Bolivars Erben und ihr schwieriges Erbe

Dieter Boris über die Errungenschaften und die Grenzen der Politik der lateinamerikanischen Linksregierungen

Von Tobias Lambert *

Dieter Boris liefert mit »Bolívars Erben« einen wichtigen Beitrag zur Debatte über linke Politik in Lateinamerika.

Lateinamerika war die erste Region, in der neoliberale Ökonomen ihre Patentrezepte vom Rückzug des Staates aus der Wirtschaft durchsetzten. Nach dem Putsch gegen die sozialistische Regierung unter Salvador Allende in Chile 1973 breitete sich neoliberale Politik bis in die 1980er Jahre in fast allen Ländern des Subkontinents aus. Bekanntlich brachte dieses Experiment nur vergleichsweise wenigen Menschen Reichtum und Wohlstand. Seit der Jahrtausendwende wählte die Bevölkerung in den meisten lateinamerikanischen Ländern neoliberale Regierungen wieder ab, häufig aktiv unterstützt von sozialen Bewegungen. Einen neoliberalen Rollback gab es bisher nur in vereinzelten Fällen, zum Beispiel in Honduras nach dem Putsch 2009.

Dieter Boris, hierzulande einer der profiliertesten Lateinamerikaexperten, sieht darin »eine einmalige historische Konstellation, die es in Lateinamerika seit der politischen Unabhängigkeit vor etwa 200 Jahren noch nicht gegeben hat«. Erstaunlich genug, dass sich Publikationen im deutschsprachigen Raum zwar häufig mit einzelnen Ländern, jedoch kaum mit übergreifenden Fragestellungen beschäftigen.

Mit »Bolívars Erben« legt der emeritierte Marburger Soziologie-Professor nun einen schmalen Überblick über Linksregierungen in Lateinamerika vor. Dabei geht es ihm nicht darum, die politische Situation der einzelnen Länder, denen trotz gehöriger Unterschiede jeweils das Label »Linksregierung« anhaftet, nacheinander zu diskutieren. Vielmehr widmet er sich den größeren Zusammenhängen und bezieht die südliche Region Cono Sur sowie die am weitesten links stehenden Länder Bolivien, Ecuador und Venezuela verstärkt in die Analyse mit ein. Boris beschreibt in mehreren Aufsätzen die Bedingungen und den politischen Kontext für die Abwahl neoliberaler Regierungen, die neue Wirtschafts- und Sozialpolitik, die Veränderungen der Sozialstrukturen und den Kampf um Hegemonie am Beispiel der Medienpolitik. Grundlegendere theoretische Fragestellungen diskutiert er in einem Kapitel über die Rolle des Staates in Transformationsprozessen. Wie erfolgreich die von den neuen Regierungen propagierte Abkehr vom Neoliberalismus ist und wie sinnvoll die Ansätze in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, darüber herrscht auch innerhalb der linken Debatte Uneinigkeit. Man muss im Einzelnen nicht mit Boris' Positionen einverstanden sein, etwa wie er staatskritische Ansätze wie jene der mexikanischen Zapatistas als einigermaßen naiv abtut. Auch wendet sich Boris gegen linke KritikerInnen der Regierungen, die die anhaltende Fokussierung auf Rohstoffexporte in den Mittelpunkt ihrer Analysen stellen. Aber der Autor argumentiert von einigen Spitzen abgesehen klug und legt die Errungenschaften und Grenzen der linken Projekte seriös dar. Weder unterläuft ihm der verbreitete Fehler, die progressiven Diskurse mancher Regierungen von deren konkreter Politik losgelöst zu betrachten und hochzujubeln, noch erklärt er deren Politiken für gescheitert, nur weil sie bisher kein grundlegend anderes Wirtschaftsmodell etabliert haben. Mit seinem Buch leistet Dieter Boris einen wichtigen Beitrag zu der Frage, wie linke Politik in der Praxis aussehen kann und welchen Herausforderungen sie gegenübersteht. Für die weitere Debatte ist das ein großer Gewinn.

Dieter Boris: Bolívars Erben. Linksregierungen in Lateinamerika, PappyRossa Verlag, Köln 2014, 204 Seiten, 14,90 Euro.

* Aus: neues deutschland, Dienstag 16. September 2014


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