Streiks in den Minen

Südafrika: Mindestlöhne scheitern an Maximalgewinnen

Von Christian Selz, Port Elizabeth *

Die Forderung klingt hoch: 14 Prozent mehr Lohn verlangt die südafrikanische Bergarbeitergewerkschaft NUM für ihre Mitglieder. Doch selbst damit wäre für viele Arbeiter noch nicht einmal der ebenfalls angestrebte Mindestlohn von 5500 Rand (570 Euro) erreicht. Die Minenbetreiber bieten kaum mehr als einen Ausgleich der offiziellen Inflationsrate von rund fünf Prozent und ignorieren geflissentlich die drastischen Preissteigerungen bei Strom und Nahrungsmitteln. 250000 Bergleute in den reichen Goldminen des Landes haben deswegen angekündigt, ab dem heutigen Donnerstag unbefristet die Arbeit niederzulegen. Sie schließen sich 155 000 Kollegen aus Diamanten- und Kohleminen an, die seit Tagen streiken.

»NUM appelliert an alle Arbeitgeber im Diamanten-, Gold-, Kohle- und Platinsektor, in die Forderungen von Tausenden verarmten Arbeitern einzuwilligen, die jeden Tag zur Arbeit laufen und mit leeren Mägen schlafen«, hieß es in einer Mitteilung der größten Mitgliedsgewerkschaft des südafrikanischen Gewerkschaftsbundes ­COSATU. In den Unternehmen scheint für derlei Sentimentalitäten jedoch kein Platz. Stuart Brown, Finanzvorstand des Marktführers der Diamantenindustrie De Beers, warnte dann auch gleich vor unprofitablen Minen und der Bedrohung von Arbeitsplätzen. Lohnerhöhungen im zweistelligen Bereich könne sich das Unternehmen nicht erlauben. Fast gleichzeitig gab De Beers bekannt, seinen Umsatz mit Rohdiamanten im ersten Halbjahr um 33 Prozent auf den Rekordwert von 3,5 Milliarden US-Dollar gesteigert zu haben. Der Konzern fuhr im gleichen Zeitraum ein Gewinnplus von 55 Prozent ein.

Noch rosiger sind die Aussichten auf dem Goldmarkt. Derzeit kostet die Unze 1617 US-Dollar, und ein Ende der Kletterpartie von Höchststand zu Höchststand ist nicht in Sicht. Die Angebote der großen Unternehmen liegen derweil zwischen sieben und neun Prozent. Als »großen Sprung« und »Zeichen der Verantwortung der Arbeitgeber« bezeichnete Elize Strydom, Verhandlungsführerin für die Goldminen in der Südafrikanischen Minenkammer die Zahlen. Gewerkschaftssprecher Lesiba Seshoka hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig. »Sie werden selbst sehen können, daß die Wirtschaft wie ein Baby weint«, prognostiziert er, wohlwissend, daß die hohen Marktpreise den Arbeitern in die Karten spielen.

Während südafrikanische Analysten den Streiks im Gold- und Diamantentagebau nur geringe Bedeutung für die Wirtschaft des Landes zuschreiben, könnte der Ausstand der Kohlekumpel schon bald ernste Folgen haben. Ein Großteil des Stroms wird in der Kap-Republik in Kohlekraftwerken erzeugt. Der staatliche Elektrizitätskonzern Eskom gibt zwar an, noch Reserven für 38 Tage zu haben, doch Seshoka hält das für einen Bluff. »Es könnte sehr ernste, negative Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft haben«, droht er. »Die Leute im Betrieb erzählen uns, daß sie nur Vorräte für drei Wochen haben.«

Derweil zeichnet sich zumindest in der Treibstoff- und Chemieindustrie ein Ende des bereits dreiwöchigen Streiks ab. Gewerkschaften und Unternehmer sind nach Angaben der Vermittlungskommission zu einem noch geheimgehaltenen Ergebnis gekommen, über das die Beschäftigten nun abstimmen müssen. Die Tanklaster könnten also bald wieder rollen. Unklar ist jedoch, wie weit sie kommen, denn seit Montag hat ein ungewöhnlich kalter Winter weite Teile des Landes erfaßt. Am Mittwoch mußte die Autobahn zwischen den beiden größten Metropolen Johannesburg und Durban wegen starken Schneefalls gesperrt werden.

* Aus: junge Welt, 28. Juli 2011


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