Werkzeug der Herrenklasse

Dokumentiert. Die ANC-Dissidenten des Jahres 2008 und ihr historischer Kontext. Von Blade Nzimande *



Nach dreitägigen Beratungen wird heute (16. Dez.) im südafrikanischen Bloemfontein der »Congress of the People« (Cope), der »Volkskongreß«, aus der Taufe gehoben. Ehemalige führende ANC-Mitglieder wie Mosiuoa Lekota sind mit der Entwicklung des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) unzufrieden, seitdem sich der zur Parteilinken zählende Jacob Zuma im Dezember 2007 gegen den neoliberal eingestellten damaligen Vorsitzenden Thabo Mbeki durchsetzen konnte. »Unsere junge Demokratie ist nun bedroht«, warnt der neue Cope-Führer Lekota. Um die Dominanz des ANC zu brechen, wird Cope nicht nur von der bürgerlichen Presse weltweit gefördert, die Partei versucht sich besonders darin, das Bild eines kommunistisch gesteuerten ANC in der Öffentlichkeit zu zeichnen. Die südafrikanische KP hat sich vor kurzem dazu geäußert; jW dokumentiert eine leicht gekürzte Fassung ihrer Analyse.

Jetzt haben sich diejenigen, die Keile [in den ANC] getrieben und hinter verschlossenen Türen gegen die gesamte Befreiungsbewegung und ihre Politik agiert haben, endlich offen gezeigt. Sie sind Teil der Bürde, die jede Revolution zu tragen hat, und wenn diese Bürde abgeworfen wird, kann der Weg zum Sieg schneller beschritten werden.«[1]

Das Zitat entstammt einer Stellungnahme der SACP, die unter dem Titel »The Enemy Hidden Under the Same Colour« 1976 in der Vierteljahresschrift The African Communist abgedruckt war. Der Artikel bezog sich auf den Ausschluß der »Bande der Acht« aus dem Afrikanischen Nationalkongreß (African National Congress - ANC). Diese Erklärung ist auch heute noch von Bedeutung, vor allem nach dem erst kürzlich erfolgten Austritt der Dissidenten aus dem ANC, die jetzt eine neue - oppositionelle -- politische Partei gründen wollen.

Es ist jedoch festzuhalten, daß nicht alle, die dieser Strömung in der Vergangenheit nahestanden, den ANC verlassen wollen. Wir begrüßen die Tatsache, daß diese Genossen willens sind, sich der Parteidisziplin des ANC unterzuordnen und die Beschlüsse von Polokwane [2] umzusetzen.

Die SACP hat auch zu recht festgestellt, daß sich die Mitglieder und Kader unserer Bewegung nicht durch das Entstehen dieser Gruppierung ablenken lassen dürfen, sondern sich auf die wichtigsten Herausforderungen konzentrieren sollten, mit denen unsere revolutionäre Bewegung konfrontiert ist. Dazu gehört auch, für einen überwältigenden Sieg des ANC bei den 2009 stattfindenden Präsidentschaftswahlen zu sorgen.

In jedem Fall ist es notwendig, diese Gruppierung als das zu entlarven, was sie wirklich ist, und sie historisch als Teil eines Trends ähnlicher Fraktionierungen einzuordnen, wie sie im Laufe der Geschichte unserer Befreiungsbewegung immer wieder vorgekommen sind.

Elite mit Kompradorenmentalität

Die Dissidenten von 2008 sind Teil einer Klassen­elite, die von ihren Führungspositionen im ANC sowie in einigen Fällen auch in der SACP und dem südafrikanischen Gewerkschaftsdachverband COSATU (Congress of South African Trade Unions) ungemein profitiert haben. Der Kern dieser Gruppierung gehörte schon 1996 jenen Kreisen an, die sowohl in unserer Bewegung als auch im Staat eine dominante Position einnahmen. Sie schmiedeten seit damals eine neue dreiseitige Allianz zwischen ihren eigenen Mitgliedern, die Schlüsselpositionen in der Regierung besetzt hielten, Teilen des in- und ausländischen Kapitals und Teilen der im Entstehen begriffenen schwarzen Kapitalistenklasse. In dieser Gruppierung nutzten viele ihre Position im ANC und im Staat dazu, Reichtum anzuhäufen, Vetternwirtschaft zu fördern und auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Teilen unserer Bewegung eine Hierarchie zu schaffen, innerhalb der sie die »persönliche Nachfolge« unter sich regelten.

