Das Land der armen Milliardäre

Während die politische Einigung zwischen den Parteien Simbabwes die Nachrichten beherrscht, steht das Land wirtschaftlich am Abgrund

Von Dumisani F. Nengomasha *

Lovemore sitzt einsam an der Kasse, bei ihr kauft niemand. Sie sitzt an der Bargeldkasse, aber es gibt viel zu wenig Bargeld im Land. Die Aktion gegen die deutsche Druckerei Giesecke & Devrient, die den Simbabwe-Dollar druckte, zeigt Wirkung. An den anderen Kassen stehen die Menschen mit ihren Bankkarten Schlange. Die Prozedur des Einlesens dauert, das System funktioniert nicht immer, die Stromschwankungen sollen Schuld sein. Wer zur Kasse von Lovemore geht, wird von Wartenden gefragt: »Zahlen Sie bar?«

Jeder Angesprochene weiß, was das bedeutet: Es wird die Bitte des Fragestellers folgen, den Einkauf mit der Bankkarte zahlen zu dürfen, gegen Rückzahlung des Betrages in Bargeld. Die Banken geben wegen des Bargeldmangels nur noch 500 Simbabwe-Dollar pro Tag und Konto aus. Ein Brot kostet 450 Dollar. Die Inflationsrate ist unbekannt, sie liegt bei mindestens zwei Millionen Prozent.

Doch diesmal hat der Herr mit der Karte Pech: Die Angesprochene hat keine Lust zu warten. Außerdem hat sie Brot und Milch dabei. Die werden nur gegen Bargeld abgegeben, was den geringen Preis erklärt. Zusammen nur 950 Dollar. Eine Tafel Schokolade dagegen kostet 5000 Dollar, Mineralwasser ist für 2000 Dollar zu haben.

Zehn Nullen wurden gestrichen

Dabei hat die Regierung erst vor vier Wochen zehn Nullen gestrichen, aus einer Milliarde Dollar wurden zehn neue Cent. In Simbabwe war selbst der ärmste Bettler Milliardär, das Geld lag sprichwörtlich auf der Straße und nach einer Million bückte sich niemand mehr. Mit der Reform verschwanden zwar die Milliardäre, aber die längst vergessenen Münzen aus vergangenen Tagen konnten zur Milderung des Bargeldmangels wieder in Umlauf gebracht werden. Hunderttausende durchsuchten ihre Wohnungen oder Hütten, um kurz einen unverhofften Reichtum zu genießen: Fernseher wurden mit Centmünzen gekauft. Doch die Freude blieb nur kurz, die Inflation war stärker.

Derzeit gibt es in Simbabwe drei Umrechnungskurse: Der offizielle Bankkurs liegt bei 1 US-Dollar zu 10 Sim-Dollar. Doch diesen benutzt praktisch niemand. Der Schwarzmarktkurs liegt dagegen bei 1:400. Und schließlich der Kurs für die Banküberweisungen, der bei 1:20 000 liegt. Dies ist der Kurs der größeren Geschäftsleute, die verzweifelt versuchen, ihre Bankguthaben durch Überweisungen zu verringern, um ihr Geld nicht durch die Inflation entwertet zu sehen. Es ist der Kurs, der inzwischen in den meisten Supermärkten vorausgesetzt wird. Doch viele Unternehmen akzeptieren keine Überweisungen mehr oder verdreifachen dann die Preise. Banküberweisungen sind ein Pyramidenspiel geworden: Der letzte bleibt auf Milliarden Sim-Dollar sitzen und muss zusehen, wie sein Vermögen entwertet wird.

Samuel ist nur ein kleiner Geschäftsmann in einer der kleineren Städte. Er kämpft mit den ständigen Stromausfällen und den zusammenbrechenden Telefonleitungen, die die Produktion und den Abschluss von Verträgen erschweren. Gerade hat er die neuen Tarife für seine Angestellten erhalten. Die Angestellten sollen nun 26 000 Sim-Dollar pro Woche bekommen. Auch hier wurde offenbar die Überweisungsrate zugrunde gelegt. Doch Samuel handelt nicht mit ausländischen Währungen und die Geschäfte laufen nicht gut. Niemand hat Geld, seine Stoffe zu kaufen. Er wird die Hälfte seines Personals entlassen. Zwei andere Händler in der Stadt mussten wegen der Tariferhöhung schließen; zumindest dies hofft Samuel vermeiden zu können.

Öl und Seife als Wohnungsmiete

Farai wird von den Tariferhöhungen nicht betroffen sein, er arbeitet in der Verwaltung einer kirchlichen Organisation, lebt mit seiner Frau und den zwei Kindern auf 21 Quadratmetern. Bad und Toilette werden mit der Familie des Vermieters geteilt. Die Küche darf und will Farai nicht benutzen, seine Familie kocht in einem der Zimmer auf einem kleinen Spirituskocher. Er hat einen Studienabschluss in Marketing. Etwa 10 000 Sim-Dollar im Monat verdient er. Zu wenig, um die Miete für die drei Räume aufbringen zu können, zumal der Vermieter keine Sim-Dollar mehr akzeptiert. 300 Südafrikanische Rand verlangt er für die Wohnung – oder drei Flaschen Öl und eine Seife. Farai hat seinen Bruder in Südafrika angerufen, der nur kurz rechnen musste: Öl und Seife wären billiger. Ohne die Hilfe seines Bruders wären Farai und seine Familie obdachlos.

