Der lange Weg zum Frieden

Die philippinische Insel Mindanao ist mehrheitlich von Muslimen bewohnt. Ein Friedensprozess wird tatkräftig von zivilen Initiativen unterstützt

Von Sven Hansen*

Es piepst. Rigoberto Layson, den hier alle nur Father Bert nennen, sitzt im katholischen Pfarrhaus der Stadt Pikit und frühstückt. Der Priester schaut auf sein Handy, liest die SMS, die gerade hereingekommen ist und sagt: „Auf das Haus eines Muslimrebellen, der sich dem Militär ergeben hat, sind gestern Abend um zehn Uhr Granaten abgefeuert worden. Es gab sieben Verletzte.“ Als Täter würde eine Kidnappertruppe aus früheren Rebellen verdächtigt, die vom Militär angegriffen wurde und sich jetzt bei Verrätern rächen wolle.

Für Layson sind solche Nachrichten Alltag. Erfreulich ist für ihn, dass er heute Morgen zumindest keine Kurznachricht aus seinem Friedensnetzwerk über Kämpfe zwischen Militärs und den muslimischen Rebellengruppen MILF oder MNLF (siehe Kasten) bekommt. Pikit mit 67.000 Einwohnern liegt im Zentrum der Insel Mindanao, inmitten von Rebellengebieten der MILF und MNLF. Zwei Drittel der Bevölkerung sind hier Muslime, doch im gesamten Land stellen sie nur eine Minderheit von fünf Prozent.

Mindanao ist doppelt so groß wie Belgien und war über Jahrhunderte muslimisch. Die spanische Krone bekam die Region nie unter Kontrolle, genauso wenig die US-Amerikaner, die bei ihrer 1899 begonnenen Eroberung der überwiegend christlichen Philippinen im muslimischen Süden auf starken Widerstand stießen.

Der schmächtige Layson sieht aus wie ein verträumter Student. Er organisiert den gemeinsamen Widerstand von Christen und Muslimen gegen den Krieg. „Der Friedensprozess ist zu wichtig, um ihn allein der Regierung und MILF zu überlassen“, sagt er. Seit 2001 gibt es einen Waffenstillstand, der allerdings immer wieder gebrochen wird. Die Regierung verhandelt mit der MILF über ein Friedensabkommen.

„Bei den letzten großen Kämpfen 2003 hatten wir in Pikit 45.000 Flüchtlinge“, sagt der Priester. Mehrere hundert Muslime nahm er in seiner Kirche auf. „Meine Gemeinde war dagegen. Auch die Muslime hatten Vorbehalte, denn schließlich flohen sie vor dem christlich dominierten Militär und wollten nicht missioniert werden. Als sie uns sechs Monate später verließen, hatten sie Tränen in den Augen. Sie denken jetzt anders über Christen. Das wirkt sich auch auf ihre Familien und die Rebellen aus.“

Kurz nachdem Layson 1997 in Pikit ankam, brach der Krieg aus. Der Priester organisierte Dörfer für den Frieden und gründete mit Gleichgesinnten beider Religionen ein Netzwerk, das heute von Davao im Osten bis Jolo im Südwesten reicht.

Das muslimische Dorf Bagoinged, zwanzig Autominuten von Pikit entfernt, wurde zuletzt 2003 in Kriegshandlungen zwischen Armee und MILF hineingezogen. Die BewohnerInnen beschlossen daraufhin, den brüchigen Waffenstillstand selbst zu schützen. 13 Männer und 5 Frauen aus drei Dörfern gehören jetzt zum Netzwerk von „Bantay Ceasefire“ (Waffenstillstandswache). Sie sind beim Militär und der MILF akkreditiert und tragen entsprechende Ausweise. „Wir beobachten beide Kriegsparteien und melden Verstöße gegen den Waffenstillstand. Kommen Rebellen oder Soldaten in unsere Nähe, fordern wir sie auf, das Gebiet zu verlassen. Tun sie das nicht, warnen wir die Bevölkerung“, berichtet der Bauer Minandang Mamolindas.

„Seit wir im Juni 2004 begannen, gab es hier keine Verletzung des Waffenstillstands mehr“, stellt er zufrieden fest. Die einzigen Zwischenfälle entpuppten sich als Unfälle oder als Clanfehde.

Einige Kilometer weiter haben sich sieben Dörfer zu „Räumen des Friedens“ erklärt. Sie nennen es nicht „Friedenszonen“, weil sich entmilitarisierte Zonen nicht durchsetzen lassen. „Unser Gebiet ist für Rebellen und Militär von strategischer Bedeutung. Deshalb war es oft umkämpft“, sagt Dorfvorsteher Omar Ungi. 2002 sei die Bevölkerung vor Kämpfen geflohen und vier Monate nicht zurückgekehrt. „Wir reden jetzt auf die Konfliktparteien ein, wir sagen ihnen, dass es so nicht mehr weiter geht“, sagt der Mittfünfziger. Nach ersten Erfahrungen in einem Dorf sei das Konzept von den „Friedensräumen“ auf die sieben Dörfer erweitert worden. Die Verantwortung teilen sich die gewählten Dorfvorsteher, drei Christen und vier Muslime.

Eineinhalb Stunden Busfahrt westlich von Pikit liegt die Provinzhauptstadt Cotabato. Die 180.000-Einwohner-Stadt ist ruhig. Trotzdem nehmen Soldaten, wenn sie in Restaurants essen, ihre Schnellfeuergewehre mit. Cotabatos kriegerischste Orte sind derzeit die Internetcafés. Jugendliche aller Religionen schlagen hier mit ohrenbetäubenden Kriegsspielen die Zeit tot.

Hier liegt das Hauptquartier des Internationalen Monitoringteams. Es besteht aus 64 Soldaten aus Malaysia, Brunei und Libyen und wird von einem malaysischen General geführt. Früher unterstützte Malaysia die bewaffneten Separatisten, heute beherbergt es die Friedensgespräche mit der MILF. „Die Zahl bewaffneter Zwischenfälle geht zurück“, sagt der malaysische General. „Bantay Ceasefire“ sei sehr hilfreich. „Es sind meine Augen und Ohren.“ Im Rathaus ist man froh, dass Cotabato in letzter Zeit von Bombenanschlägen verschont blieb. Bürgermeister Muslimin Sema ist gleichzeitig Generalsekretär der MNLF. Diese älteste muslimische Rebellenorganisation schloss bereits 1996 ein Friedensabkommen. Es sollte die Autonomie der Muslime stärken, doch es enttäuschte viele. Die von der Regierung zugesagten Gelder seien nicht gekommen, klagt Sema.

Auch dürften die Muslime weiter nicht über die Rohstoffe ihrer Region verfügen. Die Menschen hier haben für die ökologischen Folgen von Bergbau und Abholzung zu zahlen, doch der Profit daraus gehe weiter nach Manila. Sema verdankt dem Friedensvertrag seinen Posten. Sein Amtszimmer ziert die Zeichnung eines mondänen Rathauses im islamischen Baustil, von dem Sema offensichtlich träumt.

Am Flughafen außerhalb der Stadt liegt das Hauptquartier der 6. Infanteriedivision. Generalmajor Rau Relano, der Kommandeur der Division, übt leichte Selbstkritik: „Früher haben wir bei Zwischenfällen sofort die MNLF oder MILF beschuldigt. Heute schauen wir genauer hin, ob deren Führung auch wirklich dahinter steckt.“ Immer wieder gefährdeten kriminelle Aktionen Bewaffneter und Überreaktionen des Militärs den Waffenstillstand. Der politische Konflikt auf Mindanao ist militärisch nicht lösbar, meint Relano. Die MILF wolle inzwischen Frieden, und auch die MNLF sei nicht mehr am Krieg interessiert. Sorge bereite ihm die terroristische Abu-Sayyaf: „Die warten darauf, dass sich die MILF nach einem Friedensabkommen spaltet und radikalere Kämpfer dann zu Abu-Sayyaf gehen.“

Auf den Kampf gegen Abu-Sayyaf ist Eduardo del Rosario spezialisiert. Der Oberst befehligt in Davao, der mit 1,4 Millionen Einwohnern größten Stadt Mindanaos, eine Antiterroreinheit aus 450 Soldaten und 1.170 Paramilitärs. Er hält Abu-Sayyaf für ein vorübergehendes Problem. Das wahre Problem seien die Kommunisten und ihre Neue Volksarmee (NPA). Denn die zielten auf die Macht in Manila. Die Gespräche mit der MILF sieht del Rosario pragmatisch: „Ein Feind weniger, um den wir uns kümmern müssen.“

Pfarrer Layson erwartet eine Zuspitzung der Konflikte unter Muslimen. „Die MNLF hat heute einige Machtpositionen. Die will sie nicht aufgeben, aber welche Posten soll die MILF nach einem Friedensvertrag dann noch übernehmen?“ Seiner Einschätzung nach gebe es keine Garantie, dass „Bantay Ceasefire“ und die „Räume des Friedens“ den Krieg wirklich aus den Dörfern heraushalten könnten. „Doch es ist wichtig, dass wir den Menschen überhaupt Alternativen aufzeigen. Hält der Waffenstillstand, wächst die Hoffnung.“

* Sven Hansen ist Asienredakteur der Berliner Tageszeitung "taz".

Aus: Südwind Magazin 05/2005, Seite 20



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