Der Speer der Nation

Vor 50 Jahren begann der bewaffnete Kampf in Südafrika

Von Hans-Georg Schleicher *

Als am 16. Dezember 1961 Südafrikas Apartheid-Regime den Jahrestag eines Sieges über die Zulus bei der Unterwerfung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit feiert, erschüttern Explosionen das Land. Sabotageakte gegen Regierungsbüros und Hochspannungsmasten signalisieren den Beginn einer neuen Etappe im Kampf gegen die Rassendiskriminierung und Unterdrückung.

Das Sharpeville-Massaker im Vorjahr, Ausnahmezustand sowie Verbot des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) und anderer Organisationen hatten die bis dahin praktizierte Politik des gewaltlosen Widerstandes in Frage gestellt. Als 1961 erneut ein Streik brutal unterdrückt wurde, fiel - nicht unumstritten - eine schwerwiegende Entscheidung. Der neu geschaffene, sich aus Freiwilligen des ANC und der bereits seit 1950 verbotenen Kommunistischen Partei rekrutierende Umkhonto weSizwe (MK), was in Zulu »Speer der Nation« heißt, nahm den bewaffneten Kampf auf, zunächst mit Sabotageakten, bei denen Menschen nicht gefährdet werden sollten.

Das Regime reagierte mit massiver Repression. 1963 wurde die Führung des MK zerschlagen. Danach konzentrierten sich ANC und MK auf eine Exil-Infrastruktur, internationale Unterstützung und die Ausbildung ihrer Kämpfer im Ausland. Infiltration ins Land hinein war durch den Südafrika umgebenden Cordon sanitaire kolonialer Regime schwer.

Die gemeinsame, wenn auch erfolglose »Wankie-Operation« des MK und simbabwischer Freiheitskämpfer in Südrhodesien 1967/68 war eine erste militärische Kraftprobe. Erfolgreich waren im Folgejahr Propagandaaktionen in südafrikanischen Großstädten mit Flugblatt-»Bomben« und Lautsprechern. Wichtig war die zunehmende internationale Anerkennung der Legitimität des bewaffneten Kampfes. Neue Bedingungen brachten für diesen Mitte der 1970er Jahre die Unabhängigkeit Angolas und Mosambiks. Nach dem Soweto-Aufstand 1976 schlossen sich Tausende südafrikanischer Jugendlicher dem bewaffneten Widerstand an. Vor allem in Angola entstanden Ausbildungscamps. Militärausbildung boten auch sozialistische Staaten, allein in der DDR wurden mehr als 1000 MK-Kämpfer trainiert.

Umkhonto we Sizwe attackierte nun verstärkt Stützpunkte von Polizei und Armee, Regierungseinrichtungen sowie die Infrastruktur, ab 1980 auch strategische Ziele wie die Erdölraffinerie Sasolburg, den Militärstützpunkt Vortrekkerhoogte, das Atomkraftwerk Koeberg, das Luftwaffenhauptquartier und eine Geheimdienstzentrale in Pretoria.

Pretoria hatte bereits frühzeitig Luftangriffe gegen MK- und ANC-Camps geführt, es folgten Mordanschläge auf ANC-Führer. Grenzüberschreitende Kommandounternehmen sollten den Druck auf Nachbarstaaten, die den ANC unterstützten, erhöhen. Das Nkomati-Abkommen des Regimes mit Mosambik 1984 war ein schwerer Rückschlag für den ANC. Im Jahr darauf proklamierte der ANC, begünstigt durch Aufstände in den Townships, den Volkskrieg. Der »Speer der Nation« unternahm nunmehr bis zu über 300 militärische Operationen jährlich. Diese blieben jedoch für das Apartheid-Regime Nadelstiche.

Von den zehn- bis zwölftausend im Ausland ausgebildeten Kämpfern kam nur ein kleiner Teil in Südafrika zum Einsatz. Die schwierigen Bedingungen in den Camps, Giftanschläge und Bombenangriffe sowie die Einschleusung von Agenten steigerten Frust und Resignation. Es gab Revolten mit Toten und Verwundeten. Jahre nach dem Sieg über die Apartheid konstatierte Südafrikas Wahrheits- und Versöhnungskommission Menschenrechtsverletzungen seitens des ANC, der zuvor bereits eigene Untersuchungskommissionen eingesetzt und einen Verhaltenskodex eingeführt hatte. MK blieb unter politischer Kontrolle des ANC, der bewaffnete Kampf verselbstständigte sich nicht.

1987 begann mit der »Operation Vula« der Aufbau einer Untergrundstruktur im Lande. Parallel liefen Geheimgespräche des ANC mit der Regierung in Pretoria, denn ein militärischer Sieg schien unrealistisch. MK hatte jedoch eine enorme psychologische Wirkung auf den Widerstand in Südafrika.

Im August 1990 wurde der bewaffnete Kampf eingestellt, die militärischen Einheiten jedoch noch nicht gänzlich aufgelöst, u. a. wegen der Zunahme politischer Gewalt im Lande. Die Apartheid wurde ohne Einmarsch von MK in Pretoria überwunden. 1994 wurden knapp 12 000 Kämpfer des Umkhonto weSizwe in die Streitkräfte des neuen Südafrika integriert.

Der bewaffnete Kampf war nicht unumstritten und erfuhr vielfältige Interpretationen. Der Mythos ist in großen Teilen der schwarzen Bevölkerung ungebrochen. Der Preis des bewaffneten Kampfes war hoch. Eine Mauer der Erinnerung im Freedom Park in Tshwane (Pretoria) verzeichnet die Namen der Gefallenen.

MK war auch immer eine »Kaderschmiede« des ANC, aus der ein Teil der neuen politischen Elite Südafrikas hervorging. Andererseits sind viele einfache Kämpfer arbeitslos und kämpfen um ihre Rentenansprüche. Der 16. Dezember ist in Südafrika Feiertag; er wird als Tag der Aussöhnung begangen.

* Aus: neues deutschland, 17. Dezember 2011


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