Für Tafara ist die Situation noch schwieriger. Sie arbeitet als Krankenschwester in einem Spital. Die mit großer Verspätung eingetroffene Gehaltsabrechnung weist ihr staatliches Gehalt mit 5000 SimDollar aus – weniger als zehn Euro. Sie lebt wie die meisten städtischen Simbabwer in einem Township vor der Stadt – Überbleibsel des rhodesischen Apartheid-Regimes, unter dem nur die Hausangestellten der Weißen in der Stadt leben durften. Jede Fahrt mit dem Sammeltaxi in und aus der Stadt kostet 100 Sim-Dollar – ein unerschwinglicher Luxus. Sie läuft die fünf Kilometer jeden Morgen und jeden Abend zu Fuß. Nur ganz selten nimmt sie das Sammeltaxi für den Heimweg, wenn sie von der Arbeit einfach zu erschöpft ist.

Im Krankenhaus ist nur noch die Hälfte der Schwesternstellen besetzt. Tafara fürchtet das Heimweh und die Einsamkeit im Ausland, sonst wäre sie schon längst wie viele ihrer Kollegen weggegangen – nach Südafrika, in die USA oder nach Europa, wo Krankenschwestern gesucht werden. Jetzt aber überlegt sie: Der einzige Arzt des Krankenhauses will weg, er hat die Wahl zwischen Angeboten aus Botswana und England. Mit ihm hat Tafara gern zusammengearbeitet; mit ihm würde sie gehen, wenn sie auch eine Stelle bekäme.

Abseits der Städte, auf dem Lande, wo noch immer die Mehrzahl der Bevölkerung lebt, braucht man weniger Bargeld. Dennoch ist die Lage angespannt. In den letzten sieben Jahren gab es fünf Dürren. Diesmal fiel die Regenzeit dagegen so heftig aus, dass sie die Saat und die jungen Pflanzen verregnete. Die Katastrophe bahnt sich schleichend an. Viele haben in ihrer Verzweiflung ein zweites Mal gesät – ein hoffnungsloses Unterfangen nach dem Ende des Regens. Sie haben sich für neues Saatgut oft verschulden müssen. Die letzten Reste der diesjährigen Ernte, die bis zum Mai 2009 vorhalten sollte, werden langsam aufgebraucht. Für den Verkauf konnte kaum ein Kleinbauer etwas abzweigen – es sei denn, er war durch dringende Anschaffungen dazu gezwungen.

Seit zwei Wochen dürfen Hilfsorganisationen wieder auf dem Land Nahrungsmittel verteilen. Während des Wahlkampfs war es ihnen von der Regierung verboten worden, da sie als Wahlkampfhelfer für die Opposition und als Augen der internationalen Gemeinschaft angesehen wurden. Ein Akt, der mehr Menschenleben gekostet haben dürfte als die über 100 Toten der Wahlkampagnen, von denen das Ausland erfuhr.

Doch noch sind die Programme der Hilfsorganisationen wie auch das staatliche Ernährungsprogramm nur ein Tropfen auf den heißen Stein. In den ländlichen Krankenhäusern zeigen immer mehr Patienten Anzeichen von Unter- und Mangelernährung – auch die Krankenhäuser haben keine Mittel, eine ausgewogene Ernährung anzubieten. Außer Maisbrei gibt es nichts.

Misstrauen nach den vielen Gerüchten

Vielleicht ist es die schlechte Ernährung, die die Bevölkerung so lethargisch macht. »Wir leiden schon so lange, jetzt kann nur noch Gott uns helfen«, erklärt ernsthaft der Tankwart. Die Arbeit der frühen Missionare wurde von den Freikirchen erfolgreich weitergeführt. Aber auf wen soll man noch bauen, wenn weder die UNO noch die USA noch die Briten einmarschieren wollten, worauf einige tatsächlich hofften.

Am letzten Freitagmorgen (12. September) lächelte die Frau am Kiosk. Es gehe ihr fantastisch. Präsident Mugabe und Oppositionsführer Tsvangirai hätten sich geeinigt, habe sie gehört. Jetzt werde alles besser. Die Nachricht verbreitet sich indessen nur langsam. Vielleicht ist man vorsichtiger geworden nach den vielen Gerüchten über Wahlsiege, Einigungen und Geheimabkommen. Einige Leute sind euphorisch, doch die meisten bleiben realistisch. Man müsse die Details abwarten und es werde Zeit brauchen, hört man. Vorerst kostet ein Brot immer noch 450 Sim-Dollar. Aber vielleicht muss zumindest nicht mehr Gott eingreifen ...

* Aus: Neues Deutschland, 16. September 2008


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