Konjunktur im Hinterhof

Lateinamerika: Regionaler Handel boomt. Position gegenüber den USA erstarkt

Von Gustavo González, IPS *

Lateinamerika gewinnt im regionalen und globalen Handel zusehends an Gewicht und hat mittlerweile eine Position relativer Unabhängigkeit von den USA erlangt. Entsprechend selbstbewußt reagieren Argentinien, Brasilien und Venezuela auf Drohungen Washingtons, die Staaten aus dem Präferenzhandelssystem GSP auszuschließen.

Mitte August hat die US-Regierung die drei wirtschaftlichen Schwergewichte des Subkontinents vor einer Abschaffung oder Einschränkung der Vergünstigungen beim Zugang zum US-amerikanischen Markt gewarnt, sollten sie die regionalen Integrationspläne der USA nicht unterschreiben. Bei aller Macht, konterte daraufhin der argentinische Staatspräsident Néstor Kirchner, fehle den USA die wirtschaftliche Stärke, abtrünnige Länder so zu sanktionieren, wie es einst das Römische Reich getan habe.

Handel verdoppelt

Ebenfalls im August bescheinigte der Lateinamerikanische Verband für Integration (ALADI) mit Sitz in Montevideo seinen zwölf Mitgliedern einen seit 2003 um 110 Prozent gewachsenen gemeinsamen Handel. 2003 lag der Wert bei gerade 43 Milliarden Dollar, für 2006 aber werden 94 Milliarden Dollar erwartet – ein 21,2prozentiges Wachstum im Vergleich zu 2005.

Die jüngsten Angaben stützen sich auf Daten aus elf Staaten, für Kuba lagen keine aktuellen Zahlen vor. Zugpferde sind die Wirtschaften von Brasilien, Nummer eins im regionalen Handel, und das Erdölexportland Venezuela, das für 14 Prozent des regionalen Handels verantwortlich ist. Argentinien, Chile, Mexiko und Kolumbien sind zu je elf Prozent, Peru und Uruguay zu acht bzw. sieben Prozent beteiligt.

Günstig wird sich nach ALADI-Schätzungen auch die Handelsbilanz für 2006 ausnehmen. Die Organisation, die 1980 an die Stelle des früheren Lateinamerikanischen Verbandes für Freihandel (ALALC) trat und auch Bolivien, Ecuador und Paraguay umfaßt, schätzt den Wert der Exporte für 2006 auf 620 Milliarden Dollar, den Wert der Importe auf 520 Milliarden Dollar. Im Vergleich zum Vorjahr bedeute dies ein Wachstum von 18,9 Prozent für die Exporte und eines von 17,7 Prozent für die Importe.

Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird der Anteil der Region Lateinamerika am Welthandel 2006 bei 5,5 Prozent liegen, bei 5,1 Prozent lag er im vergangenen Jahr.

2006 soll das globale Bruttoinlandsprodukt um 3,8 Prozent wachsen, für die lateinamerikanisch-karibische Region rechnet die zuständige UN-Wirtschaftskommission CEPAL mit einem Wachstum von fünf Prozent. Für alle Entwicklungsländer wird ein Wachstum von sechs Prozent angenommen. Treibende Kraft wird wie in den vergangenen fünf Jahren der asiatische Wachstumsriese China sein.

Der China-Faktor

Von seinem Rohstoffhunger profitieren nicht zuletzt Venezuela als Öl- und Chile als Kupferlieferant. Am 24. August hat die chilenische Staatspräsidentin Michelle Bachelet ein im vorigen Jahr vereinbartes Freihandelsabkommen mit China unterzeichnet, und der venezolanische Staatschef Hugo Chávez war Ende August in Peking, um sich Chinas Unterstützung für die Wahl seines Landes in den UN-Sicherheitsrat zu sichern und den Rohölverkäufen nach China einen weiteren Schub zu geben.

Unterdessen schwächelt das von Washington geplante gesamtamerikanische Freihandelsabkommen (FTAA), und die Abschlüsse von bilateralen Freihandelsabkommen mit den Andenstaaten stehen vor Hindernissen. Noch sind die Verträge mit Kolumbien und Peru nicht ratifiziert, und Bolivien und Ecuador – ihre Partner in der Andengemeinschaft – würden einer Ausweitung des bestehenden Präferenzhandels den Vorzug vor einem Freihandelsabkommen geben. Sollte Chile, dessen Freihandelsabkommen mit den USA bereits in Kraft ist, der Andengemeinschaft als assoziiertes Mitglied beitreten, könnte sich die Lage ändern und der Gruppendruck auf Bolivien und Ecuador wachsen. Einige Beobachter sprechen bereits von einer Pazifikachse – bestehend aus Chile, Kolumbien und Peru. Sie sehen Bolivien und Ecuador einknicken und die USA ihre Fühler auch nach Paraguay und Uruguay, den beiden kleineren Mitgliedern im Gemeinsamen Markt des Südens (MERCOSUR) ausstrecken.

* Aus: junge Welt, 26. September 2006


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