Protektorat Kosovo

Von Eckart Spoo *

Dieser Tage hörte ich aus dem spitzen Mund der ZDF-Moderatorin Marietta Slomka – sie sprach vom Gegeneinander kleiner Gewerkschaften bei der Deutschen Bahn AG – das Wort »Balkanisierung«. Ob wohl auch andere Zuschauer darüber erschraken wie ich? Es ist ein altes Wort gehässiger Propagandasprache. Herrenmenschen-Deutsch – was nicht jedem, der es benutzt, bewusst sein muss. Es unterstellt den Völkern auf dem Balkan, sie (»die da unten«) seien unfähig, friedlich zusammenzuleben; wir müssten eingreifen. In diesem Moment erinnerte ich mich an den Fernsehsender in Novi Sad, der für seine Verdienste um das friedliche Zusammenleben etlicher ethnischer Gruppen in seinem Sendegebiet mit einem europäischen Medienpreis geehrt worden war, bevor ihn – fast zehn Jahre ist es jetzt her – die NATO zerbombte.

Es war ursprünglich nicht europäische, sondern vor allem deutsche Politik, Jugoslawien in kleine handliche Teile zu zerlegen – nicht nur im zweiten Weltkrieg. 1991 drückte es der zeitweilige bundesdeutsche Verteidigungsminister Rupert Scholz vor hohen Bundeswehroffizieren schlicht so aus: »Wir« seien jetzt »damit befasst, noch die Folgen des ersten Weltkrieges zu bewältigen ... Jugoslawien ist als eine Folge des ersten Weltkrieges eine sehr künstliche, mit dem Selbstbestimmungsrecht nie vereinbar gewesene Konstruktion.« Trotz beschwörender Warnungen von nahezu allen Seiten, namentlich vom damaligen UN-Generalsekretär Perez de Cuellar, erkannte die Bundesrepublik Deutschland sowohl Slowenien als auch Kroatien als unabhängige Staaten an – obwohl die Konsequenzen von vornherein klar waren: Vertreibungen, Landnahme, Bürgerkrieg, Zerstückelung der ganzen Bundesrepublik Jugoslawien. Es entstanden Ministaaten wie Montenegro mit kaum mehr als 600 000 Einwohnern – während sich Deutschland seiner wiedergewonnenen Einheit und wirtschaftlichen Stärke rühmte.

Vor einem Jahr, am 17. Februar 2008, erreichte die deutsche Außenpolitik auch das Ziel, das sie schon 1999 mit dem NATO-Bombenkrieg gegen Serbien angestrebt hatte: die Unabhängigkeit des mehrheitlich albanisch-islamisch bevölkerten Kosovo, die allerdings von den meisten Staaten der Welt, darunter allen islamischen, bis heute nicht anerkannt ist. Für das Tun und Lassen der dort stationierten Bundeswehr-Einheiten hat sich die deutsche Öffentlichkeit kaum je interessiert, auch nicht für den antiserbischen Pogrom 2004 in Prizren, der Hauptstadt der deutschen Besatzungszone. Ein deutscher Offizier dort, den ich darauf ansprach, erklärte zufrieden, Prizren und Umgebung seien nun »serbenfrei«. In anderen Teilen des Ländchens leben Serben hinter Stacheldraht, der sie vor Anschlägen und Vertreibung schützen soll.

Und was hat nun die albanische Mehrheit davon? Etwa die Hälfte ist arbeitslos. Die Trepca-Minen – Hauptreichtum des Landes – sind geteilt wie die Stadt Mitrovica. Investiert wurde in den vergangenen Jahren vor allem in die riesige US-Militärbasis Bondsteel. Die meisten Probleme des Landes sind ungelöst und können durch reichlich anwesende ausländische Protektoren ebenso wenig gelöst werden wie durch weitere »ethnische Säuberung«. Was die Menschen auf dem Balkan ebenso lebensnotwendig brauchen wie überall auf der Welt, ist Zusammenarbeit, ohne Einmischung von außen, vor allem ohne deutsche Einmischung – nach drei Angriffskriegen innerhalb eines Jahrhunderts.

* Aus: Neues Deutschland, 14. Februar 2009


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