Streit um Rohstoffe

Probebohrungen bestätigen riesiges Gasfeld vor den Küsten Libanons und Israels. Trotz unklarer Grenzen beansprucht Tel Aviv exklusiven Zugang zu Ressourcen

Von Joachim Guilliard *

Wie Probebohrungen gerade bestätigten, liegt vor der Levante-Küste ein riesiges Erdgasfeld. Der Fund ist einer der größten weltweit in den vergangenen zehn Jahren. Das Vorkommen wurde 135 Kilometer westlich von Haifa innerhalb des Seegebietes entdeckt, das Israel als seine ausschließliche Wirtschaftszone betrachtet. Anerkannte Seegrenzen gibt es jedoch nicht, und libanesische Politiker drohen Israel mit ernsten Konsequenzen, falls das Land einfach die Vorkommen an sich reißen würde (siehe auch jW vom 23. August 2010).

Nach Angaben der beteiligten Firmen liegt das neu entdeckte »Leviathan«-Gasvorkommen 5100 Meter unter dem Meeresspiegel und hat ein Volumen von rund 450Milliarden Kubikmetern. Es ist damit doppelt so groß wie das ein Jahr zuvor entdeckte Feld »Tamar«. Es ist Bestandteil gigantischer Erdgaslagerstätten im sogenannten Levante-Becken (»Levant Basin Province«), dessen Anrainer Zypern, Syrien, Libanon und Israel sind. Der Umfang dieser Reserven wird vom United States Geological Survey auf 3,5 Billionen Kubikmeter förderbares Gas geschätzt, eine Menge, äquivalent zu 20 Milliarden Barrel Öl.

Israel hat bereits für alle Gebiete vor der Küste Explorationslizenzen an private Firmen vergeben. Das größte Gebiet ging an ein vom texanischen Energie­konzern Noble Energy geführtes Konsortium, an dem die israelischen Firmen Delek Konzern, Avner Oil Exploration und Ratio Oil Exploration mit jeweils 22,7 Prozent bzw. 15 Prozent beteiligt sind. Erfolg hatte dieses Konsortium nun bei seiner Suche mit den Gasfeldern »Tamar« und »Leviathan«. Ersteres kann schon alleine den israelischen Bedarf decken. Mit dem doppelt so großen »Leviathan«-Feld könnte Israel zum Exporteur werden. Beide könnten laut The Economist (16.11.2010) jährlich Gas im Wert von vier Milliarden Dollar liefern, der Gesamtwert der Vorkommen wird in der Los Angeles Times (26.12.2010) auf 300 Milliarden Dollar geschätzt – kein Pappenstiel also.

Für Noble Energy und Tel Aviv liegen beide Vorkommen eindeutig innerhalb israelischer Gewässer. Dies wird allerdings nicht nur vom Libanon angezweifelt. Insbesondere das ausgedehnte »Leviathan«-Feld erstreckt sich nach Ansicht von Experten sehr wahrscheinlich auch in libanesische und zyprische Gewässer.

Die Grenzziehung bei exklusiven Wirtschaftszonen ist ein sehr komplizierter Prozeß. Die UN-Seerechtskonvention beinhaltet Richtlinien dafür in Meeresgebieten, Israel hat diese Vereinbarung jedoch nicht unterzeichnet. So oder so müssen Grenzen von beiden Seiten anerkannt werden. In der Regel können sie nur durch langwierige Verhandlungen zwischen den betroffenen Staaten festgelegt werden. Verhandlungen Israels mit dem Libanon sind jedoch auf absehbare Zeit ausgeschlossen.

Da das nahe der libanesische Grenze gelegene Haifa nur ca. 148 Seemeilen (275 Kilometer) von Zypern entfernt ist, kann sich Israels Wirtschaftszone auch nur bis zur Hälfte dieser Entfernung, also knapp 140 Kilometer erstrecken. »Leviathan« liegt genau in diesem Gebiet. Mit Zypern konnte sich Israel jedoch laut AP (17.12.2010) mittlerweile über eine Aufteilung des Seegebietes einigen. Das Demarkationsabkommen wird von anderen Anrainerstaaten allerdings argwöhnisch beäugt. Ägypten ist in Sorge, daß seine Ansprüche verletzt werden. Die Türkei sperrt sich, weil es die »türkisch-zypriotischen Rechte« nicht berücksichtige. Energy Nobel dagegen ist in einer komfortablen Situation, da es gleichzeitig mit einer zyprischen Lizenz in Gewässern nach Gas forscht, die sich direkt an das Leviathan-Gebiet anschließen.

