Morgan Tsvangirai

Ein Porträt des Oppositionspolitikers (MDC)

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte am 27. Juni 2000 ein Profil des Oppositionspolitikers Morgan Tsvangari, das wir im Folgenden dokumentieren. Autor ist der Afrika-Experte Michael Bitala.

Morgan Tsvangirai Mutiger Oppositionsführer in Simbabwe

Eigentlich ist es ein Wunder, dass Morgan Tsvangirai noch lebt. Er hat sich mit dem Präsidenten von Simbabwe angelegt. Mit Robert Mugabe. Der sagt über sich selbst: "Ist es denn meine Schuld, dass ich zu groß für andere bin? Soll ich Gott den Allmächtigen bitten, mich ein bisschen kleiner zu machen?" Ein Hierarch aus der Regierungspartei bezeichnete den Staatschef einmal als "den zweiten Sohn Gottes". So überrascht es nicht, dass im Verständnis Mugabes jeder Widerspruch als Gotteslästerung gilt, die zu bestrafen ist. Im Vorfeld der Parlamentswahl vom Wochenende hatte der greise Diktator seine Schläger auf die Farmen weißer Simbabwer geschickt. Mindestens 30 Oppositionelle sind seit Februar getötet worden, darunter auch Tsvangirais Fahrer und ein Politiker aus seiner "Bewegung für den demokratischen Wandel" (MDC). Die Mörder stoppten das Auto, schütteten Benzin ins Fahrzeug und zündeten es an.

Doch Tsvangirai lässt sich nicht einschüchtern, auch wenn er selbst vor zwei Jahren von mehreren Männern schwer verletzt wurde. Zu lange schon kämpft er gegen das Regime Mugabes, das von Korruption, Misswirtschaft und Absolutismus geprägt ist. 48 Jahre ist er alt, und schon 1992, als einflussreicher Gewerkschaftsboss, hat er dem Präsidenten nahe gelegt zurückzutreten, ehe auch noch der letzte Rest an Ansehen verspielt ist. Zwar konnte Tsvangirai die Regierung nie ernsthaft gefährden, aber immerhin gelang es immer wieder, geplante Steuererhöhungen durch Generalstreiks zu verhindern. Ein anderes Mal organisierte Tsvangirai erfolgreich Massenproteste gegen eine Steuer, die die Renten für Kriegsveteranen finanzieren sollte. Für diejenigen also, die mit Mugabe bis 1980 für die Unabhängigkeit des ehemaligen Rhodesien gekämpft haben.

Den bislang größten Erfolg aber feierten Tsvangirai und seine erst vor neun Monaten gegründete Oppositionspartei MDC Anfang des Jahres, als der Präsident ein Referendum verlor. Dieses sah unter anderem die entschädigungslose Enteignung weißer Farmer vor. Es war die erste Niederlage Mugabes seit 20 Jahren. Seitdem ist Tsvangirai der große Herausforderer. Wann immer der kugelrunde Mann spricht - er zeigt sich klug, pragmatisch und mutig. Er ist beliebt, nicht zuletzt deshalb, weil er sich volksnah gibt und im Wahlkampf viele Nächte auf dem Land verbracht hat, bei den kleinen Farmern, in Lehmhütten ohne Strom und fließendes Wasser.

Tsvangirai kennt die Armut. Als Sohn eines Fliesenlegers wuchs er auf dem Land auf. Erst arbeitete er in einer Textilfabrik, dann in einer Nickelmine. Damals begann sein Aufstieg in der Gewerkschaft. Heute verkörpert er die Mittelschicht. Menschen, die gebildet und weltoffen sind und ohne Job dastehen, weil Mugabes Partei das Land seit Jahren plündert. Die Ergebnisse der Parlamentswahl vom Wochenende sind zwar noch nicht bekannt, aber es wird zum ersten Mal eine starke Opposition geben. Nur eine Frage ist noch offen, die selbst Freunde Tsvangirais nicht beantworten können: Könnte einer wie er, der die Oppositionsrolle perfekt beherrscht, auch ein Land regieren?
Michael Bitala

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