Ärger nach Absturz in Litauen

Regierung in Vilnius verdächtigt Russland der Spionage

Von Irina Wolkowa, Moskau* Ausgerechnet mit Litauen, der einzigen der drei Baltenrepubliken, deren Verhältnis zu Russland bisher einigermaßen störungsfrei war, geht momentan nichts mehr.

Der Grund: Am Donnerstag voriger Woche war dort ein russischer Kampfjet des Typs SU-27 abgestürzt. Der Pilot, Major Waleri Trojanow, hatte sich über einem Feldstück mit dem Schleudersitz aus der manövrierunfähigen Maschine katapultiert und sitzt seither in litauischem Gewahrsam. Besonders pikant: An Bord der Maschine waren vier Luft-Luft-Raketen, was Moskau erst zwei Tage nach dem Unfall einräumte. Zwei davon sowie mehrere Kilo radioaktiven Metalls, das nach Erkenntnissen der Untersuchungskommission allerdings keine Gefahr für die Umwelt darstellt, wurden inzwischen sichergestellt. Ebenso der Flugschreiber, bei dessen Auswertung Litauen die NATO und die Ukraine um Hilfe bitten will.

Russische Experten sollen dabei nur zuschauen dürfen. Denn die Regierung in Vilnius glaubt nicht an einen Unfall, sondern vermutet, der russische Kampfbomber, der sich nach Darstellung Moskaus auf litauisches Staatsgebiet verirrt hatte, sei zu Spionagezwecken unterwegs gewesen. »Wenn man die Gewohnheit unseres russischen Nachbarn in Rechnung stellt«, so zitierte die Moskauer Tageszeitung »Kommersant« am Mittwoch Litauens Verteidigungsminister Gedeminas Kirkilas, »ist alles möglich.«

Zwar warnte Regierungschef Algirdas Brasauskas vor übereilten Schlüssen. Dennoch besteht gegen den Unglückspiloten, der von den litauischen Behörden zunächst lediglich als Zeuge vernommen wurde, inzwischen der Anfangsverdacht auf »verbrecherische Handlungen«. Russische Forderungen nach Auslieferung Trojanows und Rückgabe der Flugzeugtrümmer schmetterte Vilnius daher ab.

Russlands Außenministerium, das internationales Recht verletzt sieht, keilte postwendend mit einer Protestnote zurück, die an Schärfe nichts zu wünschen übrig lässt. Noch deutlicher wurde Verteidigungsminister Sergej Iwanow, der die Spionagevorwürfe als absurd bezeichnete: Nur ein »Idiot« würde derartig teures Fluggerät für Aufklärungszwecke opfern. Für litauische Medien kein Argument. Mehrere Zeitungen in Vilnius berichten, dass ausgerechnet Trojanow bei Manövern der UdSSR-Nachfolgegemeinschaft GUS, die im letzten Jahr die Verteidigung des gemeinsamen Luftraums übte, die Rolle des Eindringlings übernahm. Erfolgreich, wie es hieß.

* Aus: Neues Deutschland, 22. September 2005


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