Wer hat Interesse am Libyen-Krieg?

Von Piero Gheddo, Päpstliches Institut für Auslandsmission *

Der Krieg in Libyen wird medial meist sehr einfach dargestellt: ein brutaler Diktator führt Krieg gegen das eigene Volk – da muss ja die internationale Gemeinschaft eingreifen. Der katholische Bischof und Apostolische Administrator von Tripolis, Mgr. Giovanni Innocenzo Martinelli, sieht das differenzierter: er forderte wiederholt einen Waffenstillstand und eine Verhandlungslösung (unter Einbeziehung der gegenwärtigen Regierung). Und er stellte dezidiert fest: „Bombenangriffe sind unmoralisch!“. Auch der Vatikan unterstützt – wenn auch mit vorsichtigeren Worten – die Position von Bischof Martinelli.

Der italienische Priester und Journalist Piero Gheddo vom Päpstlichen Institut für Auslandsmission, der mit Bischof Martinelli befreundet ist, hat in der von ihm gegründeten katholischen Nachrichtenagentur „Asia News” am 6. Mai einen bemerkenswerten Artikel publiziert, den wir – auch als Kontrapunkt zur täglichen Medienberichterstattung – unseren Lesern zur Kenntnis bringen möchten. Möglicherweise ist der Beitrag beim Erscheinen von „KC” bereits durch die aktuellen Ereignisse überholt. Dennoch meinen wir, dass der Artikel über die Tagesaktualität hinaus Bedeutung hat – im Sinne von: „Auch die andere Seite anhören”.


Ich war schockiert und überrascht, dass die italienischen Medien die Verurteilung des Krieges und die Vorschläge zum Dialog durch den Bischof von Tripolis verschwiegen haben, weil ich 2007 in Libyen gewesen bin und Mgr. Giovanni Martinelli kenne, der in Libyen als Sohn italienischer Siedler geboren wurde und seit 40 Jahren Bischof ist. Er vertritt deutlich seine Meinung, aber niemand oder sehr wenige hören auf ihn. In Übereinstimmung mit den Appellen des Papstes für Frieden in Libyen (sogar am Ostersonntag) hat der Bischof von Tripolis seine Stimme erhoben und verurteilt einen Krieg ohne Ende, der die Konflikte verschärft, Hass und Gewalt vervielfacht sowie eine sicherlich schlechtere Zukunft für alle Libyer bereitet. Vor kurzem sagte er: „Einen Dialog zu beginnen, ist das Beste, was zu tun ist. Die NATO-Bomben bringen nichts Gutes und wir müssen alle Parteien des Konflikts berücksichtigen, nicht nur die Rebellen.“ Er forderte dazu auf, eine Möglichkeit für den Dialog zwischen den Parteien zu bieten und die Kämpfe zu beenden. Am 5. Mai schlug der Bischof „einen ein wöchigen Waffenstillstand als Respekt vor dem menschlichen Leben, für die Familien und Libyen“ vor. „Es ist eine menschliche Geste und die Libyer sind sensibel für diese Akte, trotz der durch den Krieg verursachten Wut.“ Und Mgr. Martinelli appellierte an die Mitglieder der „Kontaktgruppe“ (die sich damals in Rom traf), „die Möglichkeit einer Übergangsregierung, die auch Mitglieder des Regimes einschließt, in Erwägung zu ziehen, um die Ausbreitung von Hass und Misstrauen unter der Bevölkerung zu vermeiden“.

Kurz gesagt: trotz der Appelle von Papst Benedikt XVI. und der sorgenvollen Worte des Bischofs von Tripolis ist die „humanitäre Intervention“, um die Libyer vor der Gewalt Gaddafis zu schützen, zu einem Krieg geworden, in dem der Westen auf der Seite der Kyrenaika gegen Tripolis Partei ergriffen hat. „Jeder spricht über die Hilfe an die Rebellen“, sagte Mgr. Martinelli, „die Zeitungen schreiben über die schwierige humanitäre Situation in den Städten der Kyrenaika, die dramatisch ist, aber niemand spricht über die Bevölkerung von Tripolis, die durch den Krieg und die NATO-Bombardierungen zerstört wird.“

Der Krieg in Libyen wird für Italiener und Menschen aus dem Westen zunehmend unverständlich, weil er drei Hauptfaktoren nicht berücksichtigt. Ich will sie kurz darstellen:

