Empowerment Systems für ihr Mißmanagement und ihre Selbstbereicherung verurteilt werden«, zeigte sich Solidarity-Vizegeneralsekretär Gideon du Plessis optimistisch.

Verzögerungstaktik

43 der verzweifelten Kumpel, die mit ihren Familien noch immer auf dem Gelände einer der beiden Minen leben, bitten derweil in einem offenen Brief um Spenden: »Wir werden dieses Jahr zum dritten Mal ein schwarzes Weihnachtsfest haben: ohne Essen, Spielzeug, Kleidung oder Schuluniformen. Daher bitten wir Sie, uns zu helfen«, heißt es in dem Schreiben. Thulani Ngubane, vierter Geschäftsführer Auroras, wies die Anschuldigungen barsch zurück. Es gebe keine ausstehenden Gehälter, man schulde nicht einen Cent, und überhaupt sollten die Journalisten die Bergleute lieber fragen, was sie überhaupt noch auf dem Minengelände wollten.

Auf offizielle Erklärungen der Beschuldigten wartet das Gericht allerdings noch immer. Zuma bat in der Vorwoche erneut um einen Aufschub, weil er gerade ein neues Anwälteteam engagiert habe. Mandela blieb der Anhörung einfach unentschuldigt fern. Mit den Verzögerungstaktiken könnte es jedoch bald ein Ende haben. Der Insolvenzverwalter erstattete wegen der geplatzten Vernehmung bereits Strafanzeige gegen Zondwa Mandela, das Verfahren soll nun vor ein Amtsgericht verlegt werden, das Mandela notfalls auch inhaftieren lassen könnte.

* Aus: junge Welt, 15. Dezember 2011


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