Manila macht mobil

Weitere US-Truppen auf der südphilippinischen Insel Jolo sollen Rebellen bekämpfen

Von Rainer Werning

In scharfer Form kritisiert Hashim Salamat, Vorsitzender des Zentralkomitees der Moro Islamischen Befreiungsfront (MILF), der heute einflußreichsten muslimischen Widerstandsorganisation in den Südphilippinen, die aktuelle Politik von Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo. In einem vom 26. Februar datierten und jW zugeleiteten Schreiben des MILF-Vorsitzenden heißt es: »Noch ist ein Friedensprozeß zwischen der Moro Islamic Liberation Front und der Regierung der Republik der Philippinen (GRP) im Gange, in dem die Regierung Malaysias als dritte Partei vermittelt. Die Friedensverhandlungen sollten eine Abkehr von der Politik des totalen Krieges markieren, den die vorangegangene Estrada-Administration führte, den langandauernden Mindanao-Konflikt politisch beilegen sowie die Bedingungen für die Wiederaufnahme förmlicher Friedensgespräche schaffen.«

»Ursprünglich war vorgesehen«, so schreibt Hashim Salamat, »daß unmittelbar nach Eidul Adha (dem Höhepunkt der Pilgersaison) die Chefunterhändler beider Seiten, der MILF und der GRP, in Kuala Lumpur weiter verhandeln.« Dazu aber sei es leider nicht mehr gekommen, da Verteidigungsminister Angelo Reyes, beziehungsweise das Verteidigungsministerium (DOD) und die Streitkräfte (AFP), statt dessen seit dem 11. Februar eine Militäroffensive gegen MILF-Siedlungen entfesselten. Die gegenwärtige Militäroffensive, so Salamat, laufe nach demselben Muster ab wie diejenige im Sommer 2000, als der damalige Präsident Joseph Estrada den »totalen Krieg« gegen das Bangsamoro-Volk (die muslimische Bevölkerung in den Südphilippinen – R.W.) geführt habe. Der heutige Verteidigungsminister Reyes war damals Generalstabschef der AFP, und damals wie heute, so Salamat, scherte er sich wenig um einen Friedensprozeß.

Am Abend des 25. Februar sendete »Swara Mindanao« (Stimme Mindanaos), ein Nachtprogramm der Radiostation der University of Mindanao in Cotabato City, eine zuvor aufgezeichnete halbstündige Botschaft Salamats. Seine Rede begann der in Ägypten ausgebildete MILF-Vorsitzende mit den Worten: »Viele haben gefragt, wo ich sei. Ich bin hier, niemals würde ich Euch verlassen. Zehn lange Jahre habe ich im Exil verbracht – das reicht. Ich werde mit euch sein, solange ich lebe. (...) Trotz eines Waffenstillstandsabkommens und verschiedener Absprachen mit der Regierung hat diese unsere Mudschaheddin angegriffen - ein Akt der Respektlosigkeit und der Verletzung von Menschenrechten.« Salamat forderte sodann seine Gefolgsleute zum bewaffneten Widerstand auf und erinnerte gleichzeitig an die Geschehnisse in Osttimor vor drei Jahren: »Auch wir können unser Leben opfern, um Unabhängigkeit zu erlangen.« Sabotageakte gegen Einrichtungen der National Power Corporation haben mittlerweile in großen Teilen Mindanaos zum Stromausfall geführt. Davon unbeeindruckt hat Präsidentin Arroyo den USA gestattet – besser: sie eingeladen – frische Truppen in die Südphilippinen zu entsenden.

Seit die innere Panamakanalzone Ende Dezember 1999 der Souveränität Panamas unterstellt wurde und die 96jährige US-Oberhoheit über dieses Gebiet endete, fand damit auch ein düsteres Kapitel US-amerikanischer Counterinsurgency (Aufstandsbekämpfung) ein Ende. Denn bis Mitte der achtziger Jahre befand sich dort die berühmt-berüchtigte School of the Americas, an der eine illustre Schar lateinamerikanischer Despoten und auf Folterpraktiken spezialisierte Militärs ihren letzten Schliff erhielten. Zugleich bot die innere Panamakanal-zone ideale Bedingungen für »jungle warfare« – Counterinsurgency-Aktionen in tropischem Dschungelgelände.

Die südphilippinische Insel Jolo (wo die Abu Sayyaf mehrere Monate lang ausländische Geiseln festgehalten und erst nach Zahlung hoher Lösegelder freigelassen hatte) ist seit Ende der neunziger Jahre in Kreisen des Pentagon immer wieder als »Panama-Ersatz« ins Gespräch gebracht worden. Der Vorteil aus Sicht der Militärstrategen: Das Terrain ist Teil der einstigen und einzigen US-Kolonie in Südostasien; es erlaubt US-Truppen unter den Bedingungen des zwischen Washington und Manila ausgehandelten »Visiting Forces Agreement« eine Verweildauer in der Region auf unbestimmte Zeit; militärische »Befriedungen« richteten sich zumindest mittelbar gegen den organisierten Moro-Widerstand und – last but not least – ließen sich von Jolo aus die Entwicklungen im Nachbarland Indonesien viel zielgenauer verfolgen. Legitimiert wird der neuerliche und unbefristete Einsatz von etwa 3 000 GIs in der Region mit der angeblichen Verbindung von Abu Sayyaf zu der für die Bali-Bombardierungen Mitte Oktober 2002 verantwortlich gemachten Jemaah Islamiya.

Pikant ist an dieser Entwicklung, daß mit Jolo – 104 Jahre nach dem Beginn des amerikanisch-pilippinischen Krieges im Februar 1899 – ausgerechnet ein Gebiet unter US-amerikanischen Militärs wieder Begehrlichkeiten weckt, wo die damaligen Kolonialtruppen die größten Massaker an der Zivilbevölkerung verübt hatten und der Widerstand der dortigen Tausug am längsten – nämlich bis 1916 – währte. Generäle wie Leonard Wood und John Joseph »Black Jack« Pershing verdienten sich dort als »Moro-Schlächter« ihre militärischen Sporen. Während Ersterer nach gescheiterter Nominierung als republikanischer Präsidentschaftskandidat (1920) ein Jahr darauf Generalgouverneur der Philippinen wurde, avancierte Pershing, übrigens Namensgeber der Raketen im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses Anfang der achtziger Jahre, zum höchstdekorierten US-amerikanischen Offizier aller Zeiten.

Aus: junge Welt, 1. März 2003


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