Sommerschlussverkauf auf den Philippinen

Eine Meuterei und eine Flucht

Im Folgenden dokumentieren wir einen Beitrag aus der kritischen Schweizer Wochenzeitung WoZ.


Von Rainer Werning

«Window shopping» und Schlendern im klimatisierten Ambiente der ausladenden Kaufhäuser in Manilas Businessdistrikt Makati gehören zur Lieblingsbeschäftigung vieler Filipinos und Filipinas. Diejenigen, die Geld haben – und das sind in diesem Distrikt nicht wenige –, geben es mit vollen Händen aus. Und die Habenichtse geniessen in Makati kostenloses Durchatmen jenseits der tristen Slums und stinkigen Gossen, vor allem dann, wenn draussen Taifune Regen durch die Strassen peitschen.

Am vergangenen Sonntag änderte sich die Szenerie jedoch dramatisch. Ein schwerer Taifun hatte die Inseln gerade verlassen, als Putschgerüchten ein Machoauftritt meuternder Militärs folgte. Die sonntäglichen EinkaufsbummlerInnen, darunter auch die australische Botschafterin Ruth Pierce, staunten nicht schlecht, als 200 bis 300 Soldaten der philippinischen Streitkräfte sich plötzlich in der mondänen Glorietta-Shopping-Mall und in einem nahe gelegenen Hotel verschanzten und dort knapp zwanzig Stunden lang ausharrten. «Wir wollen nicht die Macht ergreifen. Wir wollen nur unsere Unzufriedenheit mit der Regierung und den Kommandostrukturen in den Streitkräften demonstrieren», erklärte ein Sprecher beschwichtigend.

Nur einen Steinwurf von der Glorietta-Shopping-Mall entfernt liegt das Intercontinental Hotel Manila, wo sich unter Präsidentin Corazon Aquino (1986–1992) ähnliche Szenen abgespielt hatten. Damals hatten Anhänger des gestürzten Diktators Ferdinand Marcos mehrfach Attacken gegen die neue Regierung gewagt. Es wurde scharf geschossen, mehrere dutzend Menschen starben. Letztlich war es der eigentlich starke Mann hinter Aquino, General Fidel Ramos, der mit US-amerikanischer Unterstützung für die neue Regierung die Kastanien aus dem Feuer holte.

Ramos war unter Marcos Chef der Philippine Constabulary, die sich heute Philippine National Police nennt. In letzter Minute wandte er sich von seinem langjährigen Chef ab und stellte sich auf die Seite Aquinos, der Hoffnungsträgerin eines demokratischen Neubeginns. Unter ihr diente er zunächst als Generalstabschef, dann als Verteidigungsminister. Zur Belohnung setzte sich die Präsidentin vehement für Ramos als ihren Nachfolger ein. Während seiner Amtszeit (1992– 1998) bürgte Ramos immerhin für die Einheit des Militärs. Unter seinen NachfolgerInnen aber, dem ehemaligen Schauspieler Joseph Estrada und der seit Januar 2001 amtierenden Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo, sind die philippinischen Sicherheitskräfte selbst zu einem Sicherheitsrisiko geworden. Statt Homogenität zeichnet sie politische Manipulierbarkeit aus. Das gilt erst recht in Zeiten des Vorwahlkampfs: Im Mai 2004 ist Präsidentschaftswahl. Was also war die Meuterei in Manila? Ein Putschversuch oder eine Politposse mit militärischer Besetzung? Für die Regierung war es sofort klar: Sie sprach von Verschwörung, einem versuchten Staatsstreich von Kriminellen. Doch die Art, wie die Meuterei in Szene gesetzt wurde, wirft nach wie vor Fragen auf. Daran teilgenommen haben in erster Linie einfache Soldaten, die höchsten Dienstgrade waren gerade mal Leutnants und Hauptleute. Das Gros der Soldaten wurde 1994/1995 an der philippinischen Militärakademie ausgebildet und danach in den unruhigen Süden des Landes verlegt. Dort, so verlas Hauptmann Gerardo Gambala öffentlich ein Statement der Meuterer, stünden hochrangige Generäle hinter mehreren Bombenanschlägen, die sie dann der für Unabhängigkeit eintretenden Moro Islamische Befreiungsfront in die Schuhe geschoben hätten, um zusätzliche US-Gelder für den «Kampf gegen den Terrorismus» zu erhalten. Ausserdem hätten Generäle mit den Entführern der Abu-Sajjaf-Gruppe auf der Insel Basilan im Süden der Philippinen nachweislich kooperiert – lukrativer Pfründe und regionalpolitischer Einflussnahme wegen, während die unteren Ränge der Armee für die «effektive Bekämpfung der Terroristen» gleichzeitig Kopf und Kragen riskierten. Schliesslich sei den Mannschaften der ohnehin karge Sold häufig verspätet ausgezahlt worden, und ihre Unterkünfte seien miserabel gewesen. Der Vorwurf, dass hohe Armeeangehörige mit der Abu-Sajjaf-Gruppe kooperierten, ist keineswegs neu. Er wird von mehreren ZeugInnen gestützt, die im Jahre 2001 vor Untersuchungsausschüssen des philippinischen Senats und des Abgeordnetenhauses aussagten. Geschehen ist in dieser Sache bis heute nichts.

Wer den Meuterern letztlich die Logistik und eine solche Plattform verschaffte, bleibt noch im Dunkeln. Brigadegeneral Victor Corpus, der Chef des Sicherheitsdienstes der Streitkräfte, behauptet etwa, Getreue des wegen Korruption noch immer im Gefängnis einsitzenden ehemaligen Präsidenten Joseph Estrada seien die Drahtzieher. Tatsache aber ist, dass die Meuterei von einem veritablen Desaster ablenkt und den Spitzen von Armee und Polizei sehr gelegen kommt: Am 14. Juli war nämlich dem indonesischen Staatsbürger Fathur Rohman al-Ghozi und seinen beiden Abu-Sajjaf-Komplizen die spektakuläre Flucht ausgerechnet aus dem Polizeihauptquartier geglückt. Al-Ghozi gilt in Manila und Washington als gefährlicher «Terrorist und Bombenleger», dem neben engen Kontakten zur Abu-Sajjaf-Gruppe auch Verbindungen zur in Südostasien operierenden panislamistischen Bewegung Dschemaa Islamija nachgesagt werden. Peinlich ist diese Affäre auch deshalb, weil Präsidentin Arroyo nicht nur die engste südostasiatische Verbündete der US-Regierung ist, sondern weil Washington ihr für den «entschlossenen Kampf gegen den Terror» erst kürzlich 360 Millionen US-Dollar an Militärhilfe in Aussicht stellte. Trotz massivem Einsatz US-amerikanischer SoldatInnen im Lande ist es der philippinischen Regierung aber nicht geglückt, den häufig vollmundig verkündeten, bislang aber ausgebliebenen «Endsieg» über die Abu Sajjaf zu vermelden. Die Regierung steht – besonders den Verbündeten in Washington gegenüber – unter grossem Erfolgsdruck. Da kommen gute Nachrichten wie diejenige einer vereitelten Meuterei der Regierung sehr gelegen.

Aus: WoZ, 31. Juli 2003


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