Solidarisch mit den Basisbewegungen

Die "Lateinamerika Nachrichten" feiern ihre 400. Ausgabe und machen munter weiter

Von Christian Klemm *

Die Zeitschrift »Lateinamerika Nachrichten« (LN) hat jüngst ihre 400. Ausgabe veröffentlicht. Dieses Jubiläum bietet Gelegenheit, auf mehr als drei Jahrzehnte solidarischer Berichterstattung aus und über Lateinamerika zurückzublicken und ein wenig die neueste Geschichte des Subkontinents zu betrachten.

Die Militärdiktaturen in Südamerika sind Geschichte. Ohne sie wären die »Lateinamerika Nachrichten« kaum entstanden und dennoch führte ihr Ende nicht zum Ende der Zeitschrift. Solidarität mit Salvador Allende und dem Widerstand gegen Augusto Pinochet und der Kampf der Sandinisten gegen die Herrschaft Somozas waren zentrale Inhalte in den siebziger Jahren. »Heute sind wir mit den demokratischen Basisbewegungen Lateinamerikas solidarisch«, beschreibt Anna Schulte, eine der beiden Geschäftsführerinnen der »Lateinamerika Nachrichten«, die aktuelle politische Tendenz der Zeitschrift.

Deren Anfänge kennt sie, die seit vier Jahren bei den LN dabei ist, aus Erzählungen. Alles begann mit der Regierung von Salvador Allende in Chile. Das Regierungsbündnis der Unidad Popular, dem Allende bis zu seiner Ermordung am 11. September 1973 vorstand, fand weltweite Solidarität. So unterstützten auch viele westdeutsche Linke den Sozialismus Chiles. Um über die Ereignisse in dem südamerikanischen Land und drohende Gefahren zu informieren, gründete ein kleines, unentgeltlich arbeitendes Redaktionskollektiv 1973, einige Wochen vor dem Putsch durch Augusto Pinochet, die »Chile Nachrichten«. Aus heutiger Perspektive hat der Putsch des chilenischen Militärs eine Doppelbedeutung: Zum einen wurde Chile zum Prototyp der Militärdiktatur südamerikanischer Prägung, zum anderen brachte der US-amerikanische Ökonom Milton Friedman durch die Diktatur Pinochets das neoliberale Wirtschaftsmodell nach Lateinamerika. Beides hatte verheerenden Folgen.

In der zehn Mal im Jahr erscheinenden Zeitschrift fanden verstärkt auch andere Themen aus der Region Beachtung. In Nicaragua kämpfte die Sandinistische Befreiungsfront (FSLN) gegen die Familiendynastie der Somozas. Die »Frente Farabundo Marti para la Liberacion Nacional« (FMLN) kämpfte in El Salvador gegen die Statthalter der USA und für eine sozialistische Erneuerung des Landes. In Guatemala konnte die Revolutionäre Union Guatemalas (URNG) der guatemaltekischen Regierung schwer zusetzen. Seit Anfang der sechziger Jahre stand auch Kolumbien im Fokus des antiimperialistischen Guerillakampfes. Sowohl die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) als auch das Nationale Befreiungsheer (ELN) operierten gegen die Regierungstruppen. Entsprechend berichtete die Zeitschrift auch über politische Entwicklungen und Ereignisse außerhalb Chiles. Die 1977 erfolgte Umbenennung in »Lateinamerika Nachrichten« war somit ein logischer Schritt.

Mit der Abwahl der Sandinisten 1990 in Nicaragua und dem Friedensabkommen von 1992 in El Salvador brach die Solidaritätsbewegung in der Bundesrepublik ein. Auch die LN bekamen das bei der Auflage zu spüren. In ihrer Gründungszeit wurden monatlich bis zu 8000 Exemplaren gegen Spende an Mann und Frau gebracht – jetzt sichern über 1000 Abonnenten und der freie Verkauf die Existenz.

Geändert hat sich nicht nur die Auflage, auch die Themenschwerpunkte haben sich verschoben. In den neunziger Jahren rückte unter anderem die indigene Befreiungsbewegung des Zapatistischen Befreiungsheeres (EZLN) im mexikanischen Bundesstaat Chiapas in den Vordergrund. Mit der Wahl von Hugo Chávez in Venezuela 1998 stieg auch innerhalb der LN die Hoffnung auf eine Rückkehr fortschrittlicher Politik in Lateinamerika. Über die Bolivarianische Revolution Venezuelas wird in der LN permanent berichtet – über die oben und die unten.

Ähnlich positiv fasst das Redaktionskollektiv der LN, das sich seit der Gründung ständig erneuerte, die aktuellen Prozesse in Bolivien und Ecuador auf. Beide Staaten beabsichtigen, die historische Unterdrückung der indigenen Bevölkerungsmehrheit zu beenden. Sowohl Bolivien, das mit Evo Morales als erste südamerikanische Nation einen indigenen Präsidenten stellt, als auch Ecuadors Linksregierung von Rafael Correa haben sich die Neugründung ihrer Staaten als Regierungsziel gesetzt. Seit Hugo Chávez die Regierungsgeschäfte in Venezuela übernommen hat, ist auch die Lateinamerika-Solidarität in der Bundesrepublik wieder stärker geworden. Entsprechend ist auch das Interesse an der LN in den letzten Monaten wieder gestiegen. »Eine breite Solidaritätsbewegung wie in den achtziger Jahren ist es aktuell noch nicht«, relativiert Anna Schulte gegenüber ND. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. 400 Ausgaben LN hätten 1973 nicht mal die kühnsten Optimisten prophezeit.

* Aus: Neues Deutschland, 16. Oktober 2007


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