"Ghaddafi zu stürzen, war ein schwerer Fehler"

In Libyen herrscht die Anarchie, Hunderte bewaffnete Gruppen machen sich die Macht im Lande streitig. Ein Gespräch mit Angelo Del Boca *


Der Italiener Angelo Del Boca zählt zu den wichtigsten Historikern des europäischen Kolonialismus in Nordafrika. Er kämpfte als Partisan gegen deutsche und Mussolini-Faschisten.


Drei Jahre nach dem Sturz von Muammar Al-Ghaddafi hat Libyen jetzt zwei Parlamente, zwei Regierungen und Dutzende konkurrierender Milizen. Wie beurteilen Sie die Situation?

Libyen hat sich in ein neues Somalia auf der anderen Seite des Mittelmeeres verwandelt. Es ist keine Lösung in Sicht, die das Land zu einem Staat mit anerkannten und funktionsfähigen Institutionen machen könnte, die imstande sind, ihre Souveränität auf dem gesamten Territorium auszuüben. Von Demokratie will ich gar nicht erst reden. Daran würde auch eine erneute Intervention des Westens nichts ändern.

Besitzt das in Syrien und dem Nordirak von Abu Bakr Al Bagdadi ausgerufene Kalifat Ausstrahlungskraft auf dieses »neue Somalia«?

Ja, absolut. Die Anziehungskraft, die der »Islamische Staat« auf alle in Nord- und Zentralafrika aktiven Dschihadistengruppen hat, darf nicht unterschätzt werden. Bereits jetzt wird an der Errichtung eines Ablegers des Kalifats in Bengasi gearbeitet. Und es war absehbar, dass der Kampf des östlichen Landesteils gegen Tripolis in diese Richtung gehen würde.

Westliche Staaten wollten beim Aufbau neuer Strukturen und einer neuen Armee helfen. Was ist daraus geworden?

Auch die Türkei und Ägypten hatten sich verpflichtet, daran mitzuwirken. Die Ergebnisse sind gleich Null. Eine nationale Polizei und Armee gibt es bis heute nicht. Die Macht befindet sich faktisch in den Händen bewaffneter Gruppen, deren Zahl mittlerweile in die Hunderte geht.

Ist die aktuelle Anti-IS-Koalition unter Führung der USA auch in Libyen aktiv?

Am stärksten engagiert sich Ägypten. Dessen neuer Präsident und ehemaliger Generalstabschef Abd Al Fattah Al-Sisi hat ein starkes Interesse an der Fortsetzung des Kampfes gegen die Islamisten. Bei den letzten Gefechten zwischen Bengasi und Tripolis kamen ägyptische Kampfflugzeuge zum Einsatz, auch wenn Kairo das offiziell dementiert. Ägypten will die Milizen des Generals Khalifa Haftar soweit stärken, dass diese die Dschihadisten schlagen oder ihre Ausdehnung zumindest in Grenzen halten können.

Welche Chancen hat er, der neue starke Mann zu werden?

Haftar erlitt bereits 1987 als Kommandeur der libyschen Truppen, die in den Bürgerkrieg im Tschad eingriffen, eine Niederlage. Danach verbrachte er die letzten 20 Jahre in den USA. Für mich ist klar, dass er der Islamisten nicht Herr wird. Es gibt heute keine Kraft, die mit Waffengewalt die Macht erringen kann, weil es Hunderte kleine »Republiken« gibt, die sich gegenseitig ihr Territorium und die Erlöse aus der Erdölförderung streitig machen.

Wie beurteilen Sie heute den Krieg gegen den Oberst vor drei Jahren ?

Es war schon damals erkennbar, dass das Ende von Ghaddafi, der das Land 42 Jahre lang kontrollierte, zu einem Blutbad führen würde. Die Militärintervention von Paris, London, Washington und anderen hatte wenig bis gar nichts mit humanitären Fragen oder mit Demokratie zu tun. Sehr viel aber mit dem Wunsch, vor allem des damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, eine unbequem gewordene Persönlichkeit wie Ghaddafi loszuwerden.

Besteht die Zukunft in einer Rückkehr zur Vergangenheit oder in einer Machtübernahme der Stämme?

Letzteres, weil hinter den gut bewaffneten Milizen im Grunde die alten circa 140 Stämme stehen, die der Oberst im Zaum zu halten verstand, weil er jeden einzelnen genau kannte. Das heutige blutige Chaos hätte vermieden werden können, wenn Ghaddafi an der Macht geblieben wäre. Es war ein schwerer Fehler ihn zu stürzen und einen Bürgerkrieg auszulösen.

Was ist insgesamt aus dem Arabischen Frühling geworden?

Von den damaligen Hoffnungen ist praktisch nichts übrig geblieben. Zumindest was Libyen betrifft, in Tunesien ist die Situation anders. Dort findet tatsächlich eine große Anstrengung statt, demokratische Institutionen einzurichten. In Ägypten liegt das Schicksal des Landes wieder in den Händen des Militärs, wobei jedoch der neue Präsident allem Anschein nach eine halbdemokratische Stabilisierung anstrebt.

Interview: Raoul Rigault

* Aus: junge Welt, Mittwoch, 5. November 2014


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