Simbabwe: Es herrscht Ruhe im Land

Von Ruedi Küng, Simbabwe *

Hunger, Gewalt und die Cholera hatten das afrikanische Land bis vor kurzem fest im Griff. Nun ist in der Bevölkerung Simbabwes immerhin etwas Hoffnung zu spüren.


Auf dem Flughafen von Harare bewegt sich kaum etwas. Ein südafrikanisches Passagierflugzeug steht allein auf dem Flugfeld vor dem neuen Terminal. Unweit davon sind ein paar Kleinflugzeuge parkiert. Zwischen den grossen Hangars stehen drei Air-Zimbabwe-Flugzeuge mit grün-gelb-roter Heckruderbemalung und Fischadler, dem Wappentier Simbabwes. Mangels Flugbenzins fliegen sie immer seltener. Die British-Airways-Maschine, mit der wir gekommen sind, hält ein paar Dutzend Meter vom Flughafengebäude entfernt. Doch wie um den Schein der Geschäftigkeit zu wahren, fährt uns ein Bus zum Eingang. Befremdlich, dass British Airways als eine von wenigen Fluggesellschaften Harare noch anfliegt, wo Präsident Robert Mugabe doch in Schmähtiraden die frühere Kolonialmacht für alles Übel in Simbabwe verantwortlich macht.

Ungereimtes auch in der grossen Ankunftshalle, die trotz simbabwischem Winter kühl klimatisiert ist: Statt «Journalist» schreibe ich «Entwicklungsfachmann» in die entsprechende Rubrik des Einreiseformulars. Seit mehreren Jahren lehnen die simbabwischen Behörden Visaanträge westlicher JournalistInnen ab, auch meine. So bin ich für die Gelegenheit dankbar, die Geschäftsführerin und ein Vorstandsmitglied des Fonds für Entwicklung und Partnerschaft in Afrika (Fepa) begleiten zu können. Sie besuchen ihre Partnerorganisationen in Simbabwe und ermöglichen mir dabei Einblicke in die Befindlichkeit der SimbabwerInnen. Freie, offene journalistische Arbeit ist dies aber nicht. Die simbabwischen Berufskolleg­Innen arbeiten in noch schwierigerem Umfeld. Fast überall sind die Beamten der Central Intelligence Organisation (CIO), des Geheimdienstes, präsent. Mit Bügelfaltenhosen, Hemd und Jackett sind sie leicht zu erkennen. Sie verstehen keinen Spass und lachen nicht. Sie be­obachten alles genau, fragen alle aus, die ihnen verdächtig sind, und verhaften immer wieder Oppositionsanhängerinnen, Journalisten, Menschenrechtsaktivistinnen und -anwälte.

Nur Propaganda

In diesem Klima eines Überwachungsstaates überraschen die Zeitungen, die auch regierungskritische Berichte veröffentlichen, etwa die Wochenzeitung «Standard» oder die auf rosafarbenem Papier gedruckte «Financial Gazette». Junge Männer bieten sie an den Strassenkreuzungen in Harare zusammen mit dem «Herald» an, dem Blatt der Regierungspartei Zanu-PF. Für die meisten Leute sind sie mit zwei US-Dollar pro Exemplar jedoch zu teuer, insbesondere jetzt, da es keine Landeswährung mehr gibt: Im April hat die Regierung den Zim-Dollar, die offizielle Währung Simbabwes, für ein Jahr suspendiert. Die einzige kritische Tageszeitung, die «Daily News», wurde vom Mugabe-Regime 2003 verboten, ihre Druckmaschinen wurden zerstört, die Redaktionsräume verwüstet. Websites wie zimbabwesituation.com oder zwnews.com haben die Informationsfunktion übernommen. Doch auch der Internetzugang ist für die Mehrheit der Leute zu teuer und wegen häufiger Strom­unterbrüche selbst in der Hauptstadt extrem unzuverlässig.

Wie wertvoll und gesucht verlässliche Informationen im Simbabwe des Robert Mugabe sind, erfahren wir bei einem Besuch in Macheke südlich von Harare. Nach Sonnenuntergang sitzen wir mit Jugendlichen, die sich zu einer der zahlreichen Selbsthilfeorganisationen zusammengetan haben, in ihrem kleinen Büro zusammengepfercht im Dunkeln. Stromausfall. Im Lichtschimmer von Handys erahnen wir die Gesichter unserer Gegenüber.

