Mein eigenes Leid hat mich stark gemacht

Helen Damu Hakena – "weiblicher Häuptling" in Papua-Neuguinea

Von Neena Bhandari (IPS), Sydney *

Am Sonntag (31. Okt.) jährte sich zum zehnten Mal die Verabschiedung der Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrates »Frauen, Frieden und Sicherheit«. Motivation des Beschlusses war die allgemeine Beobachtung, dass weltweit etwa 90 Prozent der Friedensaktivitäten von Frauen getragen werden. Deshalb verlangt die Resolution die Einbeziehung von Frauen auf allen Ebenen in Friedensprozesse und ihren Schutz vor Gewalt. Die Umsetzungsbilanz nach zehn Jahren sieht indes mager aus. Dennoch gibt es Erfolgsmodelle in einzelnen Ländern.

Die weit über die Grenzen von Papua-Neuguinea und Ozeanien hinaus bekannte Helen Damu Hakena strahlt eine Heiterkeit aus, die darüber hinwegtäuschen mag, mit welch außergewöhnlicher Energie und innerer Stärke sie sich für Gerechtigkeit, Friedenssicherung, Menschen- und Frauenrechte sowie die UN-Resolution 1325 engagiert hat.

Die Krise zwang sie, den Beruf aufzugeben

Hakena wurde am 13. September 1955 als »weiblicher Häuptling« in dem Dorf Gogohe auf dem Eiland Buka nördlich der Insel Bougainville geboren, die zu Papua Neuguinea gehört. Ihre Eltern vermittelten ihr hohe Ideale, die sie dazu befähigen sollten, die Dorfgemeinschaft zu führen. Die christliche Morallehre hatten auf sie einen nachhaltigen Einfluss.

Ihr Vater war ein Lehrer, der an der katholischen Schule des Dorfes unterrichtete. Hakena besuchte erst die örtliche Grundschule und dann die höhere St. Mary's Schule. Nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin war sie von 1975 bis 1990 an mehreren Grundschulen in ihrer autonomen Heimatprovinz Bougainville tätig. »Andere Arbeitsmöglichkeiten gab es für Frauen damals nicht«, sagt Hakena. »Mit großer Freude konnte ich beobachten, wie sich die Kinder darauf vorbereiteten, auf die höhere Schule zu wechseln. Dann mündete der lange Kampf der Provinz Bougainville in einen Bürgerkrieg. 1990 folgte eine vollständige Blockade nach der Zerstörung der von Australien betriebenen Panguna-Kupfermine.«

Die Krise auf der Insel zwang Hakena dazu, den Lehrberuf aufzugeben. »Ich konnte keine Kinder mehr unterrichten, da ihre Eltern sie aus Sicherheitsgründen zu Hause behielten. Am 29. Mai 1990 brannte die ›Bougainville Revolutionary Army‹ (BRA) unser Haus im Dorf Ieta nieder. Einen Tag später ging das gesamte Dorf in Flammen auf.«

Eine Woche vorher waren bereits elf bewaffnete BRA-Rebellen in Hakenas Haus eingedrungen und hatten sie und ihre drei Kinder bedroht. Sie verlangten, ihren Mann zu sprechen. Hakena war damals im siebten Monat schwanger und litt an Malaria. »Ich war vor Schreck wie versteinert und hatte eine Frühgeburt. Meinen vierten Sohn brachte ich allein auf dem nackten Fußboden zur Welt, ohne ärztliche Hilfe.«

Hakena musste in der Zeit auch das Leiden anderer Mütter mit ansehen. »Die BRA und die Soldaten der Armee von Papua-Neuguinea vergewaltigten Frauen«, erinnert sie sich. Ihre eigenen schlimmen Erfahrungen waren Teil einer großen humanitären Krise. Die Erlebnisse prägten Hakena für ihr weiteres Leben. Sie begann, sich in der Friedensarbeit zu engagieren und nahm sich vor, das schwere Los von Frauen und Mädchen zu lindern.

»Mein eigenes Leid hat mich stark genug gemacht, um die Gesellschaft zu mobilisieren«, bekennt sie. 1992 gehörte sie zu den Gründerinnen der »Leitana Nehan Women's Development Agency« (LNWDA), die den sozialen Zusammenhalt in Bougainville stärken wollte. LNDWA leistete humanitäre Hilfe und stellte Familien auf Buka Kleidung und Medizin bereit. Während der Blockade der Insel schmuggelte die Organisation Arzneien ein.

Inzwischen ist Hakena auch im »Pacific Women Against Violence Network« und dem Internationalen Aktionsnetzwerk gegen Kleinwaffen aktiv. »Noch heute werden die Grundrechte von Frauen missachtet. Sie haben keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung«, berichtet sie. »Häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe sowie psychische Misshandlungen sind an der Tagesordnung.«

Hakena ist zudem besorgt über den Anstieg bei Vergewaltigungsfällen. »Deshalb führen wir Sensibilisierungskampagnen durch, berichten im Radio über solche Verbrechen und versuchen, bei den Justizbehörden Gerechtigkeit zu erlangen. Je besser die Frauen informiert sind, desto mehr Vergewaltigungen kommen an die Öffentlichkeit.«

Auch die Männer müssen mitmachen

Bereits früh hat Hakena begriffen, dass auch Männer in ihre Friedenskampagnen eingebunden werden müssen. »Mit speziellen Programmen haben wir jungen Rebellen dabei geholfen, die Waffen niederzulegen und in die Zivilgesellschaft zurückzukehren. Wir wollten ihnen zeigen, welche Folgen der Gebrauch von Kleinwaffen für Dorfgemeinschaften und Gewaltanwendung gegen Frauen in Konfliktzeiten haben.«

Hakena und ihre Mitstreiterinnen fordern Regierungen und nichtstaatliche Gruppen auf, Maßnahmen zum Umgang mit Kleinwaffen vorzulegen. »Mittlerweile arbeiten sogar überzeugte Guerilleros mit LNDWA zusammen und klären Dorfbewohner über Frauenrechte auf«, sagt sie. Mit Männern und Jungen würden maskuline Rollenmuster analysiert, um ihnen mehr Verantwortungsgefühl zu vermitteln.

Obwohl Bougainville eine weitgehend auf die Mutter als Kern der Familie bezogene Gesellschaft ist – Ausnahme sind Buin im Süden und die Nissan-Insel –, gibt es keine Garantien dafür, dass Frauen tatsächlich ein Mitspracherecht etwa bei der Nutzung von Land haben. »Kolonialismus und Krieg haben die traditionelle Führungsrolle von Frauen in den Familien und bei der Konfliktbewältigung ausgehöhlt«, erklärt Hakena. »Diese Position versuchen wir, nun wieder herzustellen.« Die Organisation will über lokale Autoritätspersonen erreichen, dass die Bevölkerung sich stärker für soziale Gerechtigkeit engagiert.

Bei der 4. Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking erfuhr Hakena, wie Frauen in anderen Ländern mit Konflikten umgehen. Im Jahr 2000 erhielt sie zugunsten von LNDWA den »International Millennium Peace Prize for Women«.

Die Frauen in Bougainville haben zwar maßgeblich dazu beigetragen, den Konflikt auf der Insel beizulegen. Dennoch fühlten sich viele von ihnen zunächst nicht richtig in den Friedensprozess integriert. Hakena brachte die Frauen in der ganzen Provinz dazu, sich öffentlich zu der neuen Verfassung und den Regelungen zum Umgang mit Kleinwaffen zu äußern. Daraufhin fanden Frauen auch bei hochrangigen Friedensgesprächen Gehör.

Das 2001 unterzeichnete Friedensabkommen bildete den Rahmen für die Wahlen, bei denen später eine unabhängige Regierung in Bougainville bestimmt wurde. »Wir haben uns mit Erfolg für einen größeren Frauenanteil in der Regierung eingesetzt«, erklärt Hakena. »Drei Frauen erhielten für sie reservierte Sitze in dem Parlament mit 44 Mitgliedern.«

»Die Resolution 1325 ist ein wichtiges Instrument, mit dem Regierungen dazu gebracht werden können, die menschlichen Bedürfnisse nach Sicherheit zu erfüllen«, sagt sie. »Dies ist in Postkonfliktsituationen wie bei uns relevant.« Aus der Sicht von Hakena ist die Resolution das »erste bahnbrechende rechtliche und politische Rahmenwerk, das die Rechte von Frauen auf Teilhabe an Friedensverhandlungen und Wiederaufbauprozessen anerkennt.« Zugleich kritisierte sie, dass bisher nur wenige der 193 UN-Mitgliedstaaten einen nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Resolution verabschiedet haben.

Die Mehrheit der Lehrer ist inzwischen weiblich

»Wir können den Kreislauf der Gewalt durchbrechen, indem wir Frauen in Machtpositionen aufsteigen lassen«, betont Hakena. »Frauen diskutieren jetzt mit Männern über Landstreitigkeiten und befassen sich als Richterinnen mit Fällen von häuslicher Gewalt. Auch die Mehrheit der Lehrer ist inzwischen weiblich.«

Unterstützung erhält Hakena nicht nur von ihren Mitarbeitern und dem Netzwerk von LNDWA-Beratern in 14 Distrikten von Bougainville. Auch ihre Familie hilft tatkräftig mit. Ehemann Kris produziert für die Organisation Radiosendungen, Tochter Bianca arbeitet als Programmdirektorin und Tochter Susanne ist als Journalistin tätig. Die vier Söhne sind in dem Familienunternehmen Copra beschäftigt. Dieser starke Rückhalt begleitet Hakena durch ihre anstrengenden Tage, die um fünf Uhr beginnen. Ihre Geduld ist nur dann erschöpft, wenn sie merkt, dass ihre Ratschläge nicht verstanden werden.

* Aus: Neues Deutschland, 1. November 2010


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