Böse Botschaften

Krieg im Süden der Philippinen – 26 tote Soldaten allein in vergangener Woche

Von Rainer Werning *

Der philippinische Präsident Benigno Aquino III ist sauer. Als gleichzeitiger Oberkommandierender der Streitkräfte seines Landes (AFP) mußte er sich Ende letzter Woche anläßlich von Kommandeurstreffen im Camp Aguinaldo, dem AFP-Hauptquartier, sowie am Hauptsitz der Nationalpolizei in Camp Crame böse Botschaften anhören, die ihm das Wochenende gründlich vermiesten. Die Treffen waren so gelegt, daß der Präsident nicht fürchten mußte, mit Medienvertretern konfrontiert zu werden.

So war es dem stellvertretenden AFP-Operationschef, Brigadegeneral Jose Mabanta, Jr., vorbehalten, die Hintergründe der tiefen Unzufriedenheit seines höchsten Vorgesetzten zu erhellen. Der Präsident, so Mabanta, zeige sich angesichts des Todes von 26 Soldaten binnen weniger Tage allein im Süden des Landes »zutiefst besorgt«. Bei Feuergefechten mit Einheiten der Moro-Islamischen Befreiungsfront (MILF) auf der Insel Basilan und im Süden der Hauptinsel Mindanao waren die meist unerfahrenen und mit dem Terrain nicht vertrauten AFP-Soldaten am 18. und 20. Oktober erschossen worden.

Zwar behaupten Regierungsstellen, die Soldaten seien heimtückisch exekutiert worden, doch der ranghöchste Soldat in der Konfliktregion selbst und Befehlshaber des Western Mindanao Command (Westmincom) in Zamboanga City, Generalleutnant Raymundo Ferrer, sprach ganz offen von Koordinationsproblemen. Zumindest seien die Kampfhandlungen gegen die MILF und erst recht Operationen zur Ergreifung des MILF-Kommandeurs Dan Laksaw Asnawi auf Basilan nicht mit ihm und seinem Stab abgestimmt worden.

Doch es sind nicht nur interne Kommunikations- und Koordinationsprobleme, die das Image der AFP beschädigen. In den vergangenen Monaten sind im Kongreß und Senat mehrfach massive Korruptionsvorwürfe gegen hochrangige Militärs erhoben worden. Einer der Beschuldigten, der ehemalige Generalstabschef Angelo T. Reyes, beging Anfang Februar dieses Jahres Selbstmord. Brigadegeneral Mabanta mußte denn auch am Wochenende unumwunden zugeben, daß »Demoralisierung die Ausübung der Pflichten behindert«.

In Cotabato City erklärte derweil der Sprecher der MILF, Von Al Haq, die Regierung solle erst einmal zusehen, daß sie die Fakten sammelt, bevor sie Anschuldigungen erhebt. »Fakt ist«, erklärte Al Haq am Wochenende, »daß Regierungstruppen in den vergangenen zwei Wochen mehrfach grundlos unsere Stellungen angegriffen haben. Natürlich können wir das nicht tatenlos hinnehmen.« Wenn Probleme auftauchen, sagte der MILF-Sprecher weiter, gelte es, sich zunächst an das von beiden Seiten geschaffene und akzeptierte Waffenstillstandskomitee zu wenden, um Spannungen abzubauen.

Die jüngsten Entwicklungen haben dazu geführt, daß erstmals öffentlich die Forderung nach einem Rücktritt des Präsidenten erhoben wurde. Innerhalb des Militärs brodelt es: Während Mannschaften und untere Offiziere den Tod ihrer Kameraden schnellstmöglich gerächt sehen wollen und einen »offenen Krieg gegen die MILF« befürworten, plädieren die oberen Militärränge und der Präsident – noch – für »Ruhe und Besonnenheit« und setzen weiterhin auf Verhandlungen mit der MILF.

Ebenfalls am Wochenende mußte der Sprecher der philippinischen Armee, Oberst Antonio Parlade, Jr., seinen Hut nehmen. Öffentlich hatte er vorgeschlagen, Waffenstillstandsvereinbarungen mit der MILF aufzukündigen, um so direkt Großoffensiven gegen deren Truppen zu eröffnen. Auch nach seiner Demissionierung bekräftigte Parlade seinen Standpunkt: »Ja, ich habe meinen Job gemacht. Und ich sagte, was ich für richtig halte.« Die unterschiedliche Bewertung der aktuellen Lage kennzeichnet auch die Stimmung im Kongreß und Senat.

In den Konfliktregionen selbst stehen die Zeichen auf Sturm. Dort befürwortet die Zivilgesellschaft zwar weiterhin uneingeschränkt den Dialog und setzt auf Deeskalierung der Auseinandersetzungen. Aber es mehren sich die Stimmen von nach Mindanao migrierten Siedlern und politischen Hardlinern, die am liebsten umgehend sämtliche Verhandlungen mit der MILF gekappt sähen und statt dessen lieber die Kriegstrommel schlagen würden. Schwere Zeiten für den Präsidenten

* Aus: junge Welt, 25. Oktober 2011


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