Nicht alle Sektoren der schwarzen Kapitalistenklasse [Südafrikas] haben ihren Reichtum auf diese Weise angehäuft, und sie waren auch nicht alle aktive Teilnehmer am Konsolidierungsprozeß des Klassenprojekts von 1996 in Staat und ANC.

Für die Dissidenten bedeutete jedoch vor allem der Verlust von Führungspositionen im Nationalen Exekutivkomitee (NEC) des ANC oder in den Strukturen der SACP und des COSATU, den Zugriff auf die staatlichen Institutionen zu verlieren und folglich, von den wichtigsten Mitteln zur persönlichen Bereicherung und der Fähigkeit, Vetternwirtschaft zu fördern, abgeschnitten zu sein.

Diese Gruppierung hat aktiv versucht, den ANC zu demobilisieren und ihn in eine politische Partei zu verwandeln, die sich auf die Teilnahme an Wahlen beschränkt. Unser Volk sollte nur noch in Wahlperioden als »Wähler« mobilisiert werden, damit sie als »Führer« weiterhin ihre staatlichen Machtpositionen beibehalten und ökonomische Reichtümer horten konnten.

Auch wenn sich der Kontext der heutigen rückschrittlichen Dissidenz anders darstellt, weil der ANC jetzt eine Regierungspartei ist, so ist es dennoch für eine rasche und effektive Auseinandersetzung mit dieser Gruppierung wichtig, sie als das zu begreifen, was sie tatsächlich ist. Dazu müssen ihre historischen Vorläufer untersucht werden.

Ein Merkmal, das sich wie ein roter Faden durch alle Gruppierungen zieht, die aktiv waren bei der Bildung von Fraktionierungen in unserer Befreiungsbewegung und sich von ihr abgespalten haben, ist ihr Antikommunismus, gepaart mit einer arbeiterfeindlichen Haltung. Damit unterschieden sie sich kaum vom Apartheidregime und dem weißen Monopolkapital. Wie ihre Vorgänger haben auch die Dissidenten von 2008 ihren Antikommunismus vor allem dann verstärkt, wenn die bürgerlichen Medien dem ANC vorwarfen, er sei von Kommunisten und COSATU »übernommen« worden.

Die ICU in den 20er Jahren

Die ICU (Industrial and Commercial Workers Union) wurde 1919 von Clements Kadalie gegründet. Sie war in den frühen 20er Jahren die größte afrikanische Gewerkschaft und mit ihren schätzungsweise über 100000 Mitgliedern sicherlich die größte Massenbewegung im damaligen Südafrika. Auf ihrem Gewerkschaftstag am 16. Dezember 1926 griff Kadalie die damalige Kommunistische Partei Südafrikas (CPSA) scharf an, und er ließ eine Resolution verabschieden, daß fortan »kein Funktionär der ICU gleichzeitig Mitglied der Kommunistischen Partei sein« dürfe. Kadalie beschuldigte die Kommunisten, sich von außen in die inneren Angelegenheiten der ICU eingemischt zu haben, obwohl er sehr genau wußte, daß Kommunisten Mitglieder und in vielen Fällen ordnungsgemäß gewählte führende Funktionäre der ICU waren.

Als Antwort auf diese Entwicklungen gab die CPSA im Dezember 1926 zu den antikommunistischen Aktivitäten der ICU folgende Stellungnahme ab: »In dieser kritischen Situation, in der die Regierung von [Südafrikas Präsident] Hertzog, [Justizminister] Roos und Co. neue Sklavengesetze gegen die eingeborenen Massen Südafrikas plant, versuchen Verräter und Bauernfänger im Dienste der Bosse, die ICU als einzig effektive Organisation, die ihr habt und die in der Lage wäre, einen Kampf gegen Unterdrückung und Sklaverei zu führen, zu zerschlagen.

Die Herren Kadalie, [Zulu-Führer W. A.] Champion und Co. schwächten die Kampfkraft der ICU, indem sie J.A. La Guma, Ej Khaile und J. Gomas ausschlossen. (...) Diese drei Genossen wurden aus dem einzigen Grund ausgeschlossen, weil sie aktive Mitglieder der Kommunistischen Partei sind.

Die Kommunistische Partei hat sich beharrlich für den Aufbau einer Einheitsfront aller Arbeiter und Unterdrückten gegen den gemeinsamen Gegner, die Kapitalisten, eingesetzt. Sie war und ist der treueste Verbündete der ICU.