Was sie uns zu sagen haben, erscheint in der Dunkelheit noch einprägsamer. Etwa, dass ein richtiger Fussball für sie ein Segen wäre. Oder dass sie nur selten im Internet browsen können, weil es entweder keinen Strom gibt oder die Verbindung zu langsam ist. Dann holt ein Jugendlicher aus dem Regal ein paar Zeitungen hervor und lässt den Lichtschein seines Handys darauf fallen. Dank eines Gönners könnten sie diese Zeitungen abonnieren. Die Post liefere sie recht zuverlässig. Die Exemplare in seiner Hand hätten sie vor zwei Tagen erhalten und bereits gemeinsam gelesen, sagt er. Über einzelne Artikel hätten sie auch diskutiert. Im staatlichen Radio und Fernsehen - den einzigen ihnen sonst zugänglichen Medien - bekomme man nur Propaganda.

Die Jugendlichen haben noch mehr zu sagen. Weil die Schulen lange geschlossen waren und viele Lehrer ohne Lohn nicht arbeiten wollen, konnten sie lange nicht zur Schule gehen. Sie berichten über die Arbeitslosigkeit, die inzwischen fast alle betreffe. Auch reden sie davon, dass sie kein Geld haben, da es die Zim-Dollars nicht mehr gibt. Als sie diese fast wertlosen Scheine in Millionen-, Milliarden- und Billionenbeträgen mit sich herumgetragen hatten, habe es in den Läden kaum etwas zu kaufen gegeben. Jetzt seien die Regale mit Waren gefüllt, aber sie hätten kein Geld, das heisst weder US-Dollar noch südafrikanische Rand oder Botswana-Pula, mit denen man heute in Simbabwe zu zahlen hat.

Kein Vertrauen

Mit leiser Stimme, die nicht zu ihrer Erscheinung passen will, stellt im mittlerweile zurückgekehrten Licht eine grosse junge Frau im weissen Trainingsanzug fest, dass Vertrauensbildung in Simbabwe ein Problem ist. Meine Reisegefährtinnen flüstern mir ein, dass sie nicht von Politik spricht, sondern vom mangelnden Selbstvertrauen der Frauen. Diese hätten im Kreise ihrer männlichen Kollegen noch immer Mühe, sich den Männern gegenüber als gleichwertig zu sehen und ihre Anliegen und Inter­essen ohne Scheu vorzubringen.

Vertrauensbildung - da mag man in Simbabwe zuerst an Morgan Tsvangirai und Robert Mugabe denken, die seit Februar gemeinsam in einer Einheitsregierung tätig sein sollten. Wie aber kann sich nach den Ereignissen der vergangenen anderthalb Jahre Vertrauen bilden? Tsvangirai muss mit dem Mann zusammenarbeiten, der ihn zusammenschlagen liess und der unzählige Mitarbeiter und Anhänger seiner Partei Bewegung für demokratischen Wandel (MDC) prügeln, foltern und töten liess. Tsvangirai muss in Mugabe den Mann als Präsidenten anerkennen, den er im März 2008 an der Urne geschlagen hat, der diese Niederlage aber nicht akzeptierte und eine so brutale Gewalt- und Terrorkampagne zur Einschüchterung der Landbevölkerung entfachte, dass Tsvangirai sich zurückzog, um weiteres Blutvergiessen zu verhindern, und Mugabe sich in einer Stichwahlfarce im Juni als Präsident bestätigen lassen konnte.

Die Ereignisse dieser Zeit sind den betroffenen DorfbewohnerInnen auch ein Jahr nach den Wahlen gegenwärtig. Tsvangirai und seine MitarbeiterInnen müssen mit Mugabe und seinen Leuten zusammenwirken, auch wenn diese keinen Hehl daraus machen, dass sie die Entscheidungsmacht für sich behalten. Die Kräfteverhältnisse zwischen den AnhängerInnen der beiden Parteien sind schon in der körperlichen Erscheinung sichtbar, wenn die bulligen, durch jahrelange Privilegien verwöhnten VertreterInnen der Regierung neben den schmächtigen, durch entbehrungsreichen Kampf gezeichneten MDC-Abgeordneten stehen. Viele MDC-Leute haben weder das ihnen zustehende Fahrzeug noch ein Büro erhalten, um ihren Aufgaben nachzukommen. Ein MDC-Parlamentarier in Chipinge erzählt uns, die Zanu-PF-Kollegin seines Distrikts fahre auf dem Weg nach Harare jeweils in ihrem Auto an ihm vorbei, wenn er auf den Bus warte. Mitnehmen würde sie ihn aber nie.

