Geburtstagsfeiern im Untergrund

Philippinen: Die Neue Volksarmee beging am Wochenende den 45. Jahrestag ihrer Gründung

Von Rainer Werning *

Von Mißstimmung oder gar Trübsinn keine Spur. Dabei hatten die KP der Philippinen (CPP) und ihre Guerilla, die Neue Volksarmee (NPA), noch vor einer Woche einen herben Rückschlag hinnehmen müssen. Am 22. März waren mit Benito Tiamzon und seiner Frau Wilma Austria der CPP-Vorsitzende und NPA-Kommandeur sowie die Generalsekretärin der Partei festgenommen worden. Am vergangenen Donnerstag feierte Präsident Benigno Simeon Aquino III einen weiteren Erfolg, als er mit der vormals größten muslimischen Rebellengruppe, der Moro Islamischen Befreiungsfront (MILF), nach 17jährigen Verhandlungen einen Friedensvertrag unterzeichnete (siehe jW vom 27.3.). Dieser soll bis spätestens Frühjahr 2016 in die Tat umgesetzt werden. Dann endet die Amtszeit Aquinos, der dies gern als krönendes Meisterstück seiner Regierung gewertet wissen möchte.

Die vergangene Woche nutzten beide Seiten für propagandistische Spitzen. General Emmanuel Bautista, Stabschef der philippinischen Streitkräfte (AFP), legte den Einheiten der NPA nahe, ihre »Waffen endgültig zu strecken und sich friedvoll in das politische Leben einzugliedern«. Ihre Zeit, so der General, sei ohnehin abgelaufen; binnen fünf Jahren sei die NPA »erledigt«. Bautistas Triumphalismus, konterte der im niederländischen Utrecht im Exil lebende Gründungsvorsitzende der CPP, José Maria Sison, sei »militaristisches Wunschdenken«. Bereits der frühere Diktator Ferdi­nand E. Marcos, so Sison, habe vor seinem Sturz Ende Februar 1986 die CPP/NPA mehrfach für tot erklärt.

Tatsächlich sind die am 29. März 1969 im nördlich von Manila gelegenen Zentralluzon gegründete NPA und die drei Monate zuvor entstandene CPP die einzigen noch im insularen Südostasien operierenden revolutionären Organisationen. Sie halten am Konzept eines langwierigen Volkskrieges fest, um den ihrer Meinung nach notwendigen antifeudalen Kampf gegen Großgrundbesitzer und den antiimperialistischen Widerstand gegen die einstige Kolonialmacht USA mit dem Aufbau einer volksdemokratischen Republik zu verbinden. Minimalziel ist der landesweite Aufbau von Guerillafronten beziehungsweise -basen, in denen bereits Pachtabgaben gesenkt werden und die Geißel dörflicher Armut, Geldverleih zu Wucherzinsen, abgeschafft wird. Bis zum Marcos-Szurz war die NPA nach Einschätzung US-amerikanischer Militärexperten »die weltweit am schnellsten wachsende Guerillabewegung«.

Zu Beginn der 1990er Jahre entbrannte eine heftige parteiinterne Debatte über die Strategie und Taktik des politischen Kampfes. Optierte ein Teil der Genossen für den ausschließlich parlamentarischen Kampf, hielt ein weitaus größerer Teil am bewaffneten Kampf fest. Er sei legitim, solange kein grundlegender Wandel in Politik und Wirtschaft des Landes vollzogen sei. Diese viereinhalb Jahrzehnte währende Beständigkeit läßt die am 29. März veröffentlichte Sonderausgabe des Zentralorgans der Partei, Ang Bayan (Das Volk), Revue passieren. Bei dieser Gelegenheit ruft die CPP dazu auf, die Intitiative zu ergreifen, um »Offensiven zu verstärken« und »den Volkskrieg auszuweiten«.

Einer der Hauptkritikpunkte ist der aktuell gültige AFP-Aufstandsbekämpfungsplan »Oplan Bayanihan« (»Operationsplan Nachbarschaftshilfe«), mit dem Front gegen linke und fortschrittliche Kräfte gemacht wird. Bislang seien mindestens 170 Fälle von außergerichtlichen Hinrichtungen zu verzeichnen und über 400 politische Gefangene inhaftiert. Die Militarisierung werde fortschreiten, da Manila und Washington im Rahmen einer erweiterten Verteidigungskooperation der Entsendung zusätzlicher US-Truppen auf die Inseln zustimmen. Bis zum Staatsbesuch von Barack Obama Ende April soll dieses Abkommen unter Dach und Fach sein.

Die Partei, so heißt es in Ang Bayan weiter, habe gegenwärtig 150000 Mitglieder, deren Zahl mittelfristig auf 250000 ansteigen soll. Die NPA verfüge über etwa 10000 Schnellfeuerwaffen und agiere in 110 Guerillafronten in 71 von landesweit 80 Provinzen. Zwar befinde man sich noch im Stadium der strategischen Defensive. Doch in den letzten Monaten seien vor allem auf der südlichen Insel Mindanao, wo über 60 Prozent der Regierungssoldaten stationiert sind, wiederholt erfolgreich taktische Offensiven durchführt worden. Die Chancen stünden gut, so die abschließende Botschaft des Dokuments, die NPA-Stärke auf 25000 Mann und die Zahl der Guerrilafronten auf 200 zu erhöhen.

* Aus: junge welt, Montag, 31. März 2014

Eine sehr gute Übersicht

Auf der Website der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) befindet sich eine lesenswerte und informative Einführung in die Geschichte, Struktur und Politik der Philippinen (mit zahlrecihen AStatistiken, Karten, Übersichten und Bildern). Autoren: Mary Lou U. Hardillo und Dr. Rainer Werning. Letzterer ist mit zahlreichen Artkikeln auch auf dieser Website vertreten.
Hier der Link: Republika ng Pilipinas [externer Link]




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