Es sind harte Zeiten für Friedensflüsterer

Von Rainer Werning, Zamboanga City *

Im Süden der Philippinen herrschte zu Beginn des Jahres Aufbruchstimmung. Doch die lang erhoffte Verständigung zwischen der Regierung und der muslimischen Befreiungsfront MILF blieb aus.

Adventszeit, Weihnachtszeit. Aber auch eine Zeit der Besinnung? Von wegen! Während in der Schweiz die immer früher geöffneten Weihnachtsmärkte dafür sorgen, dass Besucherscharen Bratwurstzipfel mit einer Tasse Glühwein hinunterspülen, haben die Filipinos längst ihre eigene, tropische Variante des Jahresendes kultiviert. Dort, wo in Südost­asien die meisten KatholikInnen leben, beginnt die Weihnachtszeit bereits an Allerheiligen. Und seitdem werden dort die Menschen bis zur Besinnungslosigkeit mit der Stimme von US-Swinglegende Bing Crosby traktiert: «Dreaming of a White Christmas» wird da rasch zum Albtraum. Unmengen von Plastik und Wattebäuschen dekorieren die Innenstädte – Zamboanga City, im Südwesten des Archipels gelegen, ist da keine Ausnahme.

Die einst schmucke Hafenstadt war während der US-amerikanischen Kolonialzeit (1898–1946) eine Frontstadt im Kampf gegen die rebellischen Muslime, verächtlich «Moros» genannt. Später machten die philippinischen Streitkräfte (AFP) die Stadt zur Zentrale ihres Südkommandos SouthCom, um von dort den Kampf gegen die Islamische Befreiungsfront der Moros (MILF) und die Neue Volksarmee (NPA), die kommunistische Guerillabewegung, zu koordinieren.

Seit Ende der sechziger Jahre forderten bewaffnete Konflikte zwischen Regierungstruppen und muslimischen RebellInnen im Süden des Archipels (Mindanao, Basilan, Jolo) fast 150 000  Menschenleben. Hunderttau­sen­de wurden zu Flüchtlingen. Die MILF, die wichtigste Widerstandsorganisation der muslimischen Bevölkerung, kämpft dafür, das von ihr kontrollierte Territorium selbst verwalten zu dürfen. Seit vierzehn Jahren finden Verhandlungen zwischen AFP und MILF statt, um eine dauerhafte Lösung für den Konflikt zu finden.

Neuer Schwung?

In einem Fischrestaurant in der Nähe des prunkvollen Rathauses von Zamboanga City treffe ich Kim Elago. Er ist ein Freund aus den achtziger Jahren. Damals war er ein schlanker Mann mit vollem Haarschopf und recht zurückhaltend. In der Endphase der langjährigen Marcos-Diktatur, Mitte der achtziger Jahre, wurde er – quasi im Zeitraffer – politisiert und zu einem heissspornigen Aktivisten. Kontakte aus jenen Zeiten legten das Fundament für seine Karriere als Rechtsanwalt und Mitglied des Stadtrats von Zamboanga City. Seine Amtszeit endete Ende letzten Jahres, was ihm Zeit verschafft, sich mehr der Familie und den Freunden zu widmen. Mittlerweile hat Elago einige Pfunde zugelegt. Das Gesicht ist rundlicher geworden, den Kopf zieren nur noch wenige Haare. Erfreulich: Geblieben sind sein Frohsinn und seine ungebrochene Debattierlust. Mich interessiert vor allem, welche Chancen er für einen dauerhaften Frieden sieht.

«Nicht nur im Nahen Osten begann dieses Jahr politisch turbulent und verheissungsvoll», sagt Elago. «Auch hier begrüssten wir das Jahr 2011 mit neuen Friedensgesprächen. Der neue Präsident Benigno ‹Noynoy› Aquino entsandte seine Emissäre wieder regelmässig nach Kuala Lumpur (der Hauptstadt des Nachbarlandes Malaysia), wo die Regierung seit Jahren mit der MILF verhandelt.»

