"Die Landreformen in Simbabwe sind nach wie vor populär"

Agrarwissenschaftler Sam Moyo über die umstrittene Agrarpolitik von Robert Mugabe

Sam Moyo ist Direktor des African Institute for Agrarian Studies in Harare und Präsident des afrikanischen Forschungsverbundes CODESRIA. Über die Folgen der Landenteignungen in Simbabwe unter Präsident Robert Mugabe sprach mit ihm für ND ("Neues Deutschland") Ruben Eberlein.



Simbabwes Wirtschaft befindet sich in einem zerrütteten Zustand. Ist das primär eine Folge der sogenannten »Fast Track«-Landreform in den letzten Jahren?

Nein. Der ökonomische Niedergang begann schon einige Jahre früher. Während der Dürreperioden 2001/2003 schrumpfte die Wirtschaft bereits, dann folgten die Landreform und die Verschärfung der internationalen Sanktionen. Neben den Dürren und den Landtransfers hat die Zurückbehaltung von internationalen Darlehen, von Hilfe und von Handelskrediten die größte Rolle gespielt. Dadurch brach die Finanzierung für die Landwirtschaft, für Infrastruktur, für Treib- und Rohstoff-importe ein. Das hatte seine Auswirkungen auf die industrielle Produktion und die notwendigen Investitionen in die Farmwirtschaft. Das ist auch heute das zentrale Hemmnis für den Agrarsektor.

Reagierte die Regierung angemessen?

Bestimmte Strategien wie Preis- und Wechselkurskontrollen sowie das exzessive Drucken von Geld befeuerten die Inflation, die sich 2005 zu einer Hyperinflation auswuchs. Das führte zu weiteren Produktionseinbrüchen zu einer Zeit, als die Sanktionen ausgeweitet wurden. Wir haben es mit einem komplexen Zusammenfall von Faktoren zu tun, bei dem auch der Kapitalabzug eine Rolle spielt.

Der bekannte Politikwissenschaftler Mahmood Mamdani nannte die Landreformen kürzlich eine »demokratische Revolution«, nicht in politischer, aber in sozialer und ökonomischer Hinsicht. Sind Sie seiner Meinung?

Ja, ich teile diese Einschätzung. In Bezug auf die Rassen- und Klassenverhältnisse resultierten die Umverteilungen in einem inklusiveren und somit demokratischeren Landbesitz. Die Reformen eröffnen bessere Möglichkeiten für die ärmeren Schwarzen und für Angehörige der Mittelklasse, an der Wirtschaft teilzuhaben. Sie schaffen eine Basis für eine sozialere Nutzung des Landes, weil vorwiegend Nahrung für den heimischen Markt produziert wird. Die Potenziale sind da, wenn die notwendigen Investitionen mobilisiert werden können. Alles in allem könnte dies zu einer gleichmäßigeren Verteilung der Einkommen und einem weniger verschwenderischen Konsum führen.

Wie bewerten Sie die politischen Konsequenzen der Umverteilungen?

Sie lösten die historischen Missstände in gewissem Maße auf und begrenzten die ungleichen Machtbeziehungen, die auf Rassen- und Klassenprivilegien beruhen. Allerdings müssen wir die negativen Folgen der Gewalt, zu der es während der Transfers kam, zur Kenntnis nehmen. Außerdem steht eine angemessene Kompensation für die meisten früheren Landbesitzer noch aus. Da wird hoffentlich Großbritannien seiner kolonialen Verantwortung gerecht. Die Abkommen, Hilfen und Reformen der Vergangenheit haben dieses Problem nicht gelöst.

Im Westen ist die Meinung weit verbreitet, das beste Land sei in den Händen der simbabwischen Elite gelandet. Trifft das zu?

Die Eliten bekamen einiges Land, und manche von ihnen gute Flächen. Aber im Verhältnis – wir sprechen hier von insgesamt 150 000 Haushalten – scheint dieses Problem übertrieben dargestellt zu werden. Unsere Studien zeigen, dass 135 000 ärmere Haushalte profitierten. 10 000 von den verbleibenden 15 000 Haushalten gehören der unteren Mittelschicht an, und nur ungefähr 3000 sind tatsächlich Eliten. Andere kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Wie stark ist heute die Unterstützung für die Landreformen in der Bevölkerung?

Generell sind sie nach wie vor populär, auch unter denen, die in den letzten Wahlen gegen die ZANU gestimmt haben. Der wichtigste Punkt für die Menschen ist jetzt vor allem, Zugang zu Nahrungsmitteln zu erschwinglichen Preisen zu bekommen und die Wirtschaft, besonders die Farmwirtschaft, wieder in Gang zu bringen.

Was muss die Regierung Simbabwes dafür tun?

Zunächst müssen mehr öffentliche Gelder für die Subventionierung der Kleinbauern zur Verfügung gestellt werden, damit sie verbessertes Saatgut für Mais, anderes Getreide, Erdnüsse und Baumwolle sowie Düngemittel kaufen können. Zweitens sollte die Vermarktung von Getreide, besonders Mais, freigegeben werden. Dadurch würden die Kleinbauern bessere Erträge auf den lokalen Märkten und die Baumwollproduzenten auf den internationalen Märkten erzielen. Die öffentliche Vermarktung sollte derart gestärkt werden, dass die Kleinbauern mit den zügellos wuchernden privaten Händlern mithalten können, vor allem auf abgelegenen kleinen Märkten. Die sozialen Ausgaben der kleinen ländlichen Erzeuger, vor allem für Gesundheit und Bildung, müssen subventioniert werden. Zudem besteht Bedarf an günstigen Krediten und besseren Agrarinformationen. Für die Städte sind für einige Jahre Nahrungsmittelsubventionen nötig, um die Nachfrage nach den Produkten der Kleinbauern zu stärken.

Was sollte die Gebergemeinschaft in Bezug auf die Landwirtschaft in Simbabwe unternehmen?

Die Geber müssen ihre Haltung grundsätzlich ändern. Bisher sagt die EU, dass sie keine Hilfe für die Nahrungsmittelproduktion in den neu besiedelten Gebieten leisten wird. Das muss sich ändern. Die Geber sollten nicht ausschließlich auf Nothilfe abstellen, sondern auch umfangreiche Unterstützung für Investitionen leisten. Die Capacity Building-Initiativen des Staates sollten von ihnen nicht gemieden werden. Sie und die Regierung Simbabwes müssen die Kleinbauern, die Nahrungsmittel erzeugen, gegenüber den Exporteuren und Großfarmern bei der Zuteilung ihrer Ressourcen vorziehen.

* Aus: Neues Deutschland, 17. März 2009


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