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Der Konflikt in Darfur hat viele Dimensionen

Sudan: Zwangsarabisierung, Wasserknappheit und politischer Machtpoker

Von Martin Ling

Nach der Einigung zwischen Regierung und Rebellen im Südsudan werden die Forderungen nach einer politischen Lösung des Darfur-Konflikts im Westen des Landes lauter. Das Deutsche Rote Kreuz und UNICEF warnten am Freitag vor dem Ausbruch von Epidemien in der Krisenregion.

Seit 1983 bekämpften sich die Regierung in Khartum und die südsudanesische Befreiungsbewegung SPLA bis aufs Blut. Die Folge: zwei Millionen Tote und vier Millionen Vertriebene. Am Mittwoch wurden die letzten strittigen Punkte des Friedensabkommens beigelegt. »Wir haben die Berge überwunden. Vor uns liegt jetzt flaches Land«, machte der langjährige SPLA-Führer John Garang in Optimismus.

Optimismus, der für den Bürgerkrieg in Darfur nicht angesagt ist. Dort gehen die ethnischen Vertreibungen weiter und trotz Zusagen der sudanesischen Regierung beklagen sich die Hilfsorganisationen nach wie vor über Einschränkungen bei ihrer Hilfsarbeit. Der Konflikt in Darfur spielte bei den Friedensverhandlungen im kenianischen Naivasha keine Rolle. Er verläuft auch nicht entlang der Grundlinie des großen Bürgerkrieges, wo der islamisch-arabische Norden dem christlich-animistischen Süden gegenüberstand. Im Kern gehen die Auseinandersetzungen jedoch um Ressourcen, ob nun um Land oder in den letzten Jahren vermehrt um ölreiche Gebiete. In Darfur verläuft die Trennlinie zwischen »Arabern« und »Schwarzafrikanern«, wobei alle islamischen Glaubens sind.

Beide Konflikte eint, dass sich die afrikanischen Ethnien gegen die von Khartum vor allem nach der Amtsübernahme 1989 von Omar al-Baschir betriebene Arabisierung der Gesellschaft wehren. Gemeinsam geschieht dies in Darfur erst seit dem 25.Februar 2003. An jenem Tag gab die 2000 gegründete Darfur-Befreiungsfront (DLF) das Signal zum allgemeinen Aufstand. Um die Gemeinsamkeit zu unterstreichen, benannte die sich hauptsächlich auf die Ethnie Fur stützende DLF im März 2003 in Sudanesische Befreiungsarmee (SLA) um, in der sich neben den Fur auch afrikanische Ethnien wie die Masalit, Zaghawa und Berti finden. Die SLA wehrt sich nach eigenen Angaben gegen die »ethnische Vertreibung« afrikanischer Stämme aus Darfur.

Darfur setzt sich aus einer Nord-, West- und Südprovinz zusammen. Insgesamt ist das Gebiet eineinhalb Mal so groß wie Deutschland. Die nördliche Hälfte der Region gehört zur Sahelzone und wird von Nomaden bewohnt, die von ihren Kamelherden leben. In den anderen Teilen finden sich sesshafte Bauern und Nomaden, die auf Rinderzucht setzen. Konflikte zwischen Viehzüchtern und Ackerbauern gehören zur Geschichte Darfurs. Während die meisten afrikanischen Ethnien Ackerbauern sind, handelt es sich bei den hellhäutigeren Arabern in der Regel um Nomaden. Fruchtbarer Boden und Wasser werden immer knapper. Zum einen, weil sich die Bevölkerung innerhalb der letzten 20 Jahre auf sechs Millionen verdoppelt hat, zum anderen, weil die Wüste jedes Jahr um sechs Kilometer weiter nach Süden vorrückt.

Seit Mitte der achtziger Jahre wurden die Konflikte immer wieder gewaltsam ausgetragen – Hunger und Dürreperioden waren keine Seltenheit. Mit der Machtübernahme von Omar al-Baschir 1989 verschärfte sich der Konflikt, weil der als islamistischer Hardliner angetretene al-Baschir die arabischen Ethnien bevorzugte. Auch im aktuellen Konflikt sieht sich Khartum dem Vorwurf ausgesetzt, den arabischen Janjawid-Milizen, die Jagd auf die schwarzafrikanische Zivilbevölkerung machen, freie Hand zu geben und überdies mit der sudanesischen Armee wichtige Unterstützerdienste zu leisten. Khartum bestreitet dies. Außenminister Mustafa Osman Ismail gestand jedoch ein, dass es in Darfur zu Menschenrechtsverletzungen gekommen sei.

An Schärfe hat der Konflikt auch durch die neue Dimension bei den Waffen gewonnen. Die SLA-Rebellen verfügen über mit Maschinengewehren bestückte Toyota-Geländewagen, sind mit Kalaschnikows, Granatwerfer und Panzerfäusten ausgestattet und erhalten Unterstützung von der SPLA von John Garang – trotz oder weil jener in Friedensverhandlungen mit Khartum steht. Die arabischen Janjawid-Reitermilizen bekommen hingegen Hilfe von sudanesischen Militärhubschraubern.

Zudem muss sich Khartum inzwischen mit zwei Rebellenbewegungen auseinander setzen. In Nord-Darfur gründete sich 2003 die Bewegung für Gleichheit und Gerechtigkeit (Justice and Equality Movement). Ihr Anführer, Kahlil Ibrahim, gehörte lange Zeit der islamistischen Partei von al-Baschirs Rivalen Hassan al-Turabi an.

Sicher ist, dass sich der vom sudanesischen Außenminister Mustafa Osman Ismail im Mai 2003 gegenüber ND bekundete Optimismus nicht bewahrheitet hat: Er sei absolut davon überzeugt, dass die in Khartum eingebundenen Vertreter aus Darfur die dortigen Milizenführer davon überzeugen können, die Waffen niederzulegen.

Aus: Neues Deutschland, 29. Mai 2004


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