Genossen! Man hat euch gesagt, daß man nicht gleichzeitig zwei Herren dienen kann. Eure aus der ICU ausgeschlossenen Gewerkschaftsvertreter haben aber niemals zwei Herren gedient, sondern nur einem: den unterdrückten Arbeitern von Afrika. Wer aber sind die Leute, die zwei Herren gleichzeitig dienen? Kadalie, Champion und die anderen 'good boys', die versuchen, gerade in dem Moment Spaltung in eure Reihen zu tragen, in dem euch der Feind angreift! Erlaubt weder den 'good boys' noch anderen Werkzeugen der Herrenklasse, die ICU unter ihre Kontrolle zu bringen.«

Unsere Genossen, die ausgeschlossenen (kommunistischen) Mitglieder der ICU, äußerten sich in der Zeitung der damaligen Kommunistischen Partei The South African Worker: »Wie die jüngsten Ereignisse klar belegen, ist eine Verschwörung gegen eure Interessen im Gange. Hohe Summen wurden für die Versammlungen des Gewerkschaftstages [der ICU] ausgegeben, aber es wurde euch keine Orientierung geboten, wie ihr eure ökonomische und politische Lage verbessern könnt. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.

Die Reaktionäre haben sich getäuscht, wenn sie glauben, durch unseren Ausschluß könnten die Kanäle, durch die der Wille der Massen sich ausdrückt, verstopft werden. Sie haben nicht mit eurer Entschlossenheit gerechnet, daß die Gewerkschaftsbasis das letzte Wort spricht.«

Auch wenn die damaligen Umstände sicherlich andere waren, so ist doch die Haltung eines Kadalie jener der heutigen Kräfte beeindruckend ähnlich. Sie sind heutigen Sachwalter von Kadalies antikommunistischen Resolutionen der 20er Jahre. Auch die Tatsache, daß große Geldsummen für die Tagungen ausgegeben wurden, um den revolutionären Charakter der Gewerkschaftsbewegung zunichte zu machen, trifft noch auf die heutige Situation zu. Und wie die »good boys« und die »Werkzeuge der Herrenklasse« in der ICU der 20er Jahre, macht sich die heutige Gruppierung daran, mittels ehemaliger führender Funktionäre des COSATU, die sich zu Renegaten entwickelt haben, den Gewerkschaftsdachverband zu spalten und zu schwächen!

Im Anschluß an die geschilderten Ereignisse wurde die ICU sehr schnell bedeutungslos und war bis Anfang der 30er Jahre völlig verschwunden. Man kann nur ahnen, was passiert wäre, wenn die heutigen Spalter sich auf dem Parteitag von Polokwane durchgesetzt hätten und ihren Einfluß in unserer Befreiungs- und Gewerkschaftsbewegung immer noch geltend machen könnten.

Der Panafrikanische Kongreß

Der von Robert Sobukwe geleitete Führungsstab des Pan African Congress (PAC) verkündete am 6. April 1959 die Abspaltung vom ANC, nachdem diese Gruppe mehrfach vergeblich versucht hatte, ihre Mitglieder in führende Positionen des ANC wählen zu lassen. Sie hätten den ANC gern von innen von seinen multiethnischen Positionen weggeführt. Dabei spielte insbesondere die Mitgliedschaft von Nichtafrikanern in der Kongreßallianz [3] eine Rolle, aber auch die Ablehnung einer Zusammenarbeit mit Kommunisten. Dieser Kommunistenhaß zeigte sich erst kürzlich wieder in einer Rede des einzig verbliebenen PAC-Parlamentsabgeordneten und früheren Präsidenten dieser Organisation.

Der PAC hatte parallel versucht, eine gegen den South African Congress of Trade Unions (Südafrikanischer Gewerkschaftskongreß - SACTU) gerichtete Gewerkschaftsbewegung aufzubauen, um die Arbeit des SACTU zu hintertreiben, als dieser nur im Untergrund agieren konnte. Eine Schlüsselfigur war dabei einer der Mitbegründer des PAC, Nelson Nana Mahomo, der verdeckt für das 1964 gegründete und von der CIA finanzierte African-American Labour Centre (Afrikanisch-Amerikanisches Arbeiterzentrum - AALC) arbeitete. Dem AALC ging es vor allem darum, reaktionäre Gewerkschaften gegen die bestehenden aufzubauen. Mit dieser Offensive sollten die afrikanische Gewerkschaften von den fortschrittlichen Befreiungs- und Unabhängigkeitsbewegungen getrennt werden. Mahomo wurde zwar aus dem PAC ausgeschlossen, ab 1982 aber formal vom AALC dazu angestellt, sein Programm zur »Unterstützung« schwarzer Gewerkschaften in Südafrika zu leiten, um die Arbeit der damals noch in ihrem Anfangsstadium befindlichen FOSATU-Gewerkschaften [4] zu untergraben.