Elago berichtet von einem unerwarteten Treffen zwischen Präsident Aquino und dem Vorsitzenden der MILF Anfang August – mit überraschendem Ausgang: Dort habe die MILF ihre ursprüngliche Forderung nach Unabhängigkeit zugunsten eines Substaates aufgegeben (vgl. untenstehende Infobox: «Beidseitiger Imageverlust»). Mit Letzterem sei die Schaffung einer selbständigen muslimischen Re­gierung gemeint, die bis auf die Ressorts nationale Verteidigung, auswärtige Angelegenheiten, Währung und Postwesen alle anderen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Belange selbst regle. «Das war für uns alle ein Hoffnungsschimmer», sagt Elago.

Gewaltsamer Frieden

Was Kim Elago als Hoffnungsschimmer ausmachte, ist für Ahmed Dschaber, der seinen wirklichen Namen nicht nennen möchte, Anlass zu Besorgnis. Auch er ist ein Freund aus alten Tagen, der im Gegensatz zu Elago die besten Jahre seines Lebens im politischen Untergrund verbrachte und als Muslim in den Reihen der NPA kämpfte. Schon Mitte der achtziger Jahre sagte er: «Wir leben in einem gewaltsamen Frieden, der dem Zustand eines dauerhaften Krieges gleicht.» Daran habe sich nichts Wesentliches geändert, sagt Dschaber. «Wo stehen wir heute – nach all den Jahren sich hinschleppender, quälender Verhandlungen? Immer wieder wurde Frieden, zumindest ein Ende der Kampfhandlungen beschworen. Mit welchem Ergebnis?» Für den Skeptiker Dschaber bleibt in der Politik Manilas alles beim Alten, so häufig sich auch die Feinheiten ändern.

Verbittert verweist er auf das Ampatuan-Massaker vor zwei Jahren. Am 23. November 2009 wurden in der südphilippinischen Provinz Maguindanao 57 Menschen bestialisch ermordet, unter ihnen 32 Medienschaffende. Von einem weiteren Opfer fehlt bis heute jede Spur. Als Drahtzieher dieses Verbrechens werden Mitglieder des einflussreichen, einst mit Expräsidentin Gloria Macapagal-Arroyo (2001–2010) politisch eng liierten Ampatuan-Clans vermutet. Zwar sitzen einige Mitglieder dieses Clans in Haft, doch das Verfahren gegen sie droht durch tödliche Anschläge auf Zeugen (fünf wurden bereits ermordet), Bestechungsversuche, Einschüchterungen und fehlerhafte Ermittlungsarbeit buchstäblich zu versanden. Jüngst wurde der Anwalt eines Zeugen angeschossen, sein Haus unter Granatenbeschuss genommen. «Wie kann es sein», fragt Dschaber erbost, «dass die in dieser Sache ermittelnden Staatsanwälte bedroht werden, während die Familien der Opfer mit lächerlichen Gegenanklagen überzogen werden und die hochdotierten Anwälte der mutmasslichen Täter bis heute erfolgreich allerlei Verzögerungstaktiken anwenden?» Die Gesellschaft sei zutiefst gespalten, es herrschten Recht- und Straflosigkeit sowie Armut. Frieden bleibe ein Fremdwort.

Neue Generallinie?

Diese Sicht der Dinge teilt pikanterweise ebenfalls der ranghöchste Militär der Region, Raymundo B. Ferrer. Der sportliche Mittfünfziger mit Bürstenschnitt ist ein ebenso aufmerksamer Gastgeber wie beredter Gesprächspartner. In Interviews erlebte ich ihn meist in Zivilkleidung, wenngleich der Mann seit Mitte November 2010 als Dreisternegeneral zum neuen Chef des Western Mindanao Command (WestMinCom) aufstieg. Obwohl es um den Ruf der AFP nicht gut bestellt ist, geniesst Ferrer selbst ein hohes Ansehen.

«Luzon hat seinen Palparan, Mindanao aber einen Ferrer», scherzt der General und spielt auf seinen Offizierskollegen Jovito Palparan an. Dieser machte bis zu seiner Pensionierung im Herbst 2006 auf der nördlichen Hauptinsel Luzon, wo auch die Hauptstadt Manila liegt, polternd gegen alles mobil, was seiner Meinung nach «kommunistisch und subversiv» war. Gegen solche «Elemente» liess er seine Untergebenen in Feudalherrenmanier martialisch vorgehen, ohne Rücksicht auf Verluste.

