Zeit des Stillstands ist vorbei

So unterschiedlich die Systeme, so ähnlich die Ursachen des Zorns

Von Karin Leukefeld *

Der Sturm, so rasch er heraufzog, kam nicht überraschend. Tunesien, Ägypten, Jordanien, Bahrain, Kuwait, Irak, Libyen – so verschieden die politischen Systeme sind, so ähnlich sind die Ursachen für den Zorn der Jugend, die seit Wochen gegen ihre Despoten protestiert und den Westen das Fürchten lehrt, weil er eben diesen Despoten Partner und Geldgeber war.

Weit über 50 Prozent der ständig wachsenden Bevölkerung in der arabischen Welt sind jünger als 20 Jahre. Markenzeichen vieler dieser Jugendlichen ist der Mangel an Bildung, an Gesundheit, an Arbeit und Perspektive. Während die politischen und ökonomischen Eliten in ihren Ländern ihnen bei Falkenjagd und Pferdeschau, Autorennen und internationalen Konferenzen schamlos Reichtum vorführen und Satellitenfernsehen Begehrlichkeiten weckt, die für junge Leute in Europa und anderen Teilen der Welt selbstverständlich scheinen, müssen die jungen Araber sich mit fast nichts zufrieden geben.

Zwei Drittel der Menschen leben unter der Armutsgrenze von 2 US-Dollar am Tag, 1,50 Euro. Und selbst wer die Schule oder gar die Universität absolviert hat, findet kaum Arbeit, wie der Fall des Tunesiers Mohamed Bouazizi zeigte. Er musste Obst und Gemüse für seinen Lebensunterhalt verkaufen. Als selbst das ihm von den staatlichen Sicherheitskräften untersagt wurde – angeblich fehlte ihm die Genehmigung –, setzte er mit seiner Selbstverbrennung ein Fanal.

Ungezählte Kinder und junge Männer arbeiten in den Märkten arabischer Großstädte als Tagelöhner. Sie tragen Tee und Essen aus und den Kunden ihre Waren nach Hause. Sie putzen Schuhe, helfen beim Be- und Entladen, beim Schleppen von Wasser und Sand auf Baustellen – alles für einen Hungerlohn. Selbst Akademiker, Ärzte und Ingenieure arbeiten für nicht mehr als 60 US-Dollar im Monat, während die Lebenshaltungskosten ständig steigen. Eine Fortbildung im europäischen Ausland können die meisten nicht antreten, weil ihnen das Geld fehlt oder weil sie den falschen Pass haben, wie Iraker oder Syrer, denen ein Visum verweigert wird.

Junge Frauen bleiben zu Hause, helfen im Haushalt und kopieren das Leben ihrer Mütter. Junge Männer verdienen zu wenig, um an eine Hochzeit denken zu können, für die ein regelmäßiges Einkommen und ein Dach über den Kopf für die Braut Voraussetzung sind. Selbst mit 35 Jahren leben sie noch bei ihren Eltern, mit Brüdern und Schwestern und Großeltern auf beengtem Raum. Vielen fehlt sogar das Geld, um in einem Internetcafé zu surfen. So viel zum Thema »Facebook-Revolutionäre«. Die Bezeichnung trifft nur für einen kleinen Teil der städtischen Jugend in Tunesien, Ägypten oder Bahrain zu. Glücklich sind Familien, die Angehörige als Gastarbeiter im Ausland haben, die sie regelmäßig finanziell unterstützen.

Seit Jahren weisen Berichte der Vereinten Nationen darauf hin, dass die arabische Jugend Arbeit und Chancen braucht. Stattdessen bekommen sie Kriege und Krisen. Als Muslime stehen sie unter Generalverdacht; wenn sich der Westen mit ihren Problemen befasst, geschieht dies unter dem Aspekt der »Sicherheit vor islamistischer Terrorgefahr«. »Staaten und Institutionen müssen mit dem Wandel in der Gesellschaft Schritt halten«, sagte kürzlich der syrische Präsident Bashar al-Assad in einem Interview mit dem »Wall Street Journal«. Der ausgebildete Arzt verglich die Situation in der arabischen Welt mit »stehendem Wasser«, dem der Sauerstoff fehlt. »Wer nicht schon vor den Entwicklungen in Tunesien und Ägypten die Notwendigkeit von Reformen gesehen« habe, für den sei es jetzt zu spät. So sehr Syrien im Westen auch als »Folterstaat« gebrandmarkt und mit Sanktionen bestraft wird, so ist es doch eine Tatsache, dass der 45-jährige Präsident in den letzten zehn Jahren viel geändert hat. Bisher lag der Schwerpunkt auf wirtschaftlichem Wandel, für das Wahljahr 2011 hat Assad politische Reformen angekündigt.

Kern der großen arabischen Frustration bleibt weiterhin der ungelöste Konflikt, den Israel seinen arabischen Nachbarn beschert, indem es zum Frieden allenfalls bereit ist, wenn es gestohlenes arabisches Land behalten darf. Der Sicherheit Israels wiederum ordnet der Westen sich unter, weswegen EU und USA die jetzt gestürzten Herrscher in »Partnerschaftsprogrammen« militärisch, entwicklungspolitisch und wirtschaftlich förderten, sofern deren Politik den Interessen Israels nicht schadete. Die Botschaft der arabischen Jugend an ihre Herrscher ist, dass die Zeit des Stillstands vorbei ist. Die Botschaft an den Westen lautet, dass dessen Politik in der Region gescheitert ist.

* Aus: Neues Deutschland, 25. Februar 2011


Zurück zur Nahost-Seite

Zurück zur Homepage