Suu Kyi ruft zu "nationaler Versöhnung" auf

Nach Freilassung aus langem Hausarrest kehrt Myanmars Demokratie-Ikone zurück in die Politik

Am Sonnabend (13. Nov.) aus ihrem jahrelangen Hausarrest entlassen, kündigte Aung San Suu Kyi, seit 1988 Hoffnungsträgerin vieler Regierungskritiker in Myanmar (Burma), am Sonntag (14. Nov.) ihre Rückkehr in die Politik an.

In ihrer ersten Rede seit sieben Jahren rief Suu Kyi die Opposition in ihrer südostasiatischen Heimat zur Geschlossenheit auf. Sie werde mit »allen demokratischen Kräften zusammenarbeiten«, sagte die 1991 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete 65-Jährige, deren Freilassung international begrüßt worden war.

»Ich brauche die Energie des Volkes«, rief Suu Kyi ihren Anhängern am Sitz ihrer Nationalen Liga für Demokratie (NLD) in Yangon (Rangun) zu. »Hebt eure Energie für uns auf. Wenn wir zusammenarbeiten, werden wir unser Ziel erreichen.« Sie glaube, »Teil einer wirkungsvollen Bewegung« zu sein.

Suu Kyi sagte, sie hege »keinen Groll« gegen die Militärregierung, die sie rund 15 der vergangenen 21 Jahre in Haft setzte oder unter Hausarrest stellte. Sie wolle nun die »Stimme des Volkes hören«, um dann darüber zu entscheiden, was zu machen sei. Mittels eines Dialogs wolle sie »nationale Versöhnung« erreichen, sagte sie wenig später vor Journalisten.

Wie am Sonnabend (13. Nov.), als sich Suu Kyi erstmals nach ihrer Freilassung am Tor ihres Hauses jubelnden Anhängern zeigte, bereiteten ihre Unterstützer ihr auch am Sonntag vor der Parteizentrale einen rauschenden Empfang. In der Menge hatte die Tochter des Nationalhelden Aung San Mühe, aus dem Auto zu steigen und sich ihren Weg zu bahnen.

Obwohl es zahlreiche Befürchtungen gab, die Militärregierung würde politische Aktivitäten von Suu Kyi unterbinden, bestätigte ihr Anwalt, dass sie ohne Auflagen aus ihrem Hausarrest entlassen wurde. »Sie ist vollkommen frei«, sagte Nyan Win gegenüber AFP.

Auf den Schultern Suu Kyis lasten hohe Erwartungen. Allerdings ist die Opposition in Myanmar zersplittert. Von der NLD hatte sich vor der umstrittenen Parlamentswahl vor einer Woche eine Gruppe abgespalten. Suu Kyis Partei wollte die Wahlen boykottieren und wurde deshalb zwangsaufgelöst. Menschenrechtsorganisationen warfen den Militärs vor, mit der Freilassung der prominenten Politikerin von Unregelmäßigkeiten bei dem Urnengang ablenken zu wollen.

In aller Welt wurde die Freilassung Suu Kyis begrüßt. Zahlreiche Staats- und Regierungschefs forderten zugleich die Befreiung aller politischen Häftlinge in dem südostasiatischen Staat. Das Nobel-Komitee lud Suu Kyi nach Oslo ein, damit sie ihre Dankesrede für den ihr 1991 zuerkannten Friedensnobelpreis nachholen kann.

* Aus: Neues Deutschland, 15. November 2010


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