Eine von der Informations- und Publikationsabteilung des ANC im Juli 1998 erstellte Dokumentation mit dem Titel »Der Panafrikanische Kongreß - Eine entwicklungsfähige Alternative oder ein platter Reservereifen?« faßt Geschichte und Charakter dieser Organisation auf prägnante Weise zusammen: »Als die Führung des ANC in Transvaal 1956 größtenteils inhaftiert war und in dem von 1956 bis 1961 dauernden Hochverratsprozeß vor Gericht stand, sah die Leballo-Gruppe [5] ihre Chance, Führungspositionen in der Provinz an sich zu reißen.

Die Gruppe opponierte 1958 aktiv und öffentlich gegen die landesweite Kampagne »Stay at home« [Bleibt zu Hause], zu der ANC und Kongreßallianz die schwarze Bevölkerung aus Protest gegen die Wahlen, an der sich nur Weiße beteiligen durften, aufgerufen hatten. Für diesen Akt des Verrats bedachten die weißen Medien die Gruppe um Leballo mit Anerkennung und lobten sie als 'äußerst verantwortlich handelnde Führer der Eingeborenen'.

Die Existenzberechtigung des PAC bestand einzig und allein darin, Konkurrent des ANC zu sein, eine Alternative, ein Reservereifen. Aber bloße Rivalität kann niemals die Basis dafür sein, eine effektiv arbeitende Organisation mit einer strategischen Perspektive und einem dynamischen Aktionsprogramm aufzubauen. Sich nur vom ANC absetzen zu wollen, kann keine Basis für die Heranbildung und Erziehung eines effektiven Führungskaders sein. Die Reservereifen-Mentalität muß zwangsläufig in einer Politik des Opportunismus und dem Bankrott der Führung enden.«

Auf die gleiche Weise, wie es den heutigen Dissidenten nicht gelungen ist, den ANC auf der Polokwane-Konferenz für ihre Interessen zu funktionalisieren und zurückzuerobern, scheiterte der PAC, als er sich [1959] unter der Behauptung vom ANC abspaltete, der einzig legitime Hüter der Politik des »ANC von 1912« zu sein. Damals wie heute lobten und loben die weißen Medien begeistert die Spalter als wahre Demokraten, die Südafrika von dem befreien werden, was sie den »eisernen Griff der Einparteienherrschaft des ANC« nennen.

Der PAC hat seit seiner Gründung mehrere Spaltungen durchlaufen und ist heute praktisch eine tote Organisation, eine Illustration davon, was passiert, wenn Organisationen auf Opportunismus gegründet werden und nur für Gegenpositionen eintreten, statt auf der Basis eines prinzipientreuen Programms zu handeln.

Die »Bande der Acht«

Eine weitere reaktionäre Gruppierung hat in den 70er Jahren versucht, die Führung des ANC zu übernehmen oder ihn zu spalten. Ausgangspunkt war eine politische Plattform, mit der die Rolle der Kommunisten in der Befreiungsbewegung thematisiert wurde. Diese Gruppe wurde als »Bande der Acht« bekannt wegen der Prominenz von acht der Anführer dieser Attacke. Sie wurden 1975 aus dem ANC ausgeschlossen.

