Einen Moment Geschichte erleben

Hunderttausende in Kraków bei Beisetzung des Präsidentenpaars Polens

Von Julian Bartosz, Wroclaw *

Nach einer Messe in der Krakówer Marienkirche wurde der Sarkophag mit dem polnischen Präsidentenpaar am Sonntag (18. April) auf der Wawel-Burg der einstigen Hauptstadt Polens beigesetzt. In der Gruft der Wawel-Kathedrale fanden polnische Könige und Nationalhelden ihre letzte Ruhe. Am Mittwoch soll der 20. Juni als Termin der Präsidentenwahlen offiziell verkündet werden.

Krakow, die alte Königsstadt an der Weichsel, vom 11. bis zum 17. Jahrhundert Polens Hauptstadt, war am gestrigen Sonntag (18. April) Schauplatz eines Staatsaktes zu Ehren des Präsidentenpaars Lech und Maria Kaczynski, das, wie 94 andere Menschen an Bord einer Tupolew-154, beim Flugzeugabsturz am 10. April bei Smolensk in Russland tödlich verunglückte.

Höhepunkt der kirchlich-staatlichen Feierlichkeiten war die Beisetzung des Staatspräsidenten und seiner Gemahlin in der Königsgruft der Burgkathedrale auf dem Wawel. Bei Klängen der Zygmunt-Glocke fand sie im Beisein der engsten Familienmitglieder statt. In der Gruft soll demnächst eine Tafel mit den Namen aller Verunglückten eingemauert werden.

Der abgesperrte Burghof war Geistlichen, Mitgliedern der Staatsführung wie Sejmmarschall Bronislaw Komorowski, der nun als Staatsoberhaupt fungiert, Premier Donald Tusk und den offiziellen Gästen aus dem Ausland vorbehalten. Darunter befanden sich die Staatsoberhäupter Dmitri Medwedjew (Russland), Horst Köhler (Deutschland), Viktor Janukowitsch (Ukraine) und Ivan Gasparovic (Slowakei). Andere ursprünglich angesagte Trauergäste wie US-Präsident Barack Obama mussten wegen des gestörten Flugverkehrs auf ihre Teilnahme verzichten.

In Kraków waren 1,5 Millionen Menschen erwartet worden. Sie kamen in Bussen und Sonderzügen aus allen Landesteilen. Viele wollten wohl einen »Moment, in dem Geschichte vor sich geht«, miterleben. Allerdings erhielten außer den offiziellen Gästen nur wenige Zugang auf den »Rynek«-Platz.

Der Sarg mit der Leiche von Lech Kaczynski war mit einer Kopie der »Marschallflagge« des 1935 verstorbenen und in der Königsgruft beigesetzten Marschalls Józef Pilsudski, 1918 erster Regent des wiedergegründeten polnischen Staates, bedeckt. Zu Beginn der Totenmesse um 14 Uhr heulten im ganzen Lande Sirenen. Am Ende der Feier appellierte Komorowski an die Nation, das patriotische Werk von Lech Kaczynski fortzusetzen.

Danach begab sich der Trauerzug, vorbei am Denkmal für die Katyn-Opfer von 1940, auf den Wawel. Die Straßen Krakóws waren von Tausenden Menschen gesäumt, allerdings hinter Stahlgittern. Etwa 5000 Polizisten und Angehörige von Anti-Terror-Einheiten sorgten für die Einhaltung strengster Sicherheitsvorschriften.

Auf den »blonie«, den Wiesen an der Weichsel, konnten Hunderttausende von Menschen auf Großleinwänden die Feierlichkeiten mitverfolgen. So voll wie jetzt waren die Wiesen zuletzt nach dem Tod von Johannes Paul II. Die Trauerfeiern wurden von 18 Kanälen ausgestrahlt.

Am Vortag hatten sich auf dem Warschauer Pilsudski-Platz etwa 100 000 Menschen eingefunden, um den 94 weiteren »Toten von Smolensk« in einer Messe die letzte Ehre zu erweisen. Seit Dienstag waren an den Särgen des Präsidentenpaars im Palast an der Krakowskie Przedmiescie geschätzte 180 000 Menschen vorbeigezogen. »Staat und Volk sind eins« - hieß es dazu in allen Fernsehkommentaren. Seit seinem Tod wird Lech Kaczynski von seinen Anhängern als »größter polnischer Patriot« und »hervorragender Europäer« gepriesen, der in die Geschichtsbücher eingehen werde.

Mit dem heutigen Montag (19. April) ist die Trauer in Polen offiziell aufgehoben. Ob mit dem Aufstieg aus dem Jammertal ein »normales Leben« beginnen wird? Immerhin wird behauptet, dass »nichts mehr so sein wird, wie es war«. Am Mittwoch soll der 20. Juni als Termin für die Präsidentschaftswahl offiziell verkündet werden.

* Aus: Neues Deutschland, 19. April 2010


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