Der Libanon würde – im Gegensatz zu Zypern – direkte Verhandlungen verweigern, entrüstete sich der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Yigal Palmor. Das zeige, daß dessen Ansprüche nicht ehrlich seien. Er übersah geflissentlich, daß sein Staat sich offiziell noch im Krieg mit seinem Nachbarn befindet und der Libanon sich aus gutem Grund weigert, Absprachen über Seegrenzen zu treffen, solange die auf dem Land nicht geklärt sind.

Als die israelischen Truppen sich im Jahr 2000 zum Abzug gezwungen sahen, schuf die UNO eine »Blaue Linie« als Provisorium, hinter die sich Israel zurückziehen mußte. Die Vereinten Nationen betonten stets, daß diese Linie keineswegs eine rechtlich verbindliche Grenze sei. Der entsprechende Prozeß wurde zwar begonnen, jedoch bisher nicht beendet.

Israel hat dennoch bereits eine lange Reihe von Bojen auf See plaziert, die die von ihm definierte Grenze bis ins Meer hinaus markieren soll und die von der israelischen Marine auch mit Waffengewalt verteidigt wird. Libanon hat sofort dagegen protestiert, da die Linie viel zu weit nördlich verlaufe. Die UNO hat sie nicht als rechtlich verbindlich anerkannt, die UN-Truppen halten jedoch einen zwei Kilometer breiten Sicherheitsabstand dazu ein, um Zusammenstöße mit israelischen Kriegsschiffen zu vermeiden.

* Aus: junge Welt, 6. Januar 2011

Hintergrund: Grenzziehung auf See

Die Grenzziehung im Zusammenhang mit exklusiven Wirtschaftszonen auf See ist ein komplizierter Prozeß, nicht nur im Fall Israels und Libanons. Bei gegenüberliegenden Küsten liegt es nahe, sie entlang der Mittellinie zwischen ihnen vorzunehmen. Bei nebeneinander liegenden Ländern und einem einigermaßen geraden Verlauf der Küste führt das Prinzip des gleichen Abstands zu einer Grenze, die von der Küstenlinie senkrecht ins Meer läuft. Die Seegrenze zu den libanesischen Gewässern, die man auf den Karten mit den neuen Ölfeldern findet, wurde offensichtlich so gezogen.

Dies ist in der Tat die übliche Methode, allerdings nur für einen ersten Ansatz. Sie erfordert zudem eine Einigung auf sogenannte Triangulationspunkte auf beiden Seiten der Küste, die Buchten, Inseln etc. berücksichtigt. Diese erste provisorische Linie ist nur im Idealfall fair und muß in folgenden Schritten und Verhandlungen an die örtlichen Gegebenheiten angepaßt werden.

Ein anderer, durchaus noch üblicher Ansatz wäre, die Landgrenze zwischen zwei Staaten ins Meer hinaus zu verlängern. Sowohl Rußland als auch Norwegen zeichnen so konzipierte Grenzen in den Arktischen Ozean hinaus, um ihre Ansprüche dort zu untermauern. Bei Anwendung dieser Methode könnten beide neuen Gasfelder »Tamar« und »Leviathan« vor der Levante-Küste leicht auf die libanesische Seite fallen.

Unbedingt müssen die Lagerstätten erst genauer vermessen werden, so Catherine Hunter, die für die Region zuständige Expertin der großen Beratungsfirma IHS Global Insight gegenüber Reuters, um die genauen Ausmaße zu erkennen und zu sehen, woher das Gas kommt. Denn das Gas könnte auch aus anderen Lagerstätten zu den Bohrstellen strömen. Gas kenne keine nationalen Grenzen. Die Unterwasserressourcen »könnten sich sehr gut bis in libanesische Gewässer erstrecken«, so Hunter an anderer Stelle. Auch die Seegrenzen müßten dringend geklärt werden. Der Streit um Landgrenzen, insbesondere die israelische Besetzung der Schebaa-Farmen und der Golanhöhen, würden nicht gerade das Vertrauen stärken, daß Israel sich an internationale Regeln halten werde. (jg)



Drohende Worte

Libanon warnt vor Eindringen in Hoheitsgewässer. Hisbollah bekräftigt Notwendigkeit des Widerstands

