Der Untergrund grüßt

KP der Philippinen nutzte eine 18tägige Feuerpause im Kampf gegen Regierungstruppen zu ungewöhnlicher Veranstaltung zum 42. Gründungstag

Von Rainer Werning, Zamboanga City (Südphilippinen) *

Es war ein ungewöhnliches Bild, das sich einigen Dutzend eigens angereister ausländischer und philippinischer Journalisten bot. Da hatte kein Geringerer als Kommandeur Jorge Madlos alias Ka (Genosse) Oris auf einem Farmland in der südöstlichen Provinz Surigao del Sur zu einem Fest der besonderen Art eingeladen. Und an die 8000 Menschen kamen, um am zweiten Weihnachtstag den 42. Gründungstag der Kommunistischen Partei der Philippinen (CPP) mit Paraden der Guerillakämpfer der Neuen Volksarmee (NPA) und zahlreichen Kulturprogrammen feierlich zu begehen.

Der 62jährige Madlos fungiert auf der südphilippinischen Insel Mindanao als Sprecher der Nationalen Demokratischen Front (NDFP), eines im politischen Untergrund agierenden Bündnisses, dem insgesamt 17 Mitgliedsorganisationen angehören. Innerhalb der NDFP bildet die CPP die ideologisch und politisch bestimmende Kraft. Bis heute bekennt sie sich zum Marxismus-Leninismus und den Ideen Mao Tse Tungs, an dessen 75. Geburtstag, am 26.Dezember 1968, sie sich im Zentrum der Hauptinsel Luzon offiziell gründete. Vorrangiges Ziel der NDFP ist es, eine volksdemokratische Republik der Philippinen zu errichten.

»In all den über 30 Jahren, die ich als Guerillakämpfer im Untergrund verbrachte«, erklärte ein sichtlich vergnügter Madlos den anwesenden Journalisten, »habe ich niemals eine so große und überwältigende CPP-Geburtstagsfeier erlebt wie diesmal.« Einige philippinische Reporter waren vom Erscheinungsbild des lächelnden Kommandanten mit Ballonmütze mit roten Stern und Ziegenbärtchen dermaßen angetan, daß sie ihn – wie beispielsweise im Manila erscheinenden Philippine Daily Inquirer– zum »Poster-Boy des linken Untergrunds« kürten. »Sehen Sie, wie wichtig Sie sind und wie bedeutsam es ist, daß Sie heute unter uns weilen«, scherzte Madlos gegenüber Journalisten mit Verweis auf nur einen Kilometer vom Geschehen entfernt stationierte Soldaten der 4. Infanteriedivision der philippinischen Streitkräfte (AFP). Diese hatten Checkpoints errichtet, Nummernschilder von Autos registriert und mehrfach versucht, Besuchern die Teilnahme an den CPP-Festlichkeiten zu verwehren. Erst als mehrere Medienleute und Kamerateams auftauchten, ordnete der verantwortliche AFP-Kommandeur eine Lockerung der Kontrollen an und ließ die Menschen passieren.

Surreal mutete es an, als Ka Oris fast in Hörweite der AFP-Einheiten in seiner Rede die Errungenschaften der revolutionären Bewegung auflistete. Seine Kernpunkte: 2010 gelang es Einheiten der NPA allein in fünf Regionen Min­danaos, 250 taktische Offensiven durchzuführen und dabei 200 Schnellfeuerwaffen zu erbeuten. Drei neue Gueril­lafronten seien in der Region entstanden, so daß landesweit nunmehr annähernd 120 solcher Fronten in 69 der 80 Provinzen existierten. »Jede dieser Fronten«, so Ka Oris, »muß mindestens über eine Kompanie bewaffneter Kämpfer verfügen. Innerhalb der nächsten fünf Jahre beabsichtigen wir, mit den AFP gleichzuziehen und so eine strategische Pattsituation herzustellen.«

Harsch attackierte der NDPF-Sprecher die seit Ende Juni 2010 amtierende Regierung unter Präsident Benigno S. Aquino III dafür, die Aufstandsbekämpfungsstrategie gegen die fortschrittlichen und linken Kräfte im Lande von der ungeliebten Vorgängerin Gloria Macapagal-Arroyo übernommen zu haben. Was unter Arroyo als »Oplan Bantay Laya« (Operationsplan Freiheitswacht) firmierte, ist von Präsident Aquino jüngst in »Oplan Bayanihan« (Operationsplan Nachbarschaftshilfe) umbenannt worden. »Diese Strategie«, wetterte Ka Oris, »deodoriert die vorangegangenen Aufstandsbekämpfungsprogramme der faschistischen Regierungen. Sie beruht auf psychologischer Kriegführung, schaler Menschenrechtsrhetorik, Verteilung von Almosen und soll angeblich Frieden und Entwicklung auf Gemeindeebene stimulieren.« Oberstes Ziel der AFP-Führung aber sei es, die Menschen unter ihrer Kontrolle in »Bürgerwehren« zu organisieren, um sie gegen die NDFP-CPP-NPA aufzustacheln.

Die martialische Aufforderung, im kommenden Jahr den bewaffneten Kampf in der Region auszuweiten, verband der NDFP-Sprecher mit der frohen Botschaft, die bevorstehende Wiederaufnahme von Verhandlungen mit der Regierung für eine friedliche Beilegung des Konflikts zu nutzen. Tatsächlich hat sich Manila nach sechs Jahren bereiterklärt, vom 15. bis zum 21.Februar 2011 Friedensgespräche mit der NDFP unter der Vermittlung des norwegischen Außenministeriums in Oslo wieder aufzunehmen. Als vertrauensbildende Maßnahme im Vorfeld dieser Gespräche hatten sich beide Seiten auf eine 18tägige Feuerpause vom 16. Dezember bis zum 3. Januar 2011 verständigt. Und diese Zeit nutzte die bewaffnete Linke für ihre Botschaft offenbar publicityträchtiger als die AFP.

* Aus: junge Welt, 5. Januar 2011


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