Kontinent auf wankenden Planken

Lateinamerika: UN-Studie warnt trotz hoher Wachstumsraten vor Euphorie

Von Benjamin Beutler *

Auch wenn Lateinamerika die Finanzkrise ohne großen Schaden überstanden hat, hängt die Wirtschaft des Kontinents in großem Ausmaß von der »schrittweisen Erholung« in Europa und den USA ab. Das ist ein Ergebnisse der »Studie zur wirtschaftlichen Lage Lateinamerikas und der Karibik«, die alljährlich von der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen, CEPAL, herausgegeben wird.

Für 2011 wird der Region ein durchschnittliches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 4,7 Prozent vorausgesagt, was einem BIP-Anstieg pro Kopf von 3,6 Prozent entspricht. Wegen der »verlorenen Dynamik der internationalen Wirtschaft« sei 2012 mit einem leicht abgeschwächten Wachstum von 4,1 Punkten zu rechnen. Allerdings bringe die »externe Konjunktur eine anhaltend hohe Unsicherheit« mit sich, so die Ökonomen. Hauptgrund für die attestierte »Solidität der lateinamerikanischen Ökonomien« sei neben den boomenden Rohstoffexporten die gesunde Binnennachfrage, getragen von stetig mehr konsumierenden Privathaushalten und verstärkt in Infrastruktur investierende Staaten.

Dass die Verbraucher in Lateinamerika im Durchschnitt mehr Geld in der Tasche haben – im vergangenen Jahr stieg der Privatkonsum um fast sechs Prozent – liegt laut CEPAL-Expertise an der Verbesserung der »Arbeitsindikatoren«, sprich mehr Lohn und weniger Arbeitslosigkeit (sieben Prozent). Auch stünde den Verbrauchern nach der Erholung der im Krisenjahr 2009 dramatisch eingebrochenen Rücküberweisungen (Remesas) von Exil-Latinos sowie in Gestalt schneller Kredite heute deutlich mehr Cash zur Verfügung.

Doch folgt dem Kaufrausch nicht selten Katzenjammer. Das für Lateinamerika neue Massenkonsum-Phänomen hat etwa im »Wirtschaftswunderland« Brasilien zu einem Rekord der Privatverschuldung geführt. Lag deren Gesamtverschuldung Ende 2009 bei 485 Milliarden Reais (218 Milliarden Euro), so kletterte sie laut einer Studie der Agentur LCA Consultores im April dieses Jahres auf 653 Milliarden Reais (294 Milliarden Euro). Im Schnitt 40 Prozent des Jahreseinkommens aller Lohnabhängigen fließen damit an die Banken des Landes. Kein Wunder, kann an Brasiliens Stränden selbst eine Kokosnuss mit Strohhalm per Kreditkarte bezahlt werden. Bei einem durchschnittlichen Zinssatz für Privatkredite von 46 Prozent, für Sonderschecks gar bei 193 Prozent, schmeckt der süße Saft schnell bitter.

Die CEPAL-Experten aber treiben andere Sorgen um. Der Rohstoffboom ist ein zweischneidiges Schwert. Die 2010 sprunghaft gestiegene internationale Nachfrage nach immer teurer gehandelten Rohstoffen (Öl, Gold, Kupfer, Eisenerze) und landwirtschaftlichen Produkten (Soja, Fleisch) sorge für einen »wieder erstarkten Appetit ausländischer Investoren«. Die Kapitalflut gen Neue Welt könnte eine gefährliche Aufwertung der nationalen Währungen verursachen und den ohnehin schon strukturschwachen Export von Industrie- und Handwerksprodukten abwürgen. Mehr ausländische Direktinvestitionen erhöhen die Spekulationsgefahr und die Bildung von Blasen, vor allem im boomenden Bausektor. In Bolivien etwa, das derzeit besonders von hohen Rohstoffpreisen profitiert, haben sich Grundstückpreise vervierfacht. Inflationsdruck, Wettbewerbsverlust durch teure Währungen und mangelnde Diversifizierung der Wirtschaft, das sind die wankenden Planken des lateinamerikanischen Wirtschaftswachstums.

* Aus: Neues Deutschland, 20. Juli 2011


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