König der Armen

In Marokko führt Mohammed VI. das Land wie seinen Privatkonzern. Doch eine sich ständig vertiefende soziale Kluft sorgt für Bewegung

Von Raoul Rigault *

Das Land sei stabil, der König beliebt, lautete das Fazit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) Anfang März im Hinblick auf Marokko. Mit »Revolten« wie in Ägypten und Tunesien sei im westlichen Mahgreb-Staat nicht zu rechnen. Der 47 Jahre alte Monarch selbst scheint davon nicht ganz so überzeugt. Um seine Untertanen ruhig zu halten, verdoppelte Mohammed VI. kurz nach den ersten Eruptionen in den Nachbarländern die Subventionen für Grundnahrungsmittel und Kochgas. Darüber hinaus rief er einen Wirtschafts- und Sozialrat ins Leben, dessen Experten das »marokkanische Modell« reformieren und einen neuen Gesellschaftsvertrag ausarbeiten sollen, der auch für den notwendigen ideologischen Kitt sorgt.

Billiglohnland

Trotzdem kam es seit dem 20. Februar zu mehreren, teilweise recht militanten, landesweiten Protesten, die via Internet von einem Bündnis aus frisch entstandenen Jugendgruppen und linken Organisationen initiiert wurden. Die Gründe dafür unterscheiden sich kaum von denen in anderen arabischen Staaten. Vordergründig können der »Beherrscher der Gläubigen«, so der blumige Titel Mohammed VI., und sein Regierungschef Abbas El Fassi von der Unabhängigkeitspartei Istiqlal auf stabile Wirtschaftsdaten verweisen. Neben weitgehender Preisstabilität (die Inflation liegt bei 1,5 Prozent) wies das Land seit 2006 ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich fünf Prozent aus, die Konjunktur erlebte auch während der globalen Krise keinen Einbruch. Außerdem erfreut man sich als enger Verbündeter der Saudis, Vorkämpfer des Freihandels und Gastgeber der Unterzeichnung des in diese Richtung zielenden »Agadir-Abkommens« mit Ägypten, Tunesien und Jordanien der Wertschätzung des Westens. Seit Oktober hat das Land von Brüssel im Verhältnis zur EU einen »fortgeschrittenen Status« erhalten.

Eine spürbare Erhöhung des Lebensstandards hat das den Einwohnern und Arbeitskräften dieser europäischen Sonderwirtschaftszone bislang nicht beschert. Sie schuften für einen durchschnittlichen Stundenlohn von 0,95 Euro in der Industrie und 4,90 Euro pro Tag in der Landwirtschaft zum Wohle aus- und inländischer Konzerne und Grundbesitzer. Im verarbeitenden Gewerbe kommen die Beschäftigten bei der geltenden 44-Stunden-Woche ohne Überstunden und Nebenerwerb auf ein Monatssalär von gerade einmal 183,35 Euro. Viele haben überhaupt keinen festen Job und müssen sich mit Tagelöhnerei über Wasser halten. Die offiziell zugegebene Erwerbslosigkeit verharrt seit langem bei 9,6 Prozent. Unter den Fünfzehn- bis Neunundzwanzigjährigen sind jedoch gut ein Drittel davon betroffen. Zugleich besteht weiterhin fast die Hälfte der Bevölkerung aus Analphabeten, die Kindersterblichkeit liegt bei 28,6 Toten auf tausend Lebendgeburten sehr hoch. In den Krankenhäusern erhält nur derjenige eine Behandlung, der in der Lage ist, das entsprechende Bestechungsgeld zu zahlen.

Die »institutionelle Korruption« ist eines der Grundübel der marokkanischen Gesellschaft. Laut Einschätzung eines US-Diplomaten in einer der von Wikileaks veröffentlichten Depeschen an das State Department reicht sie bis in den Herrscherpalast. Nicht minder fragwürdig sind auch die legalen Geschäfte des selbsternannten »Königs der Armen«. 250 Millionen Euro Apanage bezieht der Potentat jährlich aus der Staatskasse. Das britische Staatsoberhaupt Elisabeth II. und ihr spanischer Kollege Juan Carlos müssen mit einem Siebzehntel beziehungsweise einem Achtundzwanzigstel dessen auskommen. Dabei verfügt der seit 1999 amtierende Mohammed VI. laut US-Wirtschaftsmagazin Forbes bereits über ein Privatvermögen von knapp zwei Milliarden Euro. »M-6«, wie er im Volksmund genannt wird, gehören nicht nur die fünf Paläste in Rabat, Casablanca, Fes, Meknes und Marrakesch, ein ansehnliches Schloß in der Nähe von Paris sowie die unvermeidlichen Rennställe, Golfplätze, Gemälde- und Luxuskarossensammlungen. Als Teilzeit-Kapitalist zeichnet er auch für nicht weniger als sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes Marokkos verantwortlich.

Gekrönter »Investor«

Sein Tätigkeitsfeld als »Investor« reicht vom Immobiliensektor bis zur Ausbeutung der reichen Phosphatvorkommen in der annektierten Westsahara. Banken, Versicherungen, Telekommunikation und die Automobilbranche gehören ebenfalls dazu. Laut dem regimekritischen Schriftsteller Abdellatif Laabi wird »dieses Land wie ein multinationaler Konzern geführt, dessen Ziel es ist, seine Hauptaktionäre reicher zu machen«. Der bei Hofe wegen seiner politisch linken Positionen als »Roter Prinz« geltende Vetter des Königs, Mulay Hicham (47), prangert den »Abgrund zwischen den sozialen Klassen« an, der die »Legitimität des politischen und ökonomischen Systems« zersetze. Der Aufforderung des Führers der verbotenen islamischen Bewegung »Gerechtigkeit und Barmherzigkeit«, Scheich Abdesalam Yassine, zumindest seine ausländischen Besitztümer zu verkaufen und den Erlös unter den Armen zu verteilen, wird Mohammed VI. dennoch kaum folgen.

Selbst die Enteignung seines gesamten Vermögens im Zuge einer antifeudalen und sozialen Revolution könnte jedoch nur ein erster Schritt zur Verbesserung der Lage für die breite Masse der Marokkaner sein. Ohne den Schutz und einen nachhaltigen Ausbau der eigenen wirtschaftlichen Fundamente und eine solidarische Kooperation im arabischen Raum wird es angesichts des chronischen Außenhandelsdefizits von umgerechnet 16 Milliarden Dollar im Jahr, bei dem nur die Hälfte der Importe durch Exporte (in der Regel Textilien, Kabel, Phosphate und Düngemittel) gedeckt ist, sowie eines Pro-Kopf-Produktes, das noch unter dem tunesischen, algerischen und ägyptischen liegt, nicht gehen. Freihandel zum Wohle der wichtigsten Handelspartner Frankreich und Spa­nien wird die Probleme verschärfen.

* Aus: junge Welt, 31. März 2011


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