Von Joachim Guilliard **


Libanesische Politiker haben Israel mehrfach eindringlich davor gewarnt, in libanesischen Gewässern zu bohren. »Wir werden weder Israel noch irgendeiner Firma, die für Israel arbeitet, erlauben, sich etwas von unserem Gas, das in unsere Zone fällt, zu nehmen«, so Energieminister Gebran Bassil. Das libanesische Parlament bemüht sich derzeit, das längst überfällige Gesetz über die Ausbeutung von Öl- und Gasreserven zu verabschieden. Die Regierung in Beirut hat vor kurzem auch bei der UNO Dokumente eingereicht, in denen sie ihre Definition der Seegrenzen darlegt. Das Land will so schnell wie möglich selbst nach Rohstoffvorkommen suchen. Es hinkt allerdings Israel hinterher. Der Feind habe schon begonnen, die Vorkommen zu erforschen, während der Libanon erst ein Energiegesetz erforscht, schimpfen Hisbollah-Politiker mit bitterer Ironie. Im Gegenzug zu den Protesten aus der Zedernrepublik hat der israelische Minister für Infrastruktur, Uzi Landau, mit deutlichen Worten gedroht, sein Land werde nicht zögern, Gewalt anzuwenden, um seine Investitionen in Gasfelder zu sichern.

Die Libanesen fürchten jedoch ohnehin, daß »Israel, basierend auf seiner Geschichte der Besetzung unseres Landes und dem Raub unseres Wassers, in Libanons Gewässern bohren und seine Rohstoffe stehlen wird«, so ein Mitarbeiter des Parlamentssprechers Nabib Berri. Man werde seine Rechte auf keinen Fall aufgeben, weder zu Land, zu Wasser noch in der Luft, sondern alle Mittel einsetzen, diese Rechte zu verteidigen, erklärte ein weiterer Vertrauter Berris.

Auch die Hisbollah warnte, sie werde nicht zulassen, daß Israel Ressourcen stehle. »Die Notwendigkeit des Widerstands hat sich im Libanon angesichts der israelischen Drohungen, dessen Ölressourcen zu stehlen, verdoppelt«, sagte der Chef des Hisbollah-Exekutivrats, Hashem Safieddine, im vergangenen Sommer. »Die Notwendigkeit, den Reichtum vor den Küsten zu schützen, zwingt uns, in Zukunft die Fähigkeiten des Widerstands zu stärken.«

Große Förderanlagen auf dem Meer sind im Konfliktfall verletzliche Ziele. Die Hisbollah könnte die israelischen Einrichtungen mit Raketen angreifen und enormen Schaden anrichten, befürchten Associated Press und New York Times. Israel plane daher wohl, auf und um alle Plattformen auf See Raketenabwehrsysteme zu installieren, z.B. das neue System »Iron ­Dome«, dessen Entwicklung vermutlich auch aus diesem Grund mit so hohem Aufwand betrieben werde.

Denkbar in der Logik Tel Avivs wäre aber auch ein »präventiver Ansatz«. Durch einen erneuten Angriff auf den Libanon könnte Israel versuchen, seinen hartnäckigsten und erfolgreichsten Widersacher in der Region, die Hisbollah, so zu schwächen, daß libanesische Attacken auf israelische Anlagen im Meer auf absehbare Zeit ausgeschlossen sind.

Die Palästinenser, vor allem in Gaza, verfolgen die Entwicklung gleichfalls angespannt. Ende der 1990er Jahre war es fast so weit gewesen, daß der Konzern »British Gas« in Zusammenarbeit mit der Autonomiebehörde vor der Küste des Gazastreifens palästinensisches Gas gefördert und an Israel verkauft hätte. Ariel Scharon hatte das Projekt jedoch sofort gestoppt, als er Ministerpräsident wurde. Die Gasfelder Marine 1 und 2, deren Ressourcen im Verhältnis zu »Leviathan« und »Tamar« nicht üppig sind, liegen seither brach. Als Israel vor zwei Jahren den Gazastreifen drei Wochen lang bombardierte und die Infrastruktur zerstörte, vermuteten einige Experten, z.B. der kanadische Wirtschaftswissenschaftler Michel Chossudovsky, daß es Israel beim brutalen Vorgehen gegen die Bewohner der abgeriegelten Enklave auch um die Kontrolle der Gasvorkommen vor der Küste Gazas geht.

** Aus: junge Welt, 6. Januar 2011


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