1. Libyen ist nicht Tunesien oder Ägypten, die einen einheitlichen Staat, starke Medien und eine intellektuelle Klasse haben. Das Buch „Gaddafi“ von Angelo Del Boca, einem ernsthaften und gebildeten Gelehrten (Yale University Press 2011), ist eine Pflichtlektüre, um wirklich zu verstehen, wie es Libyen an einer modernen entwickelten Gesellschaft fehlt und es statt dessen seit den Zeiten des Osmanischen Reiches in zwei Regionen, Tripolitanien und Kyrenaika, geteilt ist und auf dem Stamm, dem Clan, der Familie und den islamischen Bruderschaften beruht. Bei einer offenen Parteinahme im libyschen Bürgerkrieg statt zu versuchen, einen Dialog für eine Einheitsregierung zu initiieren, versenkt der Westen das Land in einen endlosen Abgrund von Guerillakrieg, Revanche, Terrorismus und Stammeskämpfen. Jene, die an Ort und Stelle leben wie Bischof Martinelli, die eine tiefe Liebe zum libyschen Volk haben, wissen das und man sollte auf ihn hören. Am Telefon sagte er mir: „Es gibt keinen anderen Italiener, der Libyen so gut kennt und das gesamte libysche Volk so liebt wie ich. Doch ich spreche und niemand hört mir zu.“

2. Gaddafi ist ein Diktator und dieses Wort sagt alles. Aber in der islamischen Welt war er der einzige, der versucht hat, sein Volk in die moderne Welt zu führen. Seit den 1990er Jahren bis heute hat er die reichen Ölressourcen dafür verwendet, Schulen, Spitäler, Universitäten und Gesundheitsstationen in den Dörfern zu errichten, er baute feste Straßen in der Wüste, stellte billige Wohnungen für alle zur Verfügung, tat viel für die Befreiung der Frauen, indem er Mädchen an die Schulen und Universitäten schickte (anfangs wollten die Universitäten sie nicht!), schuf für die Frauen günstigere Ehegesetze und beseitigte in den Dörfern die hohen Mauern, die den Innenhof begrenzten, in dem sich die Frauen aufhielten. Er förderte Wasser in der Wüste in 800 bis 1000 m Tiefe und pumpte es in 800 - 900 Kilometer langen Kanälen nach Tripolitanien und Kyrenaika in Zementbehälter (größer als ein Mensch). Heute hat Libyen Fließwasser für alle. Ich könnte das noch fortsetzen. Gaddafi ist ein Diktator und zur Unterdrückung des Aufstands hat er Mittel angewendet wie in ähnlichen Situationen in Syrien und Jemen. Es ist richtig, das zu stoppen. Aber ihn im Westen als einen blutdürstigen Diktator vergleichbar mit Hitler darzustellen, der um jeden Preis eliminiert werden muss, bedeutet, mehr Hass nicht nur gegen einen Menschen, sondern gegen all jene, die auf seiner Seite stehen, zu provozieren.

BISCHOF MARTINELLI ZUM KRIEG IN LIBYEN

„Es wurde für den Krieg entschieden, ohne vorher einen diplomatischen Weg zu suchen, der vielleicht möglich gewesen wäre. Das ist etwas, was mir sehr leid tut.... Gewiss, die Krise hätte verhindert werden können, wenn man den Bedürfnissen der jungen Menschen mehr Aufmerksamkeit gewidmet hätte. Doch der Krieg kann eine soziale Krise nicht kösen. Im Gegenteil, er verschlimmert das Ganze und es kommt zu einer Spirale der Zerstörung, aus dem man nur schwer wieder herausfindet.“ (20. 4. 11)

„Die Vereinten Nationen haben beschlossen, dass Krieg geführt wird und ziehen den Dialog als Mittel für eine Überwindung der Kontroverse nicht in Betracht. Alle wollen die Lösung mit Bomben erreichen. Dies ist sehr traurig, es ist schrecklich, denn es wird sich nichts ändern. Es ist eine Niederlage für die Menschlichkeit.... Die libysche Krise beschränkt sich nicht auf die Person Gaddafi alleine, sondern es betrifft das gesamte System der Beziehungen. Man sollte sich dabei nicht auf Misurata beschränken, sondern einen Weg finden, der alle Stämme und den Rest der libyschen Bevölkerung am Dialog beteiligt.“ (27. 4. 11).