«Ich bin nicht für einen kurzen Prozess», sagt General Ferrer. «Zunächst sollten stabile Strukturen geschaffen und Mechanismen gefunden werden. Wir müssen schrittweise die Wahrnehmung der Menschen verändern und daran mitwirken, verwundete Seelen zu heilen. Dies ist nötig, um lokale Friedensbündnisse und schliesslich die Koordination zwischen der Regierung und der MILF zu stärken.»

Wie das konkret aussieht, möchte ich von ihm wissen: «Das hängt von uns selbst ab. Ich sage den Soldaten immer wieder: ‹Überlegt mal, was tut ihr eigentlich, wenn euer Job auf einmal beendet ist? Habt ihr bereits Alternativen im Kopf?› Einige werden dann ziemlich nachdenklich.» Bei seiner Einführung als neuer WestMinCom-Chef hatte der General noch einen draufgesetzt: «Uns muss klar sein», unterstrich er während des Festakts, «dass Frieden nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern auch die Abwesenheit von Ungerechtigkeit bedeutet.»

Das sind ungewohnte Worte. In weiten Kreisen der Zivilgesellschaft Mindanaos aber stossen sie auf offene Ohren. Benedicto R. Bacani, von Haus aus Jurist und zeitweilig Leiter des in Cotabato City angesiedelten Institute for Autonomy and Governance, sagt: «Ferrer meint, was er sagt. Ich habe ihn persönlich auf mehreren Workshops und Seminaren erlebt, wo er ohne einen Anflug von Arroganz auftrat und Gegenargumenten aufmerksam zuhörte.» Selbst MitarbeiterInnen der Mindanao Peaceweavers (MPW), eines Zusammenschlusses von AktivistInnen und MitarbeiterInnen nichtstaatlicher Organisationen, die sich für eine friedliche Beilegung der Konflikte auf Mindanao engagieren, äussern sich lobend über den General.

Pech nur, dass ausgerechnet unter Ferrers Kommando allein Mitte Oktober 26 junge Soldaten bei Gefechten mit MILF-Einheiten starben. Bei Feuergefechten auf der Insel Basilan und im Süden Mindanaos mit Einheiten der MILF waren die meist unerfahrenen und mit dem Terrain nicht vertrauten AFP-Soldaten am 18. und 20. Oktober erschossen worden. Zwar behaupteten Regierungsstellen, die Soldaten seien heimtückisch exekutiert worden. Doch Ferrer sprach unumwunden von Koordinationsproblemen. Zumindest seien die Kampfhandlungen gegen die MILF nicht mit seinem Stab abgestimmt worden. Für die Befürworter­Innen des Status quo ein vorzüglicher Anlass, erneut die Kriegstrommeln zu rühren. Ein schwacher Trost nur, dass solche Geräusche zumindest bis zum Jahreswechsel von Bing Crosby und Co. übertönt werden.

Beidseitiger Imageverlust

Die philippinischen Streitkräfte (AFP) und die Islamische Befreiungsfront der Moros (MILF) streiten sich derzeit darum, wer für den Tod von 26 Soldaten im Süden des Landes im Oktober verantwortlich ist. Doch die Kontrahenten haben nicht nur miteinander zu kämpfen. Beide laborieren auch an schweren inneren Problemen.

In den letzten Monaten wurden wiederholt massive Korruptionsvorwürfe gegen hochrangige Militärs der AFP erhoben. Einer der Beschuldigten, der ehemalige Generalstabs­chef und Verteidigungsminister Angelo T. Reyes, soll mit einer Summe zwischen 630.000 und 1.040.000 Franken abgefunden worden sein. Anfang Februar beging er Selbstmord.

Auch die MILF hat hausgemachte Probleme. Als grösste muslimische Widerstands­bewegung auf den Philippinen kämpfte sie jahrelang für einen unabhängigen Staat. Von diesem Ziel rückte die Organisation nun ab, als ihr Vorsitzender Ebrahim Murad am 4. August in Tokio mit Präsident Aquino zusammentraf. Seitdem propagiert die MILF ihr laut Verfassung unmögliches Konzept eines Substaats.



* Aus: Schweizer Wochenzeitung WOZ, 8. Dezember 2011


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