Ein "Hinterhof" im Aufbruch

Lateinamerika und die Karibik wollen sich von den USA emanzipieren

Von Leo Burghardt, Havanna *

40 Prozent aller Pflanzenarten der Welt, 40 Prozent aller Lebewesen sind hier zu Hause. Süßwasser und fruchtbaren Boden gibt es nirgends sonst so reichhaltig wie in Lateinamerika und in der Karibik, dazu Nickel, Kupfer, Bauxit, Erdöl, Kobalt, Kohle, Edelsteine, Holz. Dieser Subkontinent, von den USA einst zum eigenen »Hinterhof« erklärt, hat alles, um geopolitisch eine tragende Rolle zu spielen. Drei Gipfel in weniger als vier Wochen bestätigten das jetzt.

Erst kam Vina del Mar in Chile, wo linke Politiker, Intellektuelle, Künstler und Parlamentarier aus Lateinamerika und Europa über das »Wie weiter?« stritten. Der sozialistische Senator Nunez aus Chile warnte dort, dass das Pendel in Lateinamerika durchaus auch wieder nach rechts ausschlagen könne, wenn die Linken nicht die einzigartigen Möglichkeiten nutzen, die sich zur Zeit bieten. Es sei eine fromme Illusion zu glauben, es gäbe keine putschbereiten Militärs mehr. USA-Präsident Barack Obama sei zwar weitaus fortschrittlicher und intelligenter als sein Vorgänger, aber weder revolutionär noch fähig, den Einfluss des Pentagons auf seine Außenpolitik grundsätzlich zu modifizieren. Wenn er das überhaupt wolle.

Dann suchte der Gipfel der Bolivarianischen Alternative für Amerika (ALBA) – von Venezuela und Kuba vor vier Jahren als Gegengewicht zu den zahlreichen kontinentalen Paktsystemen gedacht, die nach wie vor gegenüber Washington allzu zahm sind – eine gemeinsame Strategie. Was den Teilnehmern, die schon dazu beitrugen, dass die von den USA vor 17 Jahren ausgeheckte amerikanische Freihandelszone zu Grabe getragen werden musste, auch gelang. ALBA kooperiert bisher bei 112 Projekten aller Art zum gegenseitigen Vorteil.

Schließlich das Treffen von 34 lateinamerikanischen Präsidenten und Ministerpräsidenten in Port of Spain, Hauptstadt von Trinidad/ Tobago. Die Erwartungen an den 5. Amerikagipfel waren riesig, allein schon, weil Obama erstmals mit all seinen Kollegen des amerikanischen Südens Kontakt aufnehmen konnte. Er tat das erwartungsgemäß elegant und weckte Hoffnungen, dass die Hinterhofzeiten endgültig vorbei sein könnten. Obgleich das Thema Kuba gar nicht zur ursprünglichen Tagesordnung gehörte, war die Insel von Anfang bis Ende präsent – das einzige amerikanische Land, das man nicht eingeladen hatte, obwohl die Staats- und Regierungschefs des Subkontinents Havanna im Vorjahr in den Rio-Pakt aufgenommen und die Blockade ohne Wenn und Aber verurteilt hatten.

Die Meinungen über den Gipfel sind geteilt. Obama gab sich am Ende vor der Presse allzu »selbstzufrieden« (Fidel Castro). Viele Fragen bleiben offen. Oder kann man sie gar rückwärts gewandt bezeichnen? Kuba wurde von den USA mit ein paar schon vorher bekannten Brosamen abgespeist. Die finanziellen, wirtschaftlichen, klimatischen, politischen, Umwelt- und Energiekrisen fanden Erwähnung, jedoch keine seriöse Analyse. Die Lösung der Probleme der Region will man vorwiegend der Organisation Amerikanischer Staaten übertragen, 1948 auf Initiative der USA gegründet und ihnen jahrzehntelang zu Diensten. Sie ist zwar nicht mehr das »Kolonialministerium« Washingtons, aber ihr Ruf ist für immer lädiert.

Und ausgerechnet sie soll Lösungen finden, so wie der Internationale Währungsfonds und die Interamerikanische Bank, Miturheber der unbezahlbaren Schulden und der Armut des Subkontinents? Doch die Region will gehört werden, und Panamas Präsident Martin Torrijos hat zumindest »Tauwetter« in den Beziehungen Lateinamerika - USA ausgemacht. Viele sagen, das sei der letzte Gipfel in dieser Form gewesen. Nicht nur, weil sich niemand als Gastgeber für den nächsten angeboten hat. Ohne Kuba würde es sowieso nicht wieder funktionieren.

* Aus: Neues Deutschland, 28. April 2009


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