Doch Morgan Tsvangirai hört nicht auf, gegenüber westlichen Regierungen, die er um Unterstützung für Simbabwe ersucht, von der Konsolidierung der Einheitsregierung zu sprechen. Mugabe und er hätten das Stadium von Gift und Geifer überwunden. So spricht er auch zu seinen AnhängerInnen im übervollen Stadion der Stadt Masvingo, wo er, immerhin Regierungschef, ohne Polizeischutz auftreten muss, weil ihm ein solcher verweigert wird. Allerdings gesteht Tsvangirai ein, dass die Polizei noch immer Menschenrechts- und MDC-AktivistInnen festnimmt, obwohl das für die Polizei zuständige Innenministerium von MDC und Zanu-PF gemeinsam geleitet wird. Dass die MDC weder über die Polizei noch über das Militär oder die Gefängnisverwaltung Macht hat, sagt Morgan Tsvangirai nicht. Die Chefs dieser drei Institutionen sitzen zusammen mit Mugabe im Joint Operation Command (JOC), dem wahren Machtzentrum im heutigen Simbabwe.

Trügerische Ruhe

Fragt sich, weshalb Tsvangirai und seine Mitarbeiter diesen Machtbetrug hinnehmen und sich trotzdem beharrlich für die Besserung der prekären Lage in ihrem Land einsetzen. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Tsvangirai liest die Stimmung in der Bevölkerung richtig. Sie schätzt nach all der Gewalt, dem Hunger und der Cholera die gegenwärtige Ruhe und hofft, dass das Schlimmste überstanden ist und es nun besser wird. Etwa weil sich die Choleraepidemie, an der 100 000 Menschen erkrankt und 4200 gestorben sind, dank internationalen Einsatzes abgeschwächt hat.

Doch die Ruhe im Land ist trügerisch. Mugabes Schergen verhaften weiterhin Missliebige und vertreiben in Chegutu, Chiredzi, Chipinge und anderswo die letzten verbliebenen weissen Farmer - etwa hundert an der Zahl - von ihren Grundstücken. Und noch vor wenigen Monaten führte die Armee in Chiadzua im Osten Simbabwes einen Vernichtungsschlag mit Bomben und Granaten gegen die Massen von DiamantsucherInnen, die in ihrer Not die 2006 entdeckten Steine mit den Händen schürften. Niemand kennt die genaue Zahl der Getöteten, sie geht in die Hunderte. Heute kontrolliert die Armee im Auftrag des JOC die Diamantenförderung in Chiadzua und schafft die wertvollen Steine in die Demokratische Republik Kongo, um sie dort illegal zu verkaufen. Mit dem Gewinn finanzieren Mugabe und seine AnhängerInnen ihr Herrschaftsprojekt.

Jede noch so geringe Verbesserung ihrer Lebensumstände rechnen die Menschen Tsvangirai und der MDC an, sagen uns SimbabwerInnen. Und jeder noch so kleine Schritt zur Umsetzung des Globalen Politischen Abkommens zwischen Zanu-PF und MDC, dem vertraglichen Fundament der Einheitsregierung vom September 2008, bringe Simbabwe der Demokratie näher. Auch wenn sich dies in kleinsten Einheiten misst, halten die SimbabwerInnen ihre Hoffnung aufrecht.

Simbabwe - von der Unabhängigkeit bis heute

18. April 1980: Das in Simbabwe umbenannte Rhodesien erlangt seine Unabhängigkeit von Britannien. Der heutige Präsident Robert Mugabe gelangt an die Macht.

2000: Mugabes Landumverteilung zugunsten der schwarzen Bevölkerung führt zu einem Exodus weisser LandwirtInnen. Hyperinflation und die Vernichtung vieler Arbeitsplätze in der Landwirtschaft sind die Folge. In den nachfolgenden Jahren hält sich Mugabe durch manipulierte Wahlen an der Macht.

März 2008: Bei den Parlamentswahlen gewinnt die Opposition einen beträchtlichen Teil der Sitze. Mugabes Herausforderer Morgan Tsvangirai vom Movement for Democratic Change (MDC) gewinnt die Präsidentschaftswahl; Mugabe akzeptiert das Wahlergebnis jedoch nicht und geht mit Gewalt gegen die Opposition vor. Ende Jahr wird das Land von einer Choleraepidemie heimgesucht.

Februar 2009: Regierung und Opposition einigen sich nach monatelangen Verhandlungen darauf, dass Mugabe Präsident bleiben kann, während Tsvangirai das neu geschaffene Amt des Premierministers übernimmt.
Michael Frey



* Aus: Schweizer Wochenzeitung WOZ, 18. Juni 2009


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