Das Zentralkomitee der SACP reflektierte diese Erfahrung in einer Stellungnahme, die 1976 unter dem bereits zitierten Titel »The Enemy Hidden Under the Same Colour« veröffentlicht wurde: »Die Kernpunkte, mit denen sie die Befreiungsbewegung angriffen, sind so alt wie der Kampf selbst. Die Verleumdung, der ANC werde von der Kommunistischen Partei dominiert, ist nicht neu; sie ist von den Rassisten und ihren Agenten immer wieder verbreitet worden, um den Kampf des Volkes zu schwächen. Bereits in den 20er Jahren halfen Liberale wie Ballinger [6] dabei, den ICU zu zerstören, indem sie das Banner des Antikommunismus vor sich hertrugen und Schreckensgeschichten von der 'Übernahme durch die Kommunisten' verbreiteten. In den 50er Jahren war es die Spaltergruppe des PAC, die den Vorwurf der weißen Liberalen nachplapperte, daß 'die Kommunisten im ANC das Sagen haben'.«

Die »Bande der Acht« wetterte in den 70ern schon mit den gleichen antikommunistischen Argumenten gegen den ANC wie die Dissidenten von 2008: »Für die SACP ist der ANC nichts anderes als ihre wichtigste Frontorganisation.« Die »Bande der Acht« griff die Ergebnisse der Morogoro-Konferenz [7] an, obwohl sie an dieser Konferenz teilgenommen und mit ihren nationalistischen Positionen eine Niederlage erlitten hatte. [...] Sie führte diese Offensive zu einer Zeit durch, als das Apartheidregime die Repression nach dem Arbeiterstreik von 1973 verschärfte und den ANC zunehmend als »Front der Kommunisten« brandmarkte.

Genosse Oliver Tambo warnte deshalb am Ende der Morogoro-Konferenz vor den Gefahren, die diese Elemente für unsere Bewegung bedeuten: »[Die Delegierten] müssen einen unnachgiebigen Kampf gegen Spalter führen und den ANC gegen Provokateure und feindliche Agenten verteidigen. Verteidigt die Revolution gegen feindliche Propaganda jeder Art. Seid wachsam, Genossen. Auch der Feind ist wachsam. Nehmt euch in acht vor dem Spalter, der von Ohr zu Ohr kriecht mit seinem Sack voller Keile, die er zwischen euch und eure Nächsten treiben will, zwischen diese Gruppe und jene. Ihm geht es nur um das, was spaltet und trennt. Nehmt euch in acht vor seinen Keilen und hütet euch vor seiner falschen Zunge.«

IFP und UDM

Die 1975 gegründete Inkatha Freedom Party (IFP) ging aus dem Inkatha yeNkululeko YeSizwe hervor und wurde schon bald von einer gegen den ANC arbeitenden Elitegruppe angeführt. Ihr gehörten rückständige Kräfte aus der Zulu-Provinz KwaZulu-Natal an, die sich aus Bürokraten in leitenden Positionen und Geschäftemachern, die ihre Stellungen in der KwaZulu-Territorialverwaltung zu nutzen wußten, zusammensetzte. Sie beuteten die Zulu-Kultur und -Traditionen nach Kräften aus und strebten den Aufbau einer Bewegung an, die in enger Kooperation mit dem Apartheidregime ihr höchstes Ziel verfolgte -- die Zerschlagung der nationalen Befreiungsbewegung. Im Kern der Politik auch hier ein tollwütiger und schamloser Antikommunismus im besten Sinne des Wortes. (...) Diese Politik kulminierte in dem Versuch, die Wahlen von 1994 und den Übergang zur Demokratie zu behindern, indem die IFP mit den am weitesten rechts stehenden faschistischen Kräften Südafrikas kollaborierte. (...)

Die United Democratic Movement (UDM) wurde 1997 von Bantu Holomisa, der aus dem ANC ausgeschlossenn worden war, zusammen mit Roelf Meyer, dem ehemaligen Mitglied der National Party (NP) gegründet. So klein wie diese Organisation ist, tut sie sich einzig und allein als ständiger Kommentator der Politik des ANC und seiner Verbündeten hervor. Auch Holomisas eigentliches Problem sind die Kommunisten, wie er im Oktober 2008 erklärte: »Südafrika hat es nicht verdient, ein Einparteienstaat zu sein, und wir haben es erst recht nicht verdient, von den ANC-Marionetten regiert zu werden, deren Fäden gerade die Kommunisten ziehen, die nicht einmal den Mumm haben, selbst bei Wahlen zu kandidieren.«

Die Dissidenten von 2008

Der langen Liste der Kreuzritter, die ihren antikommunistischen und arbeiterfeindlichen Kampf gegen den ANC geführt haben, wurde der letzte Spaltungsversuch hinzugefügt. Es ist kein Zufall, daß unsere Schwesterorganisationen beinahe unsere Dreierallianz aus ANC, SACP und COSATU verlassen hätten, nachdem sie von der zeitweise stark dominierenden Dissidentenfraktion mehr und mehr an den Rand gedrängt worden waren. Dies war eine wohlüberlegte Strategie von Elementen, die ihre Ziele aber nun glücklicherweise außerhalb des ANC weiterverfolgen müssen.

Die SACP ist deshalb nicht überrascht, daß diese Splittergruppe nunmehr gemeinsame Sache mit Gruppierungen wie IFP, UDM und weiteren Oppositionsparteien macht. [...]

Wie bei allen früheren Spaltungsversuchen gibt auch die aktuelle Splittergruppe vor, die wahren Traditionen des ANC zu vertreten und weitaus demokratischer zu sein als er. Tatsache ist aber, daß die Anführer dieser Splittergruppe den ANC verlassen haben, weil sie nicht bereit waren, die Ergebnisse der demokratischen Abstimmungen auf der Polokwane-Konferenz zu akzeptieren. Die Dissidenten haben ihre Kam­pagne unter dem Banner des Kampfes gegen Korruption und ihrer vorgeblichen höheren Moral und Achtung demokratischer Werte geführt, aber die Geschichte wird noch darüber zu urteilen haben, wer die wirklich korrupten und unmoralischen Kräfte sind.

Anmerkungen des Übersetzers
  1. »Bürde« steht hier für die im Original erwähnte »impure load« (= unreine Last), möglicherweise ein Rekurs auf biblische Begrifflichkeiten. So gibt Jakob Lorber (1800--1864) in seinem Buch »Himmelsgaben« (Bietigheim 1935) auf S. 273ff. einen Ausspruch Jesu Christi wieder: »Ich habe die Aussätzige (für die ihr um Hilfe gebeten habt) zu Mir genommen und habe sie erweckt zum Leben, indem Ich ihr die unreine Last des stinkenden Leibes abgenommen habe.«
  2. Im nordöstlich von Johannesburg gelegenen Polokwane, dem Zentrum der Nordprovinz Limpopo, fand im Dezember 2007 der letzte Parteitag des seit 1994, dem Ende der Apartheid, regierenden ANC statt. Die Mehrheit der Parteibasis wählte Jacob Zuma zum Präsidenten des ANC, der in diesem Amt Thabo Mbeki, den amtierenden südafrikanischen Staatspräsidenten, ablöste.
  3. Am 26. Juni 1955 wurde im südafrikanischen Kliptown vom Volkskongreß, den die Kongreßallianz einberufen hatte, eine Freiheitscharta verabschiedet. Die 1954 gegründete Kongreßallianz hatte rund 3000 Delegierte aller Bevölkerungsgruppen Südafrikas nach Kliptown entsandt. Die Freiheitscharta wurde zum Grundsatzprogramm des damals noch verbotenen ANC.
  4. Federation of South-African Trade Unions (FOSATU), ein 1979 gegründeter multiethnischer Gewerkschaftsverband von zehn Industriegewerkschaften.
  5. Benannt nach Potlako Leballo, der in jungen Jahren der Jugendliga des ANC angehörte und unter dem PAC-Präsidenten Robert Sobukwe Erster Sekretär des PAC wurde.
  6. Im Januar 1929, als sich die Spaltung des ICU schon abzeichnete, trat Clements Kadalie nach heftigem Disput mit dem ICU-Berater William G. Ballinger, einem schottischen Gewerkschafter, aus der ICU aus.
  7. Vom 25.4. bis 1.5.1969 hielt der ANC seine erste Nationale Konsultativkonferenz in Tansania ab, die der damalige ANC-Präsident Oliver Tambo mit den Worten schloß: »Schließt die Reihen! Das ist die Aufforderung an unsere Jugend, unsere Armee, an jeden Militanten des Umkhonto we Sizwe [Speerspitze der Nation, militärischer Arm des ANC], an unsere Unterstützer überall auf der Welt. Dies ist die Aufforderung an unsere Anführer und jeden von uns. Der zentrale Beschluß unserer Konferenz lautet: Schließt die Reihen und intensiviert den bewaffneten Kampf!« (Quelle: www.anc.org.za/ancdocs/history/conf/indexmor.html)
Übersetzung aus dem Englischen: Jürgen Heiser
Quelle: www.sacp.org.za

* Blade Nzimande ist Generalsekretär der Südafrikanischen Kommunistischen Partei (SACP).

Aus: junge Welt, 16. Dezember 2008



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