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Bodenschätze für Canberra

Osttimor drei Jahre nach der Unabhängigkeit: Die Vereinten Nationen ziehen ab. Australien kauft Öl- und Gasvorräte. Die sozialen Probleme bleiben

Von Thomas Berger*

In Dili, Hauptstadt von Timor-Leste (Osttimor), werden am heutigen Freitag die letzten UN-Vertreter verabschiedet. Am dritten Jahrestag der Unabhängigkeit brechen nun auch die Mitglieder eines Sondergerichtshofs der Vereinten Nationen ihre Zelte ab. Ende einer Übergangszeit. 36 Monate, nachdem die Osttimoresen offiziell ihren Schritt in die Eigenstaatlichkeit als jüngste Republik der Erde getan hatten, sollen sie nun endgültig aus der Vormundschaft entlassen werden.

Grundsätzlich scheint inzwischen ein funktionierendes Staatswesen entstanden zu sein, auch wenn die Entwicklungsdefizite aus zweieinhalb Jahrzehnten indonesischer Besatzung sowie der früheren portugiesischen Kolonialherrschaft nur schwer zu bewältigen sind. Gemischt fällt eine Bilanzierung des Standes nach drei Jahren relativer Eigenständigkeit aus. Das Einkommensniveau ist extrem niedrig, die Arbeitslosigkeit hoch. Genaue Werte liegen nicht vor. Unter der Jugend, die kaum Perspektiven sieht, macht sich Frustration breit. Da nutzt es nur wenig, wenn Präsident Xanana Gusmao, der noch immer als Volksheld verehrte frühere Guerillaführer der Befreiungsbewegung FRETILIN, seine Landsleute zur Besonnenheit mahnt.

Gusmao gilt als personifiziertes Gewissen der Nation: Immer wieder schaltet sich der einstige Kommandeur mit versöhnlichen Tönen in öffentliche Kontroversen ein. Er propagiert einen Aussöhnungskurs mit der einstigen Besatzungsmacht, über den in der Bevölkerung heftig gestritten wird. Viele Timoresen wollen zumindest die proindonesischen Milizführer sowie seinerzeit stationierte indonesische Offiziere zur Rechenschaft gezogen sehen, die für die schlimmen Massaker von 1999 verantwortlich sind. Mindestens 1000 Menschen fielen damals den mordenden paramilitärischen Einheiten zum Opfer, die vor dem von den UN angesetzten Unabhängigkeitsreferendum Angst und Schrecken säen wollten. Einige Verfahren wurden zwar durchgeführt, doch insbesondere durch die Weigerung der Indonesier zur Zusammenarbeit ist eine Beweisführung schwierig.

Zumindest aber haben sich die Beziehungen zum großen Nachbarn verbessert. So besuchte erst unlängst der neue Präsident Susilo Bambang Yudhoyono die frühere Halbkolonie. Das Zusammentreffen mit Gusmao schien fast herzlich, und beide Männer erklärten einen „Neustart in den bilateralen Beziehungen«. Allerdings ist die finanzielle Abhängigkeit Osttimors nach wie vor immens: Die Hälfte des Staatshaushalts stammt aus verschiedenen internationalen Hilfstöpfen. Dabei könnte die Öl- und Gasförderung über Jahre etliche Milliarden in die Kasse spülen. Sehr ergiebig sind die Lagerstätten im Meeresraum vor der Südküste – doch erhebt auch der riesige Nachbar Australien Anspruch darauf. Derzeit deutet manches darauf hin, als würde sich der mächtige Nachbar durchsetzen: Bei Gesprächen zwischen Dili und Canberra verzichtete Osttimor zunächst auf eine neue Grenzziehung. Als Ausgleich soll das Land mehrere Milliarden Dollar Sonderzahlungen erhalten und weiterhin 90 Prozent aus den Erlösen des gemeinsam bewirtschafteten Gebietes behalten dürfen – in den Augen vieler ein fauler Kompromiß.

* Aus: junge Welt, 20. Mai 2005


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