„Die Bomben, wie genau sie auch sein mögen, fordern immer Opfer unter den Zivilisten. Bombardierungen sind als solche unmoralisch.. Auch die Behauptung des Bündnisses der Länder, die Libyen bombardieren, dass man Zivilisten vor Aggressionen schützen will, entspricht nicht der Wahrheit. Denn diese Bombenangriffe fordern oft Opfer gerade unter den Zivilisten, die sie angeblich schützen sollen.“ (2. 5. 11)

„Ich möchte betonen, dass Bombenangriffe nicht dem zivilen und moralischen Gewissen des Westens oder im allgemeinen der Menschheit entsprechen. Bombenangriffe sind immer unmoralisch... Ich respektiere die Vereinten Nationen und die NATO, aber ich muss darauf hinweisen, dass ein Krieg unmoralisch ist. Wenn es zu Menschenrechtsverstößen auf der einen Seite kommt, dann kann man diese nicht mit denselben Mitteln bekämpfen.“ (6. 5. 11)

„Gewiss gibt es auf beiden Seiten Schuld, die der Vergebung bedarf, doch es kann keine Vergebung geben, so lange Bomben abgeworfen werden.“ (14. 5. 11)

Alle Zitate aus dem Presseorgan der Päpstlichen Missionswerke. Internet: www.fides.org



3. Es ist wahr, dass Gaddafi keine politische oder Pressefreiheit zuließ. Aber er begann, dem libyschen Volk Bildung und Ausbildung zu bringen. Er kontrollierte die Moscheen, Koranschulen, Imame und islamischen Institutionen, die in vielen anderen islamischen Ländern (z. B. Indonesien, das ich jüngst besuchte) vollkommen jenseits der Staatsgewalt stehen, eine anti-westliche Ideologie verbreiten und „die Märtyrer des Islam“ verehren, also die Selbstmordbomber, mit denen wir alle nur zu vertraut sind. In Libyen war dies absolut nicht der Fall. In Tripolis gibt es ein Komitee der „Weisen Männer des Islam“, das die religiöse Unterweisung für Freitagsgebete vorbereitet und im voraus in allen Moscheen in ganz Libyen publiziert. Der lokale Imam muss diesen Text verlesen. Wenn er etwas weglässt oder hinzufügt, wird jemand anderer mit der Leitung der Moschee betraut.

Nicht nur das: 1986 schrieb Gaddafi an Papst Johannes Paul II. und bat ihn, als Krankenschwestern ausgebildete Ordensschwestern für seine Spitäler zu schicken. Der Papst entsandte rund 100, vor allem aus Indien und den Philippinen, aber auch aus Italien. Heute gibt es in Libyen 10.000 Krankenschwestern und 80 Nonnen (vor allem von den Philippinen) sowie auch viele katholische Ärzte aus dem Ausland. Bischof Martinelli erzählte mir: „Diese katholischen Frauen, kompetent und freundlich, behandeln die Kranken auf eine humane Art und verändert damit die Denkweise der Bevölkerung über das Christentum.“ Und das auf der Basis von viel Lob, das er von Muslimen dafür erhalten hat, wie christliche Frauen gebildet sind, sagte der Bischof. Libyen war bisher eines der wenigen muslimischen Länder, in denen Christen (es gibt auch tausende ägyptische Kopten) fast vollkommen frei waren, ausgenommen natürlich, Libyer zum Christentum zu bekehren. Wer hat wirklich Interesse an diesem Krieg?

* P. Piero Gheddo, geboren 1929 im Piemont, katholischer Priester, Schriftsteller (mehr als 80 Bücher) und Journalist. Gründer der italienischen Missionsgesellschaften EMI (1955) und Mani Tese (1963). Herausgeber der Zeitschrift „Mondo e Missione“ (1959-1994), Gründer und von 1987 bis 1993 Direktor der Presseagentur „Asia News“. Pater Gheddo war viele Jahre als Missionar in verschiedenen Ländern tätig, und zwar für das Päpstlichen Institut für Auslandsmission, dessen Archiv-Direktor er 1994 wurde.

Originaltext: „asia news“. 6. 5. 11. Übersetzung: Adalbert Krims.
Aus: "KRITISCHES CHRISTENTUM", Heft 348/349, Mai/Juni 2011, S. 3-7.
Internet: www.akc.at;
Bezugsadresse: Mühlgasse 25/5, A-1040 Wien